VKU-Präsident Ulf Kämpfer verlässt im April den Verband. In einem zweiteiligen Interview blickt er auf die wichtigen Themen seiner Amtszeit zurück: auf Energiekrise, Wärmewende, Klimaziele und zukunftsfähige Geschäftsfelder sowie die Bedeutung der Daseinsvorsorge für die Demokratie.
Die Wärmewende ist ein zentraler Bestandteil der Energiewende. Wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf?
Wir haben die Phase der Verunsicherung und des Vertrauensverlustes in die Wärmewende, in die wir durch die Debatte um das Heizungsgesetz geraten waren, immer noch nicht überwunden. Im Gegenteil: Wenn wir nicht aufpassen, bekommen wir die nächste Vertrauenskrise durch Wärmepläne.
Diese werden schnell Makulatur, wenn der vorgesehene ehrgeizige Fernwärmeausbau am Ende doch nicht kommt. Wir brauchen Skalierungseffekte, vielleicht auch mehr Wettbewerb bei den Wärmepumpen und gleichzeitig eine sozial gestaffelte Förderung.
Apropos Wärmepumpen: Welche Rolle werden sie nun im deutschen Wärmemix spielen?
Eine zentrale. Das Image der Wärmepumpen-Offensive als rot-grünes ideologisches Projekt ist völliger Nonsens. Diesen Makel müssen wir abwerfen. Aber was noch wichtiger ist: Die Regierungskoalition muss endlich all das umsetzen, was im Koalitionsvertrag festgeschrieben ist.
Wir brauchen die novellierte Wärmelieferverordnung, bessere Förderbedingungen und die Verlängerung des Kraft-Wärme-Kopplungsgesetzes. Dass die Senkung der Stromsteuer für alle Verbraucher noch nicht umgesetzt wurde, ist Gift für das Vertrauen in die Politik.
Deshalb mein Appell an die Bundesregierung: Setzt einfach um, was wir gemeinsam verhandelt haben. Dann sind wir auch auf einem guten Weg zur Verlässlichkeit in die Energiewende.
Ulf Kämpfer
Ist seit April 2014 Oberbürgermeister von Kiel. Seit November 2022 ist der Jurist Präsident des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU). Im April wird er dieses Amt niederlegen. Hintergrund ist, dass er keine dritte Amtszeit als Kieler OB anstrebt. Kämpfer (SPD) wird als Herausforderer des Schleswig-Holsteiner Ministerpräsidenten Daniel Günther (CDU) gehandelt.
Würden Sie Stadtwerken empfehlen, in den Vertrieb von Wärmepumpen einzusteigen, selbst wenn sie in Konkurrenz zu klassischen Stadtwerke-Geschäftsfeldern wie Fernwärme oder leitungsgebundener Gasversorgung stehen?
Als ich frisch VKU-Präsident war, habe ich mich darüber gewundert, wie viele Stadtwerke-Vertreter Wasserstoff als Energieträger mit großen Perspektiven für den heimischen Heizungskeller angepriesen haben. Davon redet heute kein Mensch mehr. Das ist auch richtig.
Auch grüne Gase werden das klassische Erdgas nicht ansatzweise ersetzen können. Wir werden nicht alle, aber einen großen Teil der Gasnetze stilllegen. Damit ist ein Geschäftsmodell der Stadtwerke nicht mehr vorhanden. Deshalb habe ich für jedes Stadtwerk Verständnis, das nicht nur auf Fernwärme setzt, sondern auch in das Geschäft mit Wärmepumpen einsteigt.
Stadtwerke, die Wärmepumpen vertreiben, könnten damit aber auch in direkte Konkurrenz zu den heimischen Handwerkern treten.
Das ist ein Konflikt, den man lösen muss, aber auch kann. Der Markt ist groß genug für alle.
Wo sehen Sie die Stadtwerke insgesamt in 10 bis 15 Jahren?
Die klassischen Geschäftsfelder Strom, Wärme, Wasser und Abwasser werden bleiben, zum Teil reduziert, zum Teil in abgewandelter Form. Gerade im Energiebereich muss man schauen, wie die Wertschöpfungskette verlängert werden kann.
Mit der Glasfaser haben wir auf jeden Fall ein Wachstumsfeld mit guten Perspektiven. Die Ablösung der Gasversorgung durch die Fernwärme und die Wärmepumpe ist ein strukturell gravierender Einschnitt, aber die meisten Geschäftsfelder sehe ich nicht bedroht. Dazu kommt der Aspekt der dezentralen Energieerzeugung und Netze, der für mich auch aus sicherheitspolitischen Gründen ein starkes Argument für Stadtwerke ist. Deswegen muss das auch bei der Kraftwerksstrategie eine Rolle spielen.
Aber klar: Wir haben es mit tektonischen Verschiebungen im Energiesystem zu tun. Die Stadtwerke müssen aufpassen, dass sie da auf dem Platz bleiben.
Welchen Mehrwert bieten Stadtwerke im Energiesystem der Zukunft im Vergleich zu privaten Konkurrenten?
Das Vertrauenskapital von Stadtwerken ist, wenn es um Daseinsvorsorge und Versorgungssicherheit geht, immer noch groß. Für Sicherheit und auch für die kommunale Nähe sind viele Kundinnen und Kunden bereit, mehr für Strom zu bezahlen als beim Discounter, der einen in der Krise allein lässt.
Dazu zählen auch Faktoren wie das Sponsoring des heimischen Sportvereins oder von Kulturevents und die lokale Verantwortung. Das finden die Leute richtig. Natürlich darf man das nicht überziehen und den Preisabstand zu Internetanbietern zu groß werden lassen.
Aber: Viele Menschen sehnen sich nach Einfachheit im Alltag. Alle Versorgungsthemen wie Wasser, Strom, Wärme, Glasfaser und Abfall aus einer Hand zu haben, ist ein Wert für die Menschen. Die Leute haben so viel auf dem Zettel, da sind sie froh, wenn sie sich nicht groß kümmern müssen.
Was wir etwa in der Energiekrise in den Jahren 2022 und 2023 auf die Straße gebracht haben, Stichwort Energiepreisbremse, da wäre die Bundesregierung ohne uns aufgeschmissen gewesen.
Was haben Sie in Ihrer Zeit als VKU-Präsident über die Stadtwerke-Landschaft neu hinzugelernt, was Ihnen bis dahin nicht so klar war?
Der Zusammenhang zwischen Daseinsvorsorge und Demokratievorsorge ist mir viel klarer geworden in den vergangenen Jahren. Das hat etwas mit meinem Amt zu tun, aber auch damit, wie sich die Welt entwickelt hat. Was mich zudem wirklich beeindruckt hat, ist die Agilität und Expertise in der Branche.
Können Sie das konkretisieren?
Natürlich ist der VKU ein Lobbyverband und das hat immer diesen negativen Beiklang. Aber was wir etwa in der Energiekrise in den Jahren 2022 und 2023 auf die Straße gebracht haben, Stichwort Energiepreisbremse, da wäre die Bundesregierung ohne uns aufgeschmissen gewesen.
In der Auseinandersetzung um das sogenannte Heizungsgesetz haben wir die entscheidenden Impulse zur praktischen Umsetzung, Technologieoffenheit und Verzahnung mit der kommunalen Wärmeplanung geliefert. Wenn man früher auf uns gehört hätte, wäre das Heizungsgesetz kommunikativ nicht so an die Wand gefahren.
Das Zerrbild, das viele von Lobbyisten haben, hatte ich nie. Vielmehr habe ich den Respekt vor der Schnelligkeit und der Expertise, auf die Politik zwingend angewiesen ist, mehr als einmal wirklich live und in Farbe gesehen. Das hat mich beeindruckt und auch stolz gemacht.
Wie haben Sie als VKU-Präsident das Stadtwerke-Image auf der Ebene der Bundespolitik wahrgenommen?
So wie es über Kommunen Vorurteile gibt, gibt es sie auch über Stadtwerke. Doch wir haben sehr viel Wertschätzung bekommen. Unser Standing hat sich verbessert. Wenn ich nochmal auf das Heizungsgesetz zurückkomme: Es war interessant zu beobachten, wie viele Akteure sich auf uns berufen haben. Da strahlte unsere fachliche Expertise Autorität aus.
Insgesamt haben wir bei den verschiedenen Parteien eine breite Akzeptanz. Die Gemeinwohlperspektive ist ein klarer Pluspunkt für uns. Die Gesetze aus den vergangenen dreieinhalb Jahren, die durch uns besser geworden sind oder wo wir zumindest Schlimmeres verhindert haben, sind vielzählig.
Was möchten Sie Ihrem designierten Nachfolger als VKU-Präsident Thorsten Kornblum mitgeben?
Ich kenne Thorsten Kornblum schon länger. Ich bin sehr froh, dass er Interesse daran gefunden hat, als VKU-Präsident zu kandidieren. Ich bin mir auch sicher – und das ist sehr wichtig in diesem Amt – dass er und Ingbert Liebing als VKU-Hauptgeschäftsführer genauso gut zusammenarbeiten werden, wie das in den vergangenen Jahren funktioniert hat. Was die VKU-Spitze betrifft, funktioniert die große Koalition reibungslos.
Das ist der zweite Teil des Interviews mit VKU-Präsident Ulf Kämpfer. Im ersten Teil geht es unter anderem um die Finanzierung der Zukunftsaufgaben der Stadtwerke vor dem Hintergrund der angespannten Finanzlage der Kommunen.
Ein Auszug des Interviews ist in der März-Ausgabe der ZFK erschienen. Zum Abo geht es hier.



