Simon Köppl ist Leiter Reallabore und Elektromobilität an der Forschungsstelle für Energiewirtschaft in München.

Simon Köppl ist Leiter Reallabore und Elektromobilität an der Forschungsstelle für Energiewirtschaft in München.

Bild: © Forschungsstelle für Energiewirtschaft

Deutsche Stromversorger haben immer weniger Zeit, dynamische Tarife einzuführen. Gesetzlich sind sie dazu spätestens vom 1. Januar 2025 an verpflichtet. Doch wie attraktiv sind dynamische Tarife für Stadtwerke überhaupt und was bedeuten sie für die Beschaffung von Strommengen? Ein Gespräch mit Simon Köppl, Leiter Reallabore & Elektromobilität an der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) in München.

Herr Köppl, alle Stromversorger in Deutschland müssen von 2025 an auch dynamische Tarife für Haushaltskunden anbieten. So sieht es das neue Smart-Meter-Gesetz vor. Vor welchen wirtschaftlichen Herausforderungen stehen Stadtwerke dabei?

Wer dynamische Tarife anbietet, muss auch sein Portfolio entsprechend optimieren. Noch gibt es wenige Erfahrungswerte, wie Verbraucher auf stündliche Preissignale reagieren. Das kann für Versorger in der Beschaffung gerade dann zum Risiko werden, wenn die Großhandelspreise wie im vergangenen Jahr stark schwanken. Wer aber Verbräuche gut prognostiziert und sich entsprechend eindeckt, kann mit dynamischen Tarifen seine Beschaffung optimieren und an der Strombörse geringere Preise erzielen. Dann sind dynamische Tarife für Versorger auch eine wirtschaftliche Chance.

Für Kunden scheint das Geschäftsmodell dagegen schnell erklärt. Sie können selbst über die Höhe ihrer Stromrechnung mitentscheiden, indem sie etwa zu Zeiten hoher Stundenpreise Strom sparen oder über Photovoltaikanlagen selbst produzieren und in Niedrigpreiszeiten Wäsche waschen oder ihr Elektroauto aufladen.

Das ist immer schnell gesagt. Aber offen ist, inwieweit Verbraucher tatsächlich die Möglichkeit haben, auf schwankende Preise zu reagieren. Denn es kann sein, dass ich als Endkunde einen großen Block an unflexiblem Stromverbrauch habe, der sich nicht einfach in die eine oder andere Stunde schieben lässt. Vielleicht ist auch die Waschmaschine gar nicht so flexibel, wie ich mir das denke. Dann tun stündliche Preisspitzen natürlich doppelt weh. So ehrlich muss man sein, dass mit dynamischen Preise natürlich auch mein Risiko als Kunde steigt.

Dazu kommt, dass die Quote von Kunden, die stündlich ihre App nach Preissignalen kontrollieren, recht gering sein dürfte.

Wirklich Musik ist aus meiner Sicht erst dann drin, wenn stromintensive Vorgänge wie das Laden von Elektroautos oder das Waschen von Wäsche automatisch ablaufen können, wir also eine dezentrale Intelligenz in einem Energiemanagementsystem haben, die diese Prozesse steuert.

Kommen wir zurück zur Herausforderung Prognosequalität.

Eine häufige Frage, die uns Versorger stellen, ist: Wie verändert sich denn das Verbrauchsverhalten, wenn immer mehr Menschen Elektroautos fahren und mit Wärmepumpen heizen? Wir stellen dann oft fest, dass viele Versorger ihre Kunden gar nicht so gut kennen und auch die Datenbasis nicht optimal ist, um es diplomatisch zu formulieren. Das Abbilden der elektrischen Last über Standardlastprofile mag in der "alten Welt" vielleicht noch funktioniert haben. Aber jetzt, da die Preisschwankungen und absoluten Beträge deutlich höher sind als früher, ist auch das Risiko, dass es richtig teuer wird, wenn man daneben liegt, deutlich größer.

Das heißt?

Ich glaube, wir müssen in eine Welt kommen, in der Versorger viel genauer über ihre Kunden Bescheid wissen. Die Echtzeitdaten, die zum Beispiel intelligente Messsysteme liefern, machen das auch möglich. Da sollte es eine leichte Aufgabe sein, mithilfe passender Algorithmen Abweichungen von gängigen Verbrauchskurven zu entdecken und die Beschaffung entsprechend abzustimmen. Auch aus vertrieblicher Sicht bietet das Chancen. Denn möglicherweise findet man im Portfolio Kunden, die noch immer einen Standardtarif haben, obwohl sie ihr Elektroauto zweimal täglich mit elf Kilowatt laden. Auf sie könnte man dann zugehen und sagen: Vielleicht passt ein anderer Tarif besser für dich.

Versorger haben Stand jetzt noch gut ein Jahr Zeit, dynamische Tarife einzuführen. Wie viel Vorlaufzeit sollten denn Stadtwerke auf jeden Fall einplanen?

Das hängt vermutlich davon ab, wie schnell sich die IT-Systeme bei den Anbietern implementieren lassen. Ich kann versuchen, die Vorlaufzeit auf Basis der von uns durchgeführten Forschungsprojekte hochzurechnen. Demnach würde man etwa ein halbes Jahr benötigen, um  einen Tarif zu entwickeln, die IT-Landschaft aufzubauen und eine beschränkte Anzahl an Pilotkunden anzubinden. Wenn alles gut läuft, könnte man dann nach einem Jahr in den Realbetrieb gehen.

Das Interview führte Andreas Baumer

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