Die Energiewende gehört zu den Wirtschaftsbereichen mit guten Jobaussichten.

Die Energiewende gehört zu den Wirtschaftsbereichen mit guten Jobaussichten.

Bild: © Christian Charisius/dpa

Von Julian Korb

Die starken Preisschwankungen an der Strombörse wirken sich auch auf den Regelenergiemarkt aus. Im sonnenreichen Mai etwa kletterten die Preise für negative Sekundärregelleistung auf knapp 24.000 Euro pro Megawatt (MW). Im Juni waren es immerhin noch knapp 20.000 Euro. Betreiber, etwa von Biomasseanlagen, werden dann dafür bezahlt, ihre Anlagen bei überschüssigem Strom im Netz herunterzufahren. Aber auch wer positive Regelleistung anbietet, darf sich derzeit über steigende Preise freuen.

"Die Leistungspreise im Regelenergiemarkt entwickeln sich zunehmend dynamisch", sagt Lena Lehmeier, Head of Renewables Origination Germany beim Direktvermarkter Engelhart CTP Renewables. "Aus unserer Sicht bietet der Markt großes Potenzial für Wind- und PV-Betreiber – insbesondere in den Solar-Peak-Stunden."

Zu diesen Zeiten stünde erhebliche Flexibilität aus Wind- und PV-Anlagen bereit, die bislang nur zu einem sehr geringen Anteil für den Regelenergiemarkt genutzt werde. "Zum einen eröffnen sich dadurch Möglichkeiten für zusätzliche Erlöse, zum anderen trägt die Integration erneuerbarer Energien positiv zur Flexibilisierung des Marktes bei", so Lehmeier weiter.

Batteriespeicher vergrößern Angebot

Auch andere Direktvermarkter erwarten einen wachsenden Markt. "Der Regelenergiebedarf wird im kommenden Jahrzehnt deutlich steigen, weil wir so viele fluktuierende Erzeuger haben und weiter zubauen", sagte etwa Sven Nels, Chef der Handelstochter von Baywa Re im ZfK-Interview. Den Bedarf würden verschiedene steuerbare Stromerzeuger decken, die prinzipiell alle am Regelenergiemarkt teilnehmen könnten.

Doch das gilt nicht für alle Bereiche des Regelenergiemarktes. "Wir erwarten insbesondere im Bereich der Primärregelleistung durch den erwarteten Batteriezubau bei einem geringen Systembedarf fallende Preise in diesem Segment", sagt etwa Patrick Notzon, Geschäftsführer beim Direktvermarkter Gewi, der zum Hannoveraner Energieversorger Getec Energie gehört.

Der Hintergrund: Die Netzbetreiber setzen Primärregelleistung ein, um kurzfristige Schwankungen der Netzfrequenz im Stromnetz auszugleichen. Gehen immer mehr Batteriespeicher ans Netz, wird der Pool an Anbietern so immer größer.

Erfahrungen mit großen Windparks

Mehr Potenzial erwarten die Vermarkter hingegen unter anderem in der negativen Sekundärregelleistung. "Windanlagen könnten, besonders auch auf dem Regelarbeitsmarkt, durch die Einführung von kürzeren Produktzeitscheiben eine zunehmend stärkere Rolle spielen", so Notzon weiter. Bereits länger wird in der Branche diskutiert, die aktuelle 4-Stunden-Zeitscheibe auf 15-Minuten-Zeitscheiben zu verkürzen. Die Übertragungsnetzbetreiber haben sich für diese Maßnahme ausgesprochen.

Vor allem für große, neue Anlagen sei die negative Sekundärregelleistung als zusätzliche Einkommensquelle relevant, meint Notzon. Bei kleineren Anlagen lohne sich dies wegen der hohen Umrüstungskosten hingegen meist nicht. "Da zudem nur ein Bruchteil der installierten Leistung präqualifiziert werden kann, ist der relevante Markt derzeitig eher noch dabei, eine entsprechende Größe zu erreichen."

Hohe technische Anforderungen

Aus Sicht von Lehmeier vom Direktvermarkter Engelhart gibt es zwei große Herausforderungen. Die Präqualifikation sei bislang stark an die Einspeisepräzision gekoppelt. Je größer eine Anlage, desto geringer die Anforderungen an die Genauigkeit. "Das macht Regelenergie insbesondere für große Parks mit einer Leistung von mehr als 20 Megawatt interessant."

Größere Anlagen könnten zudem an der ebenfalls attraktiven, sogenannten automatischen Frequenzwiederherstellungsreserve teilnehmen. Diese trägt dazu bei, die Netzfrequenz stabil zu halten. Das Problem: Vor allem kleinere und mittelgroße Windparks sowie die meisten Solarparks können die Präzisionsvorgaben für den Markt aktuell nicht erfüllen.

Außerdem müssen Anlagenbetreiber für die Teilnahme am Regelenergiemarkt vor Ort eine besondere Box installieren. Bereits vorhandene Schnittstellen aus der Direktvermarktung dürfen hingegen nicht genutzt werden.

"Die derzeitigen regulatorischen Rahmenbedingungen stammen aus einer Zeit, in der Regelenergie primär durch konventionelle Kraftwerke bereitgestellt wurde", so Lehmeier weiter. Dies sei heute nicht mehr zeitgemäß. "Die Integration erneuerbarer Energien trägt positiv zur Flexibilisierung des Marktes bei."

Flexibilität als Thema der Sommerumfrage

In der Direktvermarktungs-Sommerumfrage 2025 der ZfK nannten zahlreiche Direktvermarkter den Regelenergiemarkt als bestehendes oder potenziell zukünftiges Betätigungsfeld. Batteriespeicher liefern in der Regel bereits heute Regelleistung. Auch bei flexibel fahrbaren Biomasseanlagen ist die Teilnahme am Regelenergiemarkt üblich.

Negative Regelleistung ist zudem bereits bei Offshore-Windparks erprobt. Diese können ihre Einspeisung ins Stromnetz drosseln, um die Netzfrequenz stabil zu halten. Der Mannheimer Energieversorger MVV hatte im vergangenen Jahr – vermutlich erstmals in Deutschland – auch einen Onshore-Windpark für die sogenannte Sekundärregelleistung präqualifiziert.

Die Übertragungsnetzbetreiber schreiben Sekundärregelleistung in öffentlichen Aktionen aus. Anlagenbetreiber müssen die geforderte Leistung dafür innerhalb von fünf Minuten erbringen und erhalten für ihre Teilnahme am Markt eine entsprechende Vergütung.

Mehr aus der aktuellen Direktvermarktung-Sommerserie 2025:

Markt sortiert sich neu: Größte Wind-, Solar- und Biomasse-Vermarkter

Negativpreise fordern Direktvermarkter – Drittgrößter Anbieter büßt ein

Hinweis: Eine Übersicht mit allen Tabellen im Sommer 2025 finden Sie hier.

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