Ende 2027 laufen die Füllstandsvorgaben für Gasspeicher aus, sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene. Sie waren eine direkte Reaktion auf den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine Anfang 2022. Eine Verlängerung ist nicht geplant. Wie es danach weitergeht, soll noch in diesem Jahr entschieden werden.
Nun legt der Energieverband BDEW sein Modell für eine strategische Gasreserve vor. Das Konzept folgt auf andere Vorschläge der Initiative Energien Speichern (Ines) und aus dem Bundeswirtschaftsministerium. Die jeweiligen Vorstellungen gehen zum Teil weit auseinander.
Mehr dazu lesen Sie hier: Netzagentur-Chef schlägt nationale Gasreserve vor
BDEW: Marktneutral und nur im Notfall
Die Nutzung der Gasreserve soll unbedingt auf Notfälle beschränkt werden, betont der BDEW in seinem Positionspapier. Preise sollen nicht durch die Hintertür reguliert werden. Marktanreize durch Preisveränderungen müssten wirkungsvoll bleiben.
Im BDEW-Konzept geht es daher ausschließlich um die Sicherung der Versorgung in akuten Notfallsituationen, die der Markt nicht vorhersehen kann: wenn es etwa zu einem unerwarteten Ausfall einer wichtigen Importroute kommt, besonders heikel in Kombination mit einem extrem kalten Winter.
Die Reserve soll nur von der Bundesnetzagentur freigegeben werden dürfen – wenn der Marktgebietsverantwortliche keine Regelenergie mehr am Markt beschaffen kann. So soll politischer Einfluss auf die Freigabe ausgeschlossen werden: "Eine strategische Gasspeicherreserve ist keine günstige zusätzliche Bezugsquelle und kein Instrument, um Preise zu dämpfen. Damit ist ihr Zweck klar für Notfallsituationen definiert", stellt BDEW-Hauptgeschäftsführerin Kirsten Westphal klar.
Staatliche Mengenvorgabe mit marktwirtschaftlicher Umsetzung
Eine genaue Mengenangabe macht der BDEW nicht. Stattdessen soll die Bundesregierung das gewünschte Absicherungsniveau selbst festlegen. Dies müsse davon abhängig gemacht werden, welche Risiken abgesichert werden sollen. Ob die festgelegten Mengen dem Absicherungsniveau noch entsprechen, sollte regelmäßig überprüft werden.
Der BDEW schlägt ein zweistufiges Modell vor: Zunächst soll die Reserve regional entlang der Regelenergiezonen und zentralen Transportrouten verteilt werden. So soll sichergestellt werden, dass im Ernstfall das Gas physisch auch dort ist, wo es benötigt wird.
Innerhalb der Regionen sollen die Speicherkapazitäten dann wettbewerblich ausgeschrieben werden: Speicherbetreiber bieten ihre Kapazitäten an. Der Marktgebietsverantwortliche (MGV) vergibt den Zuschlag kostenoptimal. Vertragslaufzeiten sollen drei bis fünf Jahre betragen. Der Staat wäre der Eigentümer des eingespeicherten Gases.
Auch die Befüllung der Speicher soll mittels Auktionen erfolgen. Die Bieter sollen selbst entscheiden, wann sie vor dem Stichtag 1. November einspeichern. So sollen verzerrende Effekte auf den Gasmarkt verhindert und die Kosten gesenkt werden. Erste Befüllungen sollten laut BDEW noch 2027 starten.
Finanzierung aus dem Staatshaushalt
Der BDEW macht klar: Die Versorgungssicherheit in Extremsituationen sei ein öffentliches Gut und somit Aufgabe des Staates. Daher sollte dieser alle Kosten der Reserve, sowohl laufende als auch einmalige, aus dem Staatshaushalt finanzieren. Weder Verbraucher:innen noch Unternehmen sollten direkt belastet werden.
Ines-Vorschlag: Maximale Absicherung
Wo der BDEW sich bewusst mit konkreten Zahlen zurückhält, äußert sich die Initiative Energien Speichern (Ines) eindeutig: 78 Terawattstunden (TWh) seien notwendig für eine sogenannte strategische Resilienzreserve. Die deutsche Gesamtspeicherkapazität liegt bei rund 251 TWh. Die Forderung des Gasspeicherverbands entspräche also 31 Prozent der aktuell verfügbaren Kapazitäten. Laut Ines-Analysen könnte damit ein Komplettausfall norwegischer Gaspipelines nach Deutschland für 90 Tage überbrückt werden.
Mehr dazu lesen Sie hier: Ines fordert 78 TWh als Gasreserve
Ines schätzt die Kosten dafür auf zwei bis vier Milliarden Euro im ersten Jahr, vor allem durch die einmalige Befüllung und den dafür nötigen Gaseinkauf. In den Folgejahren fallen laut Ines nur noch laufende Haltekosten an, die deutlich darunter liegen. Ines argumentiert, dass die Gesamtkosten weiter sinken würden, wenn die Gasreserven im Zuge der Energiewende schrittweise abgebaut und verkauft würden.
Wirtschaftsministerium plant 24 Terawattstunden
Das Bundeswirtschaftsministerium hat seine eigenen Pläne für eine strategische Gasreserve konkretisiert: Anfang April berichtete die Nachrichtenagentur "Bloomberg" von einem internen Regierungspapier. Demnach soll die Reserve rund 24 TWh umfassen, also etwa zehn Prozent der nationalen Speicherkapazität. In einem durchschnittlichen Winter könnte so die Versorgung für etwa zwei Wochen gesichert werden.
Die Kosten für die einmalige Befüllung beziffert das Ministerium auf 500 Millionen bis 1,5 Milliarden Euro. Die jährlichen Haltekosten lägen bei bis zu 165 Millionen Euro. Wie auch der BDEW will das Wirtschaftsministerium die Reserve aus dem Bundeshaushalt finanzieren. Konkret sollen die Mittel aus dem Klima- und Transformationsfonds kommen. Ein Sprecher des Ministeriums betonte gegenüber "Bloomberg", dass die Reserve kein Instrument zur Preisdämpfung, sondern getrennt vom Markt als reine Krisenvorsorge dienen soll.
Die Mengen sollen regional verteilt und über Auktionen vergeben werden. Die Freigabe im Krisenfall läge beim Ministerium oder bei der Bundesnetzagentur. Ab 2027 soll die Reserve aufgebaut werden und im Winter 2027/28 bereitstehen.



