Der SEK-CHef Carsten Liedtke war bislang einer der stellvertretenden Vorsitzenden des VKU NRW, zu dem 345 Mitgliedsunternehmen gehören.

Der SEK-CHef Carsten Liedtke war bislang einer der stellvertretenden Vorsitzenden des VKU NRW, zu dem 345 Mitgliedsunternehmen gehören.

Bild: © Stadtwerke Krefeld

Zwar kommt der Begriff Wärmewende im schwarz-roten Koalitionsvertrag nicht vor, das heißt aber nicht, dass das Thema insgesamt ausgespart wurde. Im Gegenteil: Union und SPD versprechen ein technologieoffeneres und einfacheres Gebäudeenergiegesetz. Außerdem wollen sie die AVB Fernwärmeverordnung und die Wärmelieferverordnung zügig überarbeiten. Im exklusiven ZfK-Interview erklärt Carsten Liedtke, was er sich als Krefelder Stadtwerkechef von einer neuen Bundesregierung erwartet und für wie realistisch er das Ziel seiner Stadt hält, bis 2035 klimaneutral zu sein.

Herr Liedtke, in gut einem Jahr muss Krefeld seine Wärmeplanung vorlegen. Nun kündigen Union und SPD im Koalitionsvertrag an, das Heizungsgesetz abzuschaffen und durch ein neues technologieoffenes Gebäudeenergiegesetz zu ersetzen. Schafft das nicht neue Unsicherheit?

Das ganze Gesetz einzureißen würde jedenfalls viel zu weit gehen. Wir brauchen keine Abschaffung, sondern ein Feintuning. Die angekündigte technologieoffenere Ausgestaltung und engere Verzahnung mit der kommunalen Wärmeplanung halte ich aber für richtig. Wichtig ist, dass beispielsweise der Paragraf 71 praxistauglicher gemacht wird. Aktuell sind dort zum Beispiel die Hürden für Wasserstoffheizungen so hoch, dass diese Option praktisch ausscheidet.

Aber sind Wasserstoffheizungen in Wohnungen als Wärmeoption für Krefeld überhaupt realistisch?

Natürlich. Wir haben in Krefeld ein Gasnetz, das in weiten Teilen geeignet ist, Wasserstoff zu transportieren. Wir werden voraussichtlich auch zwei Anschlüsse ans Wasserstoffkernnetz bekommen. Das sind schon mal ganz wichtige Voraussetzungen, um über diese Option nachdenken zu können. Dazu kommt, dass wir Blockheizkraftwerke und Industrieabnehmer in der Stadt haben, die noch mit Gas beliefert werden, künftig aber auf Wasserstoff umsteigen werden.

Warum sollten dann geeignete Gebäude links und rechts der Trasse nicht die Möglichkeit bekommen, über umgewidmete Gasleitungen künftig mit Wasserstoff versorgt zu werden? Es wäre töricht, das nicht weiterzuverfolgen. Klar ist aber auch: Zuerst muss die Politik die entsprechenden Rahmenbedingungen setzen.

"Wir brauchen Klarheit darüber, wann Wasserstoff in größeren Mengen nach Deutschland kommt."

Nämlich?

Wir brauchen Klarheit darüber, wann Wasserstoff in größeren Mengen nach Deutschland kommt; denn ich glaube nicht, dass wir ausreichend Wasserstoff erzeugen können. Außerdem brauchen wir ein regulatorisches System zum Aufbau und zur Finanzierung von Wasserstoffverteilnetzen. Auch hier hat die Politik noch keine Grundlage geschaffen. Das muss schnell angegangen werden.

Kommen wir zurück zur Krefelder Wärmeplanung. Wie weit ist sie schon fortgeschritten?

An sich schon sehr weit. Wir haben der Stadt aber empfohlen, noch abzuwarten, welche gesetzlichen Änderungen die neue Bundesregierung vornehmen will, gerade auch was die Fernwärme betrifft.

Tatsächlich haben sich Union und SPD dort einiges vorgenommen. Sie wollen die Bundesförderung für effiziente Wärmenetze gesetzlich regeln und aufstocken.

Wir begrüßen das. Dadurch haben wir eine bessere Kalkulationsbasis. Misslich ist, dass die von uns geforderten 3,5 Milliarden Euro pro Jahr an BEW-Fördergeldern nicht im Koalitionsvertrag stehen. Wird nicht entsprechend aufgestockt, wird die Fernwärme in Deutschland auch nicht im benötigten Tempo ausgebaut werden.

Union und SPD wollen zudem die AVB Fernwärmeverordnung und die Wärmelieferverordnung zügig überarbeiten und modernisieren.

Hier wird es vor allem auf die genaue Ausgestaltung ankommen. Wir in Krefeld sind bereits in Vorleistung gegangen und haben unsere Lieferbedingungen auf einen Index umgestellt, der weniger auf dem Gas-, sondern dem durchschnittlichen Wärmepreis in Deutschland basiert – so wie es sich die Politik gewünscht hat.

Mit welchen Folgen?

Wir mussten die Preise deutlich anheben. Ab Oktober werden es 15,16 Cent pro Kilowattstunde sein. Damit haben wir aber immer noch einen vergleichsweise günstigen Wärmepreis.

"Auch die Kosten für andere Formen der Wärmeversorgung steigen tendenziell."

Ist damit die Obergrenze erreicht?

Nein, wir müssen davon ausgehen, dass die Kosten durch den Netzausbau weiter nach oben gehen werden. Auch das wird sich in unseren Wärmepreisen bemerkbar machen. Da wird noch einiges auf uns zukommen.

Wie vermitteln Sie das Ihren Kunden?

Wir verweisen darauf, dass auch die Kosten für andere Formen der Wärmeversorgung tendenziell steigen. Wir sind zudem davon überzeugt, dass die Fernwärmepreise gegenüber Gas immer noch attraktiver sind, wenn man die Gesamtkosten sieht. Wer an unsere Fernwärme angeschlossen wird, braucht keine Gasheizung und bei Neubauten auch keinen Schornstein samt Schornsteinfeger mehr. Er muss auch nicht mehr fürchten, dass er die volle Wucht der CO2-Preissteigerungen zu spüren bekommt, wenn der Emissionshandel für den Wärmesektor 2027 europäisiert wird.

Apropos CO2, wie klimaneutral ist die Krefelder Fernwärme bereits?

Unser Erneuerbaren- und Abwärmeanteil liegt bei 79 Prozent. Denn der Großteil unserer Wärme stammt aus der Müll- und Klärschlammverbrennungsanlage. Für uns ist auch weniger die Herausforderung, unsere bestehende Fernwärme grün zu bekommen. Wir müssen vor allem mehr grüne Erzeugungskapazitäten für künftig zusätzliche Mengen schaffen.

Woran denken Sie hier?

An Großwärmepumpen, die wir an unser bestehendes Fernwärmesystem anhängen können. Wir prüfen gerade die Möglichkeit einer Großwärmepumpe im Rücklauf der Fernwärme oder innerhalb der Kläranlage. Für Verbrauchsspitzen und zur Besicherung setzen wir zurzeit noch auf gasbasierte Blockheizkraftwerke. Hier sind wir künftig auf Wasserstoff angewiesen.

Für wie realistisch halten Sie eigentlich das Ziel der Stadt Krefeld, bis 2035 klimaneutral zu sein?

Als Unternehmen sind wir auf das Klimaneutralitätsziel 2045 verpflichtet. Wir unterstützen aber das 2035-Ziel der Stadt Krefeld. Dazu müssen aber von außen die Voraussetzungen dafür geschaffen werden zum Beispiel in puncto Finanzierbarkeit, Arbeitskräfte, Genehmigungssituation und so weiter. Das wird eine enorme Herausforderung sein. Nach jetzigem Stand halte ich das 2035-Ziel für sehr sportlich.

Das Interview führte Andreas Baumer

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