Die Erdkabel-Freileitungsdebatte erreicht diesen Freitag kein geringeres Gremium als den Bundesrat. Dann werden die Bundesländer Baden-Württemberg und Sachsen für einen Antrag werben, der den Bau künftiger Stromautobahnen als Freileitungen statt als Erdkabel ermöglichen soll.
Konkret geht es um Hochspannungs-Gleichstrom-Leitungen, besser bekannt als HGÜ-Leitungen, die im Netzentwicklungsplan Strom 2023 bis 2037/2045 neu vorgesehen sind. Gemeint ist der sogenannte Ostwestlink, der in Niedersachsen beginnen und in Sachsen enden soll.
"Akzeptanz für Erdkabel ausgeblieben"
Auch der Nordwestlink, der ebenfalls in Niedersachsen starten und in Baden-Württemberg enden soll, wäre betroffen. Selbes gilt für den Südwestlink, der von Schleswig-Holstein bis nach Baden-Württemberg reichen soll.
"Bisherige Erkenntnisse aus Planung, Errichtung und Betrieb von Erdkabeln zeigen, dass Freileitungen im Vergleich schneller ausgeführt werden können", heißt es im Antrag der beiden Länder. "Auch ist eine erhöhte Akzeptanz durch Erdverkabelung, die zu Verfahrensbeschleunigung hätte führen können, bisher weitgehend ausgeblieben. Die Errichtung von Freileitungen ist mit einem geringeren Eingriff in Natur und Boden verbunden."
Mächtige Bundesländer ablehnend
Offen war zuletzt, ob Baden-Württemberg und Sachsen eine Mehrheit im Bundesrat finden werden. Bei einer ZfK-Umfrage im Frühjahr äußerten sich Nordrhein-Westfalen, Bayern und Niedersachsen skeptisch.
Auch Schleswig-Holstein wollte am Erdkabelvorrang nicht rütteln. "Der Wunsch nach Erdkabellösungen ist vielerorts groß", teilte eine Sprecherin des ebenfalls grün geführten Kieler Energiewendeministeriums mit.
Bayern mit Kursschwenk
Interessanterweise zeigte sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) in seiner Regierungserklärung am Donnerstag nun gegenüber mehr Freileitungen bei neu zu bauenden HGÜ-Trassen offen. Dabei war es seine Partei, die den Erdkabelvorrang 2015 durchgesetzt hatte.
Aufmerksame Beobachter bemerkten sogleich, dass Söder das leicht fordern kann. Immerhin wäre Bayern von einem Kursschwenk nicht betroffen. Die genannten Leitungen betreffen nicht bayerisches Gebiet.
Drei Netzbetreiber gegen Amprion
Als Freileitungsanhänger gelten die Übertragungsnetzbetreiber Tennet, 50 Hertz und Transnet BW. Auch der Wirtschaftsflügel der SPD-Fraktion befürwortete zuletzt eine Abschaffung des Erdkabelvorrangs bei neuen Übertragungsnetzentgelten. Ferner äußerte sich Michael Kruse, energiepolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, in diese Richtung.
Zurückhaltend gab sich dagegen mit Amprion der vierte Übertragungsnetzbetreiber. "Für [unsere] Projekte ist das derzeit kein Thema", teilte eine Sprecherin im Frühjahr auf ZfK-Anfrage mit. "Es gibt einen gesetzlichen Erdkabelvorrang, an den wir uns halten." (aba)
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