Bundesnetzagentur-Abteilungsleiter Achim Zerres hat die Göttinger Energietagung genutzt, um den idealen Stromnetzbetreiber der Zukunft zu skizzieren. Seine Vorstellungen dürften für Stadtwerke auch deswegen interessant sein, weil Zerres' Abteilung Energieregulierung derzeit an der finalen Festlegung der Qualitätsregulierung arbeitet.
In der Qualitätsregulierung sollen neben klassischen Kriterien wie der Netzstabilität auch sogenannte Energiewende-Kompetenzen eine Rolle spielen. Perspektivisch ist ein finanzieller Anreiz für Netzbetreiber denkbar. Wer beispielsweise für Netzkunden gut erreichbar ist, wird belohnt. Wer diese Anforderungen nicht erfüllt, muss mit Einbußen rechnen. Die finale Festlegung soll Anfang Juli stehen, kündigte der Abteilungsleiter an.
So soll der Netzbetreiber der Zukunft aussehen
In Zerres' Vorstellung soll jeder Netzbetreiber im Jahr 2035 durch einen "einfachen, verständlichen und einheitlichen" Auftritt im Internet in puncto Kundenfreundlichkeit glänzen. Anschlüsse an das Netz sollen einfacher möglich gemacht werden, indem der Betreiber stärker auf Kommunikation mit dem Kunden setzt. Es soll transparent gemacht werden, warum etwas nicht möglich ist beziehungsweise mit welcher Kooperation es möglich werden könnte. Der Netzbetreiber der Zukunft soll vorausschauender agieren, die Bedarfe seiner Kunden aktiv ermitteln und so Schalteinrichtungen sowie Netzkapazität in ausreichendem Maß vorhalten.
Die Netze sollen in Zukunft aktiv und in Echtzeit gesteuert werden. Hierfür ist in erster Linie auch der Smart-Meter-Rollout entscheidend. Erst Ende März griff die Bundesnetzagentur hier ein und startete 77 Aufsichtsverfahren gegen Betreiber, die bis dahin noch gar nicht mit dem Einbau von Smart Metern begonnen hatten.
Nach Zerres' Auffassung sind Netzbetreiber im Jahr 2035 resilient und zuverlässig aufgestellt. Betreiber wissen um die Gefahren für ihre Netze. Erst am Montag kündigte etwa der Netzbetreiber Stromnetz Berlin neue Schutzmaßnahmen an – eine Reaktion auf zwei Angriffe, die das Netz teilweise außer Kraft setzten.
Das Netz der Zukunft soll zudem preiswert sein und zum Umstieg auf CO2-neutralen Strom anregen. Betreiber sollen das nach Zerres' Vorstellung über Kooperation, Standardisierung, Digitalisierung und aktives Kundenmanagement erreichen. Durch Kundenzufriedenheit und geringe Kosten sollen Erlöse generiert werden.
Unerwähnt blieb die Zahl der Stromverteilnetzbetreiber in Deutschland, die zuletzt bei 851 lag. Die Debatte war im vergangenen Jahr hochgekocht, als die Bundesnetzagentur die Anreizregulierung gerade auch für kleinere Netzbetreiber verschärfen wollte. Die führenden Netzbetreiberverbände BDEW und VKU liefen damals gegen die Pläne Sturm. Von "Strukturpolitik durch die Hintertür" war die Rede.
Die Bundesnetzagentur wies die Vorwürfe stets zurück. "Wir machen keine Strukturpolitik", sagte die Vizepräsidentin Barbie Haller in einem ZFK-Interview. "Wir bestehen aber im Interesse der Kunden darauf, dass kleine und große Netzbetreiber alle Anforderungen an den modernen Netzbetrieb und die Nutzbarmachung der Energiewende für den Verbraucher erfüllen." Hier könne es keine Abstriche geben.
Bundesnetzagentur will keine Mikororegulierung
Auf der Göttinger Energietagung zeigten sich mehrere Teilnehmende aus dem Fachpublikum erfreut über die Vision der Regulierungsbehörde. Ein Teilnehmender bemängelte jedoch, dass die Vision einen starken Dissens zwischen Theorie und Praxis aufweise. Konkret mahnte der Teilnehmer an, dass der finanzielle Anreiz fehle. Zerres konterte die Frage: "Wir haben ein System der Anreizregulierung und damit kann man Geld verdienen." Das könne etwa über die Eigenkapitalrendite erfolgen.
Der Abteilungsleiter warnte vor kleinteiliger Mikroregulierung. Man müsse in erster Linie auf Transparenz und Veröffentlichungspflichten setzen, um Entwicklungen sichtbar zu machen und so den Handlungsdruck zu erhöhen.
Dass das Jahr 2035 ehrgeizig gesetzt sei, räumte Zerres selbst ein: "Dann dauert es eben ein paar Jahre länger." Er betonte außerdem, dass seine Vision die Haltung der Bundesnetzagentur zwar großteils widerspiegele, aber noch nicht abschließend mit dem Rest der Behörde abgestimmt sei. Vizepräsidentin Haller unterstützte Zerres ausdrücklich: Die vorgebrachten Punkte würde sie in jedem Fall so unterschreiben, sagte sie.



