Von Andreas Baumer
Anders als vor einem Jahr, als Deutschland einen milden Winter erlebte und Gas so billig war wie seit der Coronakrise nicht mehr, halten sich die Gaspreise diesmal beharrlich nahe der 50-Euro-Marke. Nach einer zwischenzeitlichen Abwärtsbewegung ging es am Montag wieder spürbar nach oben. Anlass war eine Meldung aus Russland, wonach es einen ukrainischen Drohnenangriff auf eine Gasverdichterstation für die Schwarzmeerpipeline Turkstream im südrussischen Gebiet Krasnodar gegeben habe.
Die Drohnen wurden laut russischem Verteidigungsministerium zwar abgeschossen, aber Trümmer verursachten Behörden zufolge Schäden an einem Gebäude und der Infrastruktur. Die Verdichterstation "Russkaja" ist gut 320 Kilometer von der russisch-ukrainischen Frontlinie entfernt. Ukrainische Regierungsquellen hielten sich zunächst bedeckt.
Lawrow mit schweren Vorwürfen
Am Dienstag schlingerten die Preise auf hohem Niveau. In der Spitze wurde die Megawattstunde Gas für den Liefermonat Februar an der Börse TTF für 48,60 Euro gehandelt. Am frühen Nachmittag rutschte der Kurs auf 46,40 Euro pro MWh ab, ehe er wieder die 47-Euro-Marke übersprang.
Schlagzeilen machte am Dienstag auch der berüchtigte russische Außenminister Sergej Lawrow. Er warf den USA vor, mithilfe ukrainischer Drohnenangriffe die Turkstream-Leitung ausschalten zu wollen. Die Vereinigten Staaten wollten ihre "ukrainischen Klienten" dazu drängen, nach den Sprengungen an der Ostseepipeline Nord Stream als nächstes Turkstream außer Betrieb zu nehmen, sagte er, ohne Beweise für diese Behauptung vorzulegen.
Bedeutung von Turkstream
Turkstream ist die letzte russische Pipelineverbindung nach Europa, die noch in Betrieb ist. Sie führt über das Schwarze Meer auf den europäischen Teil der Türkei. Von dort werden auch Länder in Südosteuropa mit Gas versorgt.
Seit Anfang dieses Jahres fließt kein russisches Gas mehr durch die Ukraine. Schon vor Beginn des russischen Angriffskriegs wurde die Jamal-Pipeline durch Polen faktisch aufgegeben. Und im Sommer 2022 stoppte Russland die Gasflüsse durch die beiden Stränge der Ostseepipeline Nordstream 1. Wenig später wurde die Pipeline samt ihrer Schwesterleitung Nord Stream 2 Ziel eines Anschlags, dessen Hintergründe noch nicht aufgeklärt sind. Medienberichten zufolge deuten einige Indizien Richtung Ukraine.
Lawrow nahm dies zum Anlass, um Deutschlands Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) scharf zu kritisieren. Er habe schweigend den Blick abgewandt und "wagte nicht, einen Pieps zu machen", als die Nord-Stream-Leitungen gesprengt worden seien, sagte der Minister. Russland wirft den USA vor, auch hinter diesem "Terroranschlag" zu stecken, ohne Beweise dafür veröffentlicht zu haben. Die Bundesregierung in Berlin schaue darüber verschämt hinweg, sagte Lawrow.
Russlands Bedeutung auf dem Gasmarkt geschwunden
Anders als noch 2021 hat der Einfluss Russlands auf die europäischen Gaspreise deutlich abgenommen. Damals konnten bereits Meldungen wie die, dass Russlands Präsident Wladimir Putin erhöhte Gaslieferungen nach Europa angeordnet habe, zu Preiskapriolen führen. Als der russische Gastransit durch die Ukraine zum Jahreswechsel endete, gingen die Gaspreise vergleichsweise wenig nach oben.
In diesem Jahr haben die Gasdurchleitungen durch Deutschland zugenommen, denn Länder wie Österreich werden nun verstärkt mit Flüssigerdgas versorgt, das beispielsweise in LNG-Terminals in Frankreich, Belgien, den Niederlanden oder Deutschland ankommt. Laut Bundesnetzagentur verfügt Deutschland über ausreichend Transportkapazitäten für Exporte nach Südosteuropa.
Währenddessen haben sich die deutschen Gasspeicher in den vergangenen kalten Tagen spürbar entleert. Von Donnerstag bis Sonntag allein sank der durchschnittliche Füllstand um mehr als drei Prozentpunkte. Am Montagmorgen waren die deutschen Gasspeicher im Schnitt noch zu 72 Prozent gefüllt. Zum Vergleich: Vor einem Jahr waren die Speicher zu 84 Prozent voll, vor zwei Jahren sogar noch zu 91 Prozent.
Außergewöhnlich niedrig ist der aktuelle Füllstand deswegen aber nicht. Zum selben Zeitpunkt im Jahr 2018 waren die Speicher im Schnitt nur noch zu 62 Prozent voll. Im Folgejahr waren es wie diesmal 72 Prozent. Alle Gasspeicherdaten stammen von der Transparenzplattform AGSI.
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