Die Füllstände der Gasspeicher in Deutschland sinken und sinken. Am Montagmorgen waren sie im Schnitt nur noch zu 24 Prozent voll. Dabei stehen der Republik weitere kalte Tage bevor.
Ein kühler Empfang droht auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU), wenn sie diesen Dienstag gemeinsam mit Bundesnetzagentur-Chef Klaus Müller dem Energieausschuss des Bundestags Rede und Antwort steht. Die Sondersitzung, die als digitale Zoom-Konferenz stattfindet, wurde von der Fraktion der Grünen initiiert.
Im Wirtschaftsministerium gibt man sich angesichts der Speichersituation eher gelassen. Mehrfach hatte Reiche in den vergangenen Wochen betont, dass es keinen Grund zur Sorge gebe. Auch der Verband "Gas- und Wasserstoffwirtschaft" hält nach jetzigem Stand die Versorgung aller Kunden für gesichert – "vorausgesetzt, es gibt diesen Winter keine extremen Kälteperioden oder andere unerwartete Ereignisse", wie er am Montag schrieb.
Drängender erscheint zurzeit die Frage, welche Lehren Deutschland aus der deutschen Gasspeicher-Misere für die Zukunft zieht. Wir haben mögliche Auswege zusammengefasst.
1. Weg: Beibehaltung der Füllstandsvorgaben
Aktuell gelten für Deutschlands Gasspeicherbetreiber stichtagsscharfe Füllstandsvorgaben (siehe Faktenbox). Aus Sicht der Unternehmensberatung Frontier Economics hätte eine Beibehaltung dieser Vorgaben einen "positiven" Effekt auf die Versorgungssicherheit. Das Risiko kurzfristiger Engpässe würde so abgemildert, heißt es in einer Studie vom Oktober 2025. Jedoch könnten die Maßnahmen keine dauerhaft hohen Füllstände garantieren – da sich die Vorgaben an Stichtagen orientieren. Außerdem würden durch die Vorgaben die marktbasierten Einspeicherungsanreize gemindert.
Mit Blick auf die Kosteneffizienz bewertet Frontier Economics die Beibehaltung der Vorgaben als "sehr negativ". Marktakteure müssten unabhängig von Preissignalen befüllen, was "ineffiziente Beschaffungsentscheidungen" hervorrufen kann. Die praktische Umsetzbarkeit wird als neutral bewertet.
Die aktuellen Vorgaben
Derzeit gelten für Gasspeicher in Deutschland Füllstandsvorgaben. Geregelt werden diese in der Gasspeicherfüllstandsverordnung und dem Energiewirtschaftsgesetz. Sollten die Füllstände zum jeweiligen Stichtag nicht eingehalten werden, kann Trading Hub Europe (THE) als Marktgebietsverantwortlicher von der Bundesregierung als sogenannter "Buyer of Last Resort" ("Abnehmer letzter Instanz") mit der Befüllung beauftragt werden. Seit Mai 2025 sind folgende Vorgaben vorgesehen:
Am 1. November jeweils ein Füllstand von:
80 Prozent in jeder Gasspeicheranlage, mit folgenden Ausnahmen: Gasspeicheranlagen Bad Lauchstädt, Frankenthal, Hähnlein, Rehden, Stockstadt und Uelsen. Diese müssen aufgrund ihrer deutlich geschwindigkeitsreduzierten Ein- und Ausspeicherleistung sowie ihrer geografischen Lage lediglich 45 Prozent ausweisen.
Am 1. Februar jeweils ein Füllstand von
30 Prozent in jeder Gasspeicheranlage, mit folgenden Ausnahmen: Gasspeicheranlagen Bierwang, Breitbrunn, Inzenham-West und Wolfersberg. Bei diesen ist ein Füllstand von 40 Prozent erforderlich.
Die Vorgaben in der aktuellen Form sind laut Verordnung bis zum 31. März des kommenden Jahres in Kraft. "Die gesetzlichen Füllstandsvorgaben für die Gasspeicher von 30 Prozent zum 1. Februar wurden eingehalten", sagte der wirtschafts- und energiepolitische Sprecher der Union, Andreas Lenz (CSU) laut Deutscher Presse-Agentur.
2. Weg: Abschaffung der Füllstandsvorgaben
Eine ersatzlose Abschaffung der Füllstandsvorgaben, also eine Rückkehr zur Vor-Energiekrisenzeit, könnte laut Frontier Economics einen positiven Effekt auf die privatwirtschaftliche Einspeicherung haben. Die marktliche Versorgungssicherheit könnte gestärkt werden. Demnach könnte flexibler auf das gesteigerte LNG-Angebot und auf Preissignale reagiert werden.
Aus Kosteneffizienz-Aspekten wird die Abschaffung als neutral bewertet. Insbesondere bei saisonaler Einspeicherung könnte die Effizienz gesteigert werden. Im Falle einer Krisensituation wären jedoch teure Ad-hoc-Lösungen notwendig. An sich wäre eine ersatzlose Abschaffung der Füllstandsvorgaben gut umsetzbar.
Die aktuelle politische Situation
Die energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Nina Scheer, sagte im Gespräch mit der ZFK: "Angesichts der aufgebauten LNG-Anlandungsmöglichkeiten und LNG-Lieferungen besteht nach aktueller Datenlage kein Handlungsbedarf für mehr vorzuhaltende Gasmengen."
Die Grünen sehen die Situation kritisch. Michael Kellner, energiepolitischer Sprecher der Grünen, sagte: "Wir haben immer leerere Gasspeicher, Wochen vor Ende der Heizperiode. Seit Sommer letzten Jahres ignoriert die Regierung dies. Ein normaler Winter bringt uns an unsere Grenzen."
Das Wirtschaftsministerium antwortete auf ZFK-Anfrage so: "Generell gilt, die Speicherbefüllung muss marktlich erfolgen, staatliche Eingriffe können dies gegebenenfalls unterstützen oder ergänzen, aber nicht ersetzen".
3. Weg: Einführung einer strategischen Reserve
Aus Sicht von Klaus Müller, Chef der Bundesnetzagentur, haben sich die Füllstandsvorgaben als eher sperrig und marktverzerrend erwiesen. Der Vorschlag von Müller: eine strategische Gasreserve zur Absicherung der Gasversorgung. Als Vorbild könnte die strategische Ölreserve dienen.
Deutschlands Nachbarland Österreich setzt bereits auf eine strategische Gasreserve. Die Bundestagsfraktion der Union sprach sich jüngst in einem Positionspapier ebenfalls für die Prüfung einer solchen Reserve aus. Die Prüfung einer strategischen Gasreserve müsse jetzt schnell erfolgen, findet auch Lenz im Gespräch mit der ZFK.
"Bei einer strategischen Reserve wäre erneuerbaren Energien inklusive grünem Wasserstoff der Vorrang einzuräumen", sagte SPD-Energiepolitikerin Nina Scheer auf ZFK-Anfrage. "Jede Sicherungsmaßnahme muss auch unsere Resilienz und nachhaltige Wertschöpfung stärken." Vom Wirtschaftsministerium hieß es auf Nachfrage zur Einführung einer möglichen Reserve lediglich: "Es gibt derzeit noch keine Entscheidung zu einer strategischen deutschen Gasreserve." Im Vergleich zu Füllstandsvorgaben wird bei einer strategischen Reserve ein Teil der Speicher staatlich befüllt. Der Rest wird dem Markt überlassen.
Lesen Sie auch: Kälte und niedrige Füllstände könnten LNG-Bedarf in die Höhe treiben
In der Studie von Frontier Economics wird die Einführung einer Reserve als sehr positiv für die Versorgungssicherheit bewertet. Eine Gasreserve wäre demnach das wirksamste der untersuchten Instrumente. Die Maßnahme könnte entscheidend zur strukturellen Resilienz der Gasversorgung beitragen.
Ein weiterer Vorteil aus Sicht des Beratungsunternehmens: Marktliche Preissignale bleiben im Grundsatz erhalten. Unter den Gesichtspunkten der Kosteneffizienz und der Umsetzbarkeit, wird die Einführung einer Reserve als neutral bewertet.
Wenig aussichtsreiche Wege
Die Studie hat zwei weitere Mechanismen betrachtet. Das strategische Befüllungsinstrument, bei dem über Differenzverträge subventioniert wird und die Lieferantenverpflichtung. Die praktische Umsetzung wird jedoch als sehr negativ beziehungsweise negativ bewertet. Auch in den anderen Bewertungskategorien konnten die Konzepte nicht überzeugen.
Der französische Weg
Aussichtsreicher erscheint das Modell, mit dem in Frankreich gearbeitet wird – zumindest, wenn es nach der Unions-Fraktion im Bundestag geht. Im Nachbarland ist seit 2018 eine wirtschaftliche Regulierung der Speicherinfrastruktur durch die Kommission für Energie-Regulierung (CRE) vorgesehen. Nach Darstellung der Kommission sei durch das Modell in den vergangenen Jahren nahezu die gesamte angebotene Kapazität verbindlich gebucht worden.
Konkret gilt für die Betreiber von Gasspeichern in Frankreich eine regulierte Erlösobergrenze. Kapazitäten werden über Auktionen angeboten. Werden die festgelegten Füllstände über die Auktionen nicht marktlich befüllt, springt CRE ein und befüllt. Das Befüllungsziel liegt bei 90 Prozent. Die Kosten werden nicht direkt aus dem staatlichen Haushalt bezahlt, sondern über eine Umlage von den Endverbrauchern eingefordert.
"Natürlich müssen wir auch schauen, wie andere Länder vorgehen. In Frankreich wird quasi eine 'Vollkasko'-Versicherung gegeben", sagt Lenz im Gespräch mit der ZFK.



