Die Bundesnetzagentur hat ihr Versorgungssicherheitsmonitoring fertiggestellt. Das Bundeskabinett hat den Bericht am Mittwoch verabschiedet. "Die Stromversorgung ist auch in Zukunft sicher", sagte Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur.
Grundsätzlich zog die Agentur darin zwei verschiedene Szenarien heran, einmal das Zielszenario, dass davon ausgeht, dass alle politischen und gesetzlichen Ziele erreicht werden – "Zielszenario". Außerdem wurde das Szenario "Verzögerte Energiewende" beleuchtet. Dieses geht davon aus, dass sich unter anderem der Ausbau der erneuerbaren Energien verzögert. Ein Überblick über die wichtigsten Punkte des Monitorings.
Lücke in der Stromversorgung
Wenn die gesetzlichen Ziele der Energiewende nicht eingehalten werden, könnte es zu einer Lücke am Strommarkt kommen. "Durch diese Verzögerungen kann es im Jahr 2030 zu seltenen Situationen kommen, in denen der Strommarkt die Nachfrage nicht vollständig decken kann", sagte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) anlässlich der Veröffentlichung des Monitorings. "In solchen Fällen müssten beispielsweise zusätzliche Reserven außerhalb des Strommarktes für die Versorgungssicherheit eingesetzt werden."
Für das Zielszenario wird im Bericht angegeben, dass die Last im Jahr 2030 lediglich an 0,01 Stunden im Jahr nicht vom Markt gedeckt werden kann, für das Jahr 2035 werden 0,28 Stunden angegeben. Mit diesen Werten kann es als versorgungssicher bezeichnet werden, heißt es in dem Bericht der Bundesnetzagentur.
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Flexibilität entscheidender Faktor
Angenommen der Ausbau der erneuerbaren Energien verzögert sich um zwei Jahre im Vergleich zum Zielszenario, erhöhen sich die Werte auf 0,24 beziehungsweise 1,01 Stunden pro Jahr.
In einem anderen Fall wurde angenommen, dass die Nachfrageflexibilität lediglich 20 Prozent des Zielszenarios erreicht. Dass also beispielsweise durch einen langsameren Smart-Meter-Ausbau die Lasten nicht flexibel abgerufen oder eingespeist werden können. Dabei würden sich die Werte auf 7,7 Stunden pro Jahr beziehungsweise 11,6 Stunden pro Jahr erhöhen. Damit liegen die Werte in diesem Szenario in beiden Jahren über dem Effizienzschwellenwert von 2,77 Stunden pro Jahr, was wiederum bedeutet, "dass zu wenig Leistung im Energiesystem vorhanden ist, um die Anzahl der unterdeckten Stunden auf ein effizientes Niveau zu verringern."
Smart-Meter-Rollout:Der aktuelle Stand
Kraftwerksstrategie
Im Koalitionsvertrag haben sich Sozialdemokraten und Union auf einen Zubau von bis zu 20 Gigawatt an Gaskraftwerken, also regelbare Kraftwerke, verständigt. Der Versorgungssicherheitsbericht kommt zu dem Schluss, "dass die in der Kraftwerksstrategie vorgesehene Kraftwerksleistung nicht ausreicht".
Im Zielszenario liegt der notwendige Zubau bis 2035 demnach bei 22,4 Gigawatt, im verzögerten Szenario beträgt der Bedarf bis zu 35,5 Gigawatt. Die Kraftwerksstrategie muss also um "weitere, neue regelbare Kapazitäten ergänzt werden". Auf einer Pressekonferenz nach der Kabinettssitzung stellte Ministerin Reiche keine Anpassung der Strategie in Aussicht. Hintergrund sei, dass diese als Zieljahr 2030 habe und nicht, wie der Bericht, das Jahr 2035. Anders als im Bericht der Bundesnetzagentur sprach Reiche in ihrem Statement nicht von regelbaren Kraftwerken, sondern von Gaskraftwerken.
Im Zielszenario sind im Jahr 2035 insgesamt 45,4 Gigawatt an Erdgas- beziehungsweise Wasserstoffkraftwerken installiert. Im Jahr 2030 lediglich 32,8 Gigawatt. Insgesamt sollen dann steuerbare Leistungen in Höhe von 76 Gigawatt (2030) beziehungsweise knapp 90 Gigawatt (2035) installiert sein.
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Netzausbau
Sowohl für das Jahr 2030 als auch für das Jahr 2035 konstatiert der Versorgungssicherheitsbericht, dass der "angenommene Netzausbauzustand allein nicht ausreicht, um die Sicherheit und Zuverlässigkeit des Stromnetzes zu gewährleisten". Was wiederum ergänzende netzbezogene Maßnahmen notwendig macht. Darunter fallen unter anderem Eingriffe in Kraftwerksfahrweisen und EE-Anlagen.
"Da der Netzausbau bisher verzögert gegenüber dem EE-Ausbau, der Zunahme von Flexibilitäten und dem europäischen Stromhandel erfolgt, bleibt Redispatch bis auf Weiteres erforderlich." Der Redispatch-Bedarf wird von 45,3 Terrawattstunden im Jahr 2026 auf 6,8 Terrawattstunden im Jahr 2035 sinken, so die Annahme.
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Fazit
Netzagentur-Chef Müller betont in seinem Vorwort die Dringlichkeit: "Da die Zeit drängt, müssen in der kürzlich begonnenen Legislaturperiode möglichst rasch gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen werden". Wie bereits der letzte Versorgungssicherheitsbericht, weist auch der vorliegende darauf hin, dass ein Zubau an steuerbaren Kraftwerksleistungen notwendig ist, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. "Um das beste Tempo zu erreichen, sollte nun mit dem schnellen Zubau von Kraftwerken und der von Brüssel zu genehmigenden Menge begonnen und die verbleibende Lücke an Gigawatt über den Kapazitätsmarkt abgebildet werden", sagte Kerstin Andreae, Vorsitzendes der Geschäftsführung des BDEW.
Eine weitere Stellschraube ist die Flexibilisierung. Der Einfluss der Nachfrage-Flexibilitäten ist deutlich größer als der Ausbau der erneuerbaren Energien. Zu den Flexibilitäten gehören neben der Elektromobilität (anpassbare Ladezeiten), Wärmepumpen, Elektrolyseure und Batteriespeicher. "Vielmehr ist ein weiterhin hohes Tempo beim Ausbau erneuerbarer Energien unerlässlich. Vor allem müssen die Effizienzpotenziale von Nachfrageflexibilisierung, sowohl von Kleinanlagen als auch in der Industrie, und Speichern für das Stromsystem endlich gehoben werden", sagte Wolfgang Weber, Vorsitzender der Geschäftsführung des Verbands der Elektro- und Digitalindustrie.
Damit die Flexibilisierungspotentiale am Markt zur Verfügung gestellt werden können, müssen die notwendigen Infrastrukturen geschaffen werden. Dabei spielt vor allem der Smart-Meter-Rollout eine bedeutende Rolle.
"Der Schlüssel für eine stabile und bezahlbare Energieversorgung liegt im weiteren Ausbau und in der Digitalisierung unserer Infrastruktur. Wir dürfen beim Ambitionsniveau nicht nachlassen. Im Gegenteil zeigt der Bericht, dass selbst die bisher geplanten Vorhaben das Minimalziel zur Erreichung der netzseitigen Versorgungssicherheit darstellen“, sagte Weber.



