Die Stadtwerke Sigmaringen waren lange ein städtischer Eigenbetrieb und wurden erst 2021 in eine städtische GmbH umgewandelt.

Die Stadtwerke Sigmaringen waren lange ein städtischer Eigenbetrieb und wurden erst 2021 in eine städtische GmbH umgewandelt.

Bild: © Stadtwerke Sigmaringen

Eine Finanzspritze der Stadt in Höhe von 11,5 Mio Euro hat die kleinen schwäbischen Stadtwerke Sigmaringen vor der drohenden Zahlungsunfähigkeit gerettet. Die Stadt stellt zudem die Finanzierung der Stadtwerke um und verzichtet auf einen Gesellschafterkredit von 14,5 Mio.Euro. Der Gemeinderat hat hierzu vor Kurzem einstimmig ein Sanierungskonzept für die städtische  GmbH auf den Weg gebracht.

Der zu 100 Prozent kommunale Versorger mit rund 90 Mitarbeitenden hatte über fast ein Jahr bis hin zum Beginn des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine im Februar 2022 die Strom- und Gasbeschaffung offenbar großteils ausgesetzt und hatte im Anschluss die Mengen für 2023 komplett zu sehr hohen Beschaffungspreisen einkaufen müssen. Größere Teilmengen für 2024 und 2025 mussten teils sogar zu redkordhohen Preisen beschafft werden.

Teuer eingekaufte Mengen mussten deutlich günstiger verkauft werden

Diese hohen Einkaufspreise wurden aber offenbar insbesondere in der Zeit der Energiepreisbremsen nicht so an die Kunden weitergegeben, dass der Energievertrieb wirtschaftlich kostendeckend war. Damals lagen die Strompreise bei den Stadtwerken beispielsweise unter 50 Cent pro kWh, der Durchschnittspreis der eingekauften Mengen (Portfoliopreis) lag aber deutlich darüber.

Auch signifikante Rückgänge im Energieverbrauch durch Kundenabwanderungen und Energieeinsparungen führten zu Verlusten, da die teuer eingekauften Mengen deutlich günstiger wieder verkauft werden mussten. Die daraus resultierenden Verluste in einer Dimension von über zehn Mio. Euro hatten das Eigenkapital in den einstelligen Bereich abstürzen lassen.

OB: "Nachricht hat uns hart getroffen"

"Die Nachricht über die finanzielle Situation der Stadtwerke hat uns hart getroffen. Jedoch bestand für die Verantwortlichen kein Zweifel daran, die Stadtwerke als unsere Werke der Daseinsvorsorge sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht im Stich zu lassen. Unseren treuen Kundinnen und Kunden der Stadtwerke wollen wir in dieser schwierigen Situation Verlässlichkeit bieten", wird der Aufsichtsratsvorsitzende der Stadtwerke Sigmaringen, Oberbürgermeister Marcus Ehm in einer Pressemitteilung der Stadt zitiert.

Durch die finanzielle Unterstützung der Stadt und dank eigener Maßnahmen der Stadtwerke werde das Unternehmen gestärkt aus der Krise hervorgehen. Die Versorgungssicherheit sei aber „trotz der kritischen finanziellen Situation der Stadtwerke“ zu keiner Zeit gefährdet gewesen, versichert das Stadtoberhaupt. Die Stadt Sigmaringen hat rund 20.000 Einwohner und gilt als wirtschaftlich gesunde Kommune.

Viele offene Fragen rund um Kontrollmechanismen

Auch wenn die genauen Entwicklungen, Verantwortlichkeiten und etwaige Pflichtverstöße sowie mögliche Schadenersatzansprüche noch von Wirtschaftsprüfern und Anwälten zu klären sind, weist der Fall Sigmaringen einige Parallelen zu den Entwicklungen bei der Dortmunder Energie- und Wasserversorgung (DEW21) auf, die in der Ruhrgebietsmetropole für ein Beben in der Kommunalpolitik gesorgt haben und aktuell aufgearbeitet werden. In Dortmund wurde erst am Freitag ein Gutachten bekannt, das die frühere Geschäftsführung schwer belastet.

Auch in Sigmaringen soll es offenbar sehr lange gedauert haben bis die finanziellen Folgen der Energiebeschaffung ans Licht kamen, konkret liegt ein Zeitraum von über einem Jahr zwischen den Transaktionen und der Materialisierung erster Verluste. Auch in Sigmaringen scheint es so als habe zu einem gewissen Zeitpunkt quasi eine panikartige Energiebeschaffung eingesetzt, die wohl nicht vollständig transparent war.

Dort stellen sich also ebenfalls viele Fragen rund um die Wirksamkeit der bestehenden Kontrollmechanismen und wann der Aufsichtsrat was wusste oder ob er gegebenenfalls gezielt im Unwissen gelassen wurde von der damaligen Geschäftsführung. Klar ist, dass sich die Folgen der Energiebeschaffung nicht unbedingt zeitnah in der Bilanz niederschlagen, irgendwann manifestiert sich das aber spätestens in einer deutlich schlechteren Liquidität. Die Stadtwerke Sigmaringen beschaffen im Wesentlichen über die Energiehandelskooperation Südweststrom.

OB kündigt künftig "engmaschigere Begleitung" der Stadtwerke an

Oberbürgermeister Ehm kündigt deshalb eine Nachschärfung der Kontrollmechanismen an. "Um solch eine Situation nicht mehr aufkommen zu lassen, wird es zukünftig eine engmaschigere Begleitung bei den betrieblichen Abläufen der Eigengesellschaft geben"‘, kündigte er an.

Unter anderem soll die Berichtspflicht der Geschäftsführung gegenüber dem Aufsichtsrat geschärft und die Mindestanforderungen erhöht werden. Ein neu einzurichtendes städtisches Beteiligungsmanagement soll als Unterstützungsfunktion für den Aufsichtsrat die finanzielle Situation engmaschig überwachen.

Ziel sei es dabei, dass der Aufsichtsrat seine Kontrollfunktion effizient ausführen und bei der Analyse der Finanzkennzahlen auf die Expertise der Stadtverwaltung zurückgreifen kann. Diese soll dadurch in die Lage versetzt, das Geschäft der Stadtwerke noch besser zu verstehen und enger als bisher zu begleiten.

Stadtwerke verloren 2023 rund zehn Prozent der Kunden

Aufgrund der Schieflage der Stadtwerke Sigmaringen wurde im August auch die Geschäftsführung ausgetauscht. Die Stadt trennte sich von dem seit 2021 im Amt befindlichen Markus Seeger, seitdem leitet der in der Kommunalwirtschaft gut vernetzte Energiemanager Falk Wilhelm Schulz das Unternehmen interimistisch, sein Vertrag läuft vorerst für ein Jahr. Schulz war unter anderem viele Jahre als Geschäftsführer bei den Stadtwerken Olching und als Prokurist bei den Stadtwerken Uelzen tätig.

Die Stadtwerke Sigmaringen sind breit aufgestellt. Wichtigste Ertragsquellen sind die Strom- und Gasnetze sowie der Energievertrieb, zudem werden über die Erlöse aus dem Energiegeschäft Busbetrieb, Bäder und der Bereich Parkierung gegenfinanziert.  Rund 13.000 Kunden werden mit Strom beliefert, weitere 3.000 mit Gas. Aufgrund der hohen Beschaffungspreise sind die Endkundenpreise ebenfalls noch hoch, so dass der kommunale Versorger circa zehn Prozent seiner Kunden im letzten Jahr verloren hat.

Aktuell liegen die Strompreise bei über 40 Cent pro kWh und bei Gas bei rund 12 Cent. "Wir verlieren aktuell Kunden, weil unsere Preise nicht wettbewerbsfähig sind, aber zum Glück nicht in dem Umfang, wie ich es erwartet hätte", gesteht Schulz ein. Für dieses Jahr werde man die Preise nicht mehr nach unten anpassen können. "Im nächsten Jahr werden wir aber die Preise senken. Um die Treue der Kunden zu honorieren, werden wir auf Marge verzichten", kündigt Schulz an.

Investitionen werden vorerst massiv runtergefahren

Der Energiemanager, der gerade einmal sieben Wochen in Sigmaringen tätig ist, sah sich zu Anfang mit einer tief verunsicherten Mitarbeiterschaft konfrontiert. Nach der Rettung durch die Stadt ist die Erleichterung aber nun entsprechend groß. "Wir danken dem Gemeinderat und der Stadtverwaltung, die diesen herausfordernden Weg durch den Beschluss des Gremiums geebnet haben", so Schulz.

Die Investitionen der Stadtwerke werden vorerst auf ein Minimum reduziert. Alles was über das Thema Versorgungssicherheit hinausgeht, habe man erst mal auf Eis gelegt, sagt Schulz.

Mit dem Jahreabschluss 2024 will man wieder finanzierungsfähig sein

Der Jahresabschluss für 2023 soll im Dezember verabschiedet werden. Erschwert wird dieses Ziel noch durch eine laufende Umstellung des ERP-Systems. Dank der Eigenkapitalerhöhung durch die Stadt würden die Stadtwerke nach dem Jahresabschluss für das Jahr 2024 wieder finanzierungsfähig und könnten dann wieder Fremdkapital bei den Banken erhalten, um weitreichendere Investitionen zu stemmen, gibt sich Schulz zuversichtlich.

Er will die Krise vor allem nutzen, um die Effizienz und die organisatorischen Abläufe bei den Stadtwerken weiter zu optimieren. "Alle Prozesse und das gesamte Regulierungsmanagement stehen auf dem Prüfstand, am Ende wird ein profitables Unternehmen stehen", bekräftigt der Interimschef. Die Stadtwerke Sigmaringen waren lange Zeit ein städtischer Eigenbetrieb und wurden erst 2021 in eine GmbH umgewandelt. (hoe)

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"DEW21 und Stadtenergie: Es bleiben viele offene Fragen"

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