Im Juni gingen die Gehälter für Mitarbeiter von Stadtwerken, die nach dem Tarifvertrag Versorgungsbetriebe (TV-V) bezahlen, spürbar nach oben. Vor allem Mitarbeiter in den Anfangsstufen profitierten. Aber warum gerade sie? Und inwiefern helfen auch andere Verbesserungen bei der Suche nach neuen Beschäftigten? Ein Interview mit Sonja Detmer, der Betriebsratsvorsitzenden der Wuppertaler Stadtwerke (WSW).
Frau Detmer, Anfang Juni sind die Gehälter im TV-V um 4,7 bis 7,8 Prozent gestiegen. Gerade in den Anfangsstufen, sprich für Leute mit kaum bis gar keiner Berufserfahrung, sind die Gehälter deutlich nach oben gegangen. Warum waren Ihnen genau dort Erhöhungen so wichtig?
Bislang lag der Gehaltsabstand zwischen den Stufen eins und zwei bei zehn Prozent. Das hat eine ganze Weile gut funktioniert. Aber in den letzten Jahren haben wir gemerkt, dass wir kaum mehr Menschen in den Anfangsstufen einstellen konnten, weil die Gehaltsunterschiede dort zu groß waren.
Mit welchen Folgen?
Viele Stadtwerke, auch wir in Wuppertal, haben fast nur noch in den Stufen zwei, drei und teilweise auch vier eingestellt. Das heißt, wir haben neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter künstlich altern lassen, damit wir die geforderten Gehälter zahlen konnten.
Nehmen Sie uns mal mit. In welchen Entgeltgruppen stellen Stadtwerke denn besonders oft Mitarbeiter ein und wo ist es zurzeit besonders schwierig, Stellen zu besetzen?
Wir stellen vor allem in den Entgeltgruppen sechs bis neun ein. Das geht dann hoch bis zur Gruppe 14. Besonders schwierig ist es, Stellen im Elektro-, Ingenieurs- und IT-Bereich zu besetzen. Wir bilden seit Jahren selber in den gewerblich-technischen Berufen aus, aber auch in der IT, um unseren Bedarf zu decken. Wir brauchen zusätzliches Fachpersonal von außen. Ähnlich sieht es im Ingenieurs- und IT-Bereich aus.
Das Gehalt ist das eine, flexiblere Arbeitszeiten das andere. Auch hier ändert sich manches. Stichwort Langzeitkonten, wo man über lange Zeit Überstunden anhäufen kann, um dann beispielsweise früher in Rente gehen zu können.
Das spielt bei uns in Wuppertal tatsächlich eine untergeordnete Rolle, weil wir schon jetzt sehr viele flexible Arbeitszeitmodelle haben, die auch schon vorher über die Betriebsvereinbarung geregelt waren. Dem Wunsch der Mitarbeitenden, ihre Arbeits- und Freiphase flexibel zu gestalten, sind wir schon vor vielen Jahren nachgekommen.
Gilt das auch für kleinere Stadtwerke?
Das hängt davon ab, welche Möglichkeiten die Mitarbeitenden bislang hatten, ihre Arbeitszeit zu verkürzen oder in Freizeit umzuwandeln. Wo es keine entsprechenden betrieblichen Sonderregelungen gab, stellt der TV-V für die Mitarbeitenden nun eine Verbesserung dar und vor allem eine Möglichkeit.
Machen die neuen Regelungen zur Arbeitszeit Stadtwerke für neue Bewerberinnen und Bewerber attraktiver?
Ja, unbedingt. Es fällt schon vermehrt auf, dass Freizeit einen immer höheren Stellenwert vor allem bei jüngeren Beschäftigten hat.
Dabei findet Bundeskanzler Friedrich Merz, dass in Deutschland eher zu wenig als zu viel gearbeitet wird.
Das ist für mich unverständlich. Mehr Freizeit, beispielsweise für Kindererziehung, Hobbys oder Pflege, spielt bei Neueinstellungen eine große Rolle.
Im neuen TV-V können Beschäftigte auch auf 42 Wochenstunden aufstocken, sofern Arbeitgeber und Arbeitnehmer dem freiwillig zustimmen. Kam der Vorschlag von Gewerkschaftsseite?
Nein, dieser Vorstoß kam ausschließlich von der Arbeitgeberseite. Trotzdem gibt es durchaus Kolleginnen und Kollegen, die eine 42-Stunden-Woche befürworten würden, einfach weil sie sich gerade in einer Lebensphase befinden, in der sie mehr arbeiten möchten. Allerdings gibt es der TV-V schon jetzt her, dass Mitarbeitende, die das möchten, bis zu 45 Stunden pro Woche arbeiten können. Dieser Korridor ist also bereits vorhanden.
Warum wurden dann überhaupt die 42 Stunden mit in den neuen TV-V hineinverhandelt?
Der einzige Vorteil ist, dass die Erhöhung von 39 auf 42 Stunden mit Zuschlägen verbunden ist. Am Ende des Tages ist es aber immer noch so, dass es Überstunden sind und mit entsprechenden Zuschlägen vergütet werden müssen. Und diese Zuschläge sind höher als das, was die Arbeitgeber angeboten haben.
Also ein klares "Jein" zur 42-Stunden-Woche?
Ich persönlich bin tatsächlich gespalten. Es mag Menschen geben, denen das hilft, je nach Lebensphase und Lebensumständen. Aber ob die Nachfrage am Ende wirklich groß sein wird, wage ich zu bezweifeln. Die Mehrheit legt einfach größeren Wert auf eine ausgewogene Work-Life-Balance.
Interessant ist, dass sich die TV-V-Verhandler nicht nur darauf geeinigt haben, die Entgelttabelle zu reformieren, sondern auch in Verhandlungen zu Eingruppierungsmerkmalen und Tätigkeiten einzusteigen. Was ist damit gemeint?
Konkret wollen wir uns noch in diesem Jahr die einzelnen Stellen und Berufe in der sogenannten Entgeltordnung ansehen. Weil der TV-V mittlerweile mehr als 20 Jahre alt ist, sind dort manche Berufe, die für Stadtwerke von immer größerer Bedeutung sind, gar nicht erfasst. Der ganze IT-Bereich fehlt zum Beispiel. Das fängt aber auch schon bei Meistern, Technikern und Ingenieuren mit Bachelorabschluss an. In der alten Eingruppierungsrichtlinie werden sie noch viel zu niedrig bewertet.
Wie gehen Stadtwerke damit um?
Sie zahlen heute schon viel mehr, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Sie werden praktisch in höheren Entgeltgruppen eingestuft, als es der TV-V aktuell vorgibt. Was ja immer möglich ist, weil der Tarifvertrag eine Mindestbewertung darstellt.
Also dürften auch Arbeitgeber gewillt sein, das zu ändern, oder?
Grundsätzlich besteht Einvernehmen, die Eingruppierungsmerkmale zu vereinbaren. Ich glaube, dass wir hier zu 90 Prozent mit den Arbeitgebern zurechtkommen werden. Die letzten zehn Prozent werden uns aber wahrscheinlich länger beschäftigen.
Vielleicht auch hier noch einmal eine Einordnung. Wer sind denn beispielsweise im Wettbewerb um IT-Fachkräfte die größten Konkurrenten von Stadtwerken?
Nehmen wir Wuppertal. Wir befinden uns in einem Ballungsraum, in dem es um uns herum auch viele andere große Energieversorger und Netzbetreiber gibt. Das sind für Beschäftigte keine großen Hürden, wenn der Preis stimmt. Da sind wir schon im Konkurrenzkampf. Generell ist der Kampf um die Talente und Nachwuchskräfte eine Herausforderung, die die Personalerinnen und Personaler in unseren Unternehmen vor eine große Aufgabe stellt.
Das Interview führten Hanna Bolte und Andreas Baumer
Mehr zum Thema aus dem ZfK-Archiv:
Höhere Stadtwerke-Gehälter: Wer seit dem 1. Juni wie viel Geld verdient
Streit um Stadtwerkegehälter vor Einigung: "Der Abstand zu Eon, EnBW und Co. ist gewachsen"



