„Die Coronapandemie hat uns allen einen dramatischen Perspektivwechsel beschert und unser Leben – wie wir es bis dahin kannten – elementar verändert": Heike Heim, Vorsitzende der Geschäftsführung der Dortmunder Energie- und Wasserversorgung (DEW21).

„Die Coronapandemie hat uns allen einen dramatischen Perspektivwechsel beschert und unser Leben – wie wir es bis dahin kannten – elementar verändert": Heike Heim, Vorsitzende der Geschäftsführung der Dortmunder Energie- und Wasserversorgung (DEW21).

Bild: ©DEW21

Im Skandal um die ehemalige Vorstandschefin der Dortmunder Stadtwerkeholding DSW21, Heike Heim, belastet sie ein neues Gutachten schwer. Während der Energiekrise hätte Heim als Geschäftsführerin des Energieversorgers DEW21 "wiederholt und in erheblichem Umfang die vom Aufsichtsrat genehmigten Risikoobergrenzen missachtet", zitiert die Stadt Dortmund aus dem Gutachten des Rechtsanwalts Lutz Aderhold.

Schwere Vorwürfe

Die Aussagen darin sind brisant. Heike Heim wird dort als alleinige Verantwortliche für den Millionenschaden, den die fragliche Beschaffungsstrategie verursacht hatte, gesehen. Laut dem Gutachten hat Heim "ohne Mitwissen und Mitwirkung der beiden anderen Geschäftsführer allein im Risikokomitee beschlossen, sämtliche Risikoleitplanken aus dem Risikohandbuch der DEW21 nicht weiter anzuwenden".

"Aufsichtsrat wusste von nichts"

Der Aufsichtsrat hätte daher nicht wissen können, dass die wichtigen Risikoobergrenzen "Stop-loss-Limit und Value-at-Risk-Limit" intern aufgehoben waren, heißt es weiter. Auch habe der Aufsichtsrat mit dem Oberbürgermeister Thomas Westphal (SPD) an der Spitze keine Kenntnis davon gehabt, dass in der Hochphase der Energiekrise im zweiten Halbjahr 2022 das genehmigte Risikokapital für Marktpreisrisiken teilweise um ein Mehrfaches überschritten wurde.

Weil der Aufsichtsrat "mangels anderer Informationen" davon ausging, dass die internen Risikoleitplanen eingehalten werden, musste er auch keinen Verdacht schöpfen, dass "Frau Heim unter Verstoß gegen alle internen Risikorichtlinien und Informationspflichten im großen Stil im Zusammenwirken mit dem verantwortlichen Chefeinkäufer Spekulationsgeschäfte im Energiehandel vornahm", heißt es in dem Gutachten des Rechtsanwalts.

Stadtenergie und Energiebeschaffung

Heike Heim musste ihren Chefposten bei den Stadtwerken Dortmund aus zwei Gründen im Sommer aufgeben: Zum einen aufgrund des Abrechnungsskandals bei der bundesweiten Vertriebsmarke der DEW21, Stadtenergie, und erhebliche Fehlentscheidungen beim Energieeinkauf.

Im Fall des Abrechnungsbetrugs bei der DEW21-Digitalvertriebstochter Stadtenergie ermittelt mittlerweile die Dortmunder Staatsanwaltschaft. Hauptverdächtiger ist ein früherer leitender Angestellter, der Mitte April freigestellt worden sein soll, dagegen aber offenbar vor dem Arbeitsgericht geklagt hat. Zehntausenden Kunden muss ein zweistelliger Millionenbetrag zurückgezahlt werden. Insgesamt wurden hierfür Rückstellungen von 74 Mio. Euro gebildet. Derzeit läuft bei DEW21 zudem die Erstellung der Jahresrechnungen für die Kunden. Eine konkrete Frist gibt es hierfür nicht, sagte eine Unternehmenssprecherin der ZfK. Es gehe vorrangig um die Korrektheit der Berechnungen und nicht um die Schnelligkeit, betonte sie.

Politisch noch mehr Sprengstoff birgt aber die Energiebeschaffung während der jüngsten Energiekrise. Auf deren Höhepunkt hat sich das Unternehmen offenbar drei Jahre im Voraus mit Gas und Strom zu den damals gültigen, rekordhohen Preisen eingedeckt. Ein paar Monate später gingen die Preise massiv zurück, die DEW21 musste große Energiemengen bisher weit unter Einstandspreis verkaufen.

Nur ein Jahr an der DSW21-Spitze

Nach ihrer Tätigkeit als Geschäftsführerin bei DEW21 übernahm Heim für gut ein Jahr den Posten der Vorstandsvorsitzenden der DSW21. Nach dem Abrechnungsskandal bei DEW21-Vertriebstochter Stadtenergie und den mutmaßlichen Verstößen gegen die Risikoleitlinien bei der Energiebeschaffung musste sie ihren Posten räumen.

Auf Vorschlag des Aufsichtsratsvorsitzenden Thomas Westphal hat der Aufsichtsrat der Dortmunder Stadtwerke AG, DSW21, ihn damit beauftragt, Gespräche mit der Vorstandsvorsitzenden Heike Heim hinsichtlich einer Beendigung der Zusammenarbeit aufzunehmen. Ziel war zunächst, einen Aufhebungsvertrag zu vereinbaren, teilte DSW21 damals mit. Knapp eine Woche später wurde daraus eine fristlose Kündigung mit sofortiger Wirkung. Inzwischen klagt Heim gegen diese Entlassung. Bevor die juristische Aufarbeitung und etwaige Schadenersatzansprüche nicht geklärt sind, kann dieser Aufhebungsvertrag aber nicht ausgehandelt werden, das Thema liegt deshalb auf Eis. (am)


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