Beim Großteil der sogenannten Netzreserve handelt es sich um Steinkohlekraftwerke.

Beim Großteil der sogenannten Netzreserve handelt es sich um Steinkohlekraftwerke.

Bild: © Julian Nitzsche/Pixelio

Sie ist wieder da, die Debatte um eine größere Rolle von Reservekraftwerken in der deutschen Stromerzeugung. Der Grund: Der Iran-Krieg, der infolge steigender Gaspreise auch die Strompreise nach oben treibt. Denn noch immer setzen häufig Gaskraftwerke die Preise auf den Großhandelsmärkten. 

Eine eilig zusammengetrommelte Taskforce im Bundestag lässt das Bundeswirtschaftsministerium nun prüfen, ob Reservekraftwerke Abhilfe schaffen könnten. Mit Reservekraftwerken dürfte vor allem die sogenannte Netzreserve gemeint sein. Diese kommt derzeit nur zum Einsatz, wenn es physische Engpässe bei den Stromnetzen gibt.

Steinkohlekraftwerke machen einen Großteil der Netzreserve aus. Könnten sie am Strommarkt mitbieten, könnten sie die Gasverstromung senken und den Gasverbrauch reduzieren – so die Theorie.

Vorbild könnte eine Maßnahme aus der Ampelzeit sein. In der Energiekrise 2022 erlaubte die damalige Bundesregierung mehreren Kohlekraftwerken auf den Markt zurückzukehren. In der Energiebranche trifft der neuerliche Vorstoß allerdings auf Ablehnung – mit einer Ausnahme.

Lesen Sie mehr dazu hier: Wind, Kohle, Stromsteuer: Welche Preisdämpfer Schwarz-Rot nun prüft 

Energieversorger einer Meinung – bis auf einen 

Gut findet den Vorschlag der Kraftwerkbetreiber Steag Iqony. Das Essener Unternehmen fordert die Rückkehr von Reservekraftwerken in den Markt um Gas einzusparen – und zwar "überall, wo es möglich ist". Es verweist auf die aus seiner Sicht erfolgreiche Rückholung der Reservekraftwerke 2022.

Die Steinkohlekraftwerke in Reserve könnten mit ihrer Leistung von rund 6,7 Gigawatt schnell aktiviert werden. Außerdem könnte so der Strompreis "an einem gewöhnlichen Wintertag mit wenig Wind und Sonne" um bis zu 60 Prozent gesenkt werden. 

Steag Iqony plädierte schon vor dem Iran-Krieg dafür, Reservekraftwerke zur Preisstabilisierung einzusetzen. Diese Forderung fand sogar Eingang in den Koalitionsvertrag, wurde bislang vom Bundeswirtschaftsministerium aber nicht weiter verfolgt.

Die Aachener Stadtwerke-Kooperation Trianel ist anderer Auffassung. Sie hält eine Rückkehr von Reserve-Kohlekraftwerken zwar im Rahmen preisdämpfender Maßnahmen für politisch nachvollziehbar. Für die Energiewirtschaft entstünden dadurch aber große Probleme: "Langfristig würde ein solcher Markteingriff Investitionen in dringend benötigte Flexibilitäten, Speicher und steuerbare Kraftwerke schwächen." Zudem sei ein solcher Eingriff womöglich europarechtlich problematisch.

Auch der Karlsruher Energiekonzern EnBW warnt eindringlich vor einer Rückkehr von Reservekraftwerken: Dies wäre "ein gravierender Eingriff in den Strommarkt mit absehbar negativen Auswirkungen". Eine Rückkehr würde zur Verzerrung von Preissignalen führen und Investitionen in Batterien oder Pumpspeicherkraftwerke bremsen.

Lesen Sie mehr dazu hier: Reservekraftwerke als Strompreisbremse: Umstrittene Idee beschäftigt Branche 

Kritisch sieht auch der Düsseldorfer Kraftwerkbetreiber Uniper eine mögliche Marktrückkehr von Reservekraftwerken. Die Anlagen seien technisch veraltet, ineffizient und nicht für den Dauerbetrieb ausgelegt. Bestehende Kohlekraftwerke seien jetzt bereits wenig ausgelastet, "teilweise unter 50 Prozent". Somit hätten sie im Fall des Falles ohnehin kaum Einfluss auf die Strompreise und die Versorgungssicherheit. Uniper sieht "aktuell keinen strukturellen Engpass".

Der ostdeutsche Kraftwerkbetreiber Leag holte in der Energiekrise 2022 eigene, bereits vom Markt genommene Braunkohlekraftwerke zurück. Einen erneuten Einsatz der Jänschwalde-Blöcke E und F schließt er nun allerdings aus. Diese seien endgültig stillgelegt worden und "stehen nicht mehr für eine Notreserve zur Verfügung", teilt er mit.

Einstimmigkeit bei den Verbänden 

Auf wenig Gegenliebe stößt der Reservekraftwerks-Vorschlag auch bei Deutschlands führenden Energieverbänden. Ingbert Liebing, Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), lehnt eine Rückkehr von Reserve-Kohlekraftwerken in den Markt entschieden ab: "Diese Anlagen sollen ausschließlich das Netz stabil halten, nicht staatlich die Preise drücken." Ein solcher Eingriff würde "Marktregeln verzerren" und "wichtige Preissignale abschwächen".

Zudem seien die Reservekraftwerke unflexibel, teuer oder nicht komplett verfügbar. Auch wäre der Effekt auf die Strompreise bloß minimal und kurzfristig, da die meisten Haushalte feste Tarife hätten. 

Lesen Sie mehr dazu hier: Wirtschaftsministerin Reiche: Langfristige Gasverträge und LNG‑Tender für die Energiesicherheit 

Kerstin Andreae, Chefin des Energieverbands BDEW, machte deutlich, dass die aktuelle Situation nicht vergleichbar sei mit der Gaskrise 2022. Die Sicherheit der Gasversorgung sei heute nicht gefährdet. Außerdem verwies sie darauf, dass auch der Steinkohlepreis im Großhandel nach oben geklettert sei. Dadurch stiegen auch die Stromgestehungskosten von Steinkohlekraftwerken.

Christine Falken-Großer, Hauptgeschäftsführerin vom Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE), unterstützt zwar kurzfristige Entlastungen in der Energiekrise, aber sie warnt vor einer Ablenkung vom langfristigen Ausbau erneuerbarer Energien. Man komme aktuell schon besser durch die erneute Gaskrise, weil mittlerweile mehr Erneuerbare im Netz seien. Diese hätten auch schon in mehr Zeiträumen eine senkende Wirkung auf die Strompreise.  

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper