Neue Wege in der Finanzierung: Jörg Zou ist Geschätsführer der Stadtwerke Esslingen.

Neue Wege in der Finanzierung: Jörg Zou ist Geschätsführer der Stadtwerke Esslingen.

Bild: © Anita Krämer/Stadtwerke Esslingen

Von Hans-Peter Hoeren

Alternative Wege in der Finanzierung sind ein großes Thema in der Kommunalwirtschaft. Hintergrund sind die immensen Investitionsherausforderungen der Branche in hoher dreistelliger Milliardenhöhe für die Umsetzung der Energiewende vor Ort. An vielen Orten spielt auch eine finanzielle Bürgerbeteiligung als Baustein im Finanzierungsmix eine wachsende Rolle. So auch in Esslingen. Dort wollen die Stadtwerke Esslingen (SWE) Bürger finanziell am Ausbau der Fernwärmenetze beteiligen. Als Finanzierungsinstrument ist die Ausgabe von Genussrechten vorgesehen.

Das Emissionsvolumen ist auf sechs Millionen Euro begrenzt. Der Mindest-Anlagebetrag liegt bei 500 Euro, die Mindest-Laufzeit bei fünf vollen Beteiligungsjahren. Verzinst werden die Genussrechte mit mindestens 3,2 Prozent (Basis). Für viele SWE-Kunden gilt ein erhöhter Zinssatz von 3,7 Prozent (Premium). Interessierte können sich auf der dafür eingerichteten Beteiligungsplattform registrieren, abgewickelt wird das Ganze technisch von dem auf Bürgerbeteiligungen spezialisierten Dienstleister Dallmayer Consulting. Die Plattform wird ab 15. September freigeschaltet.
 

Stadt Essslingen will bis 2040 klimaneutral sein

Konkret geht es um die Finanzierung des Projekts "Clever Wärmeausbau ES 1.0". Dahinter verbirgt sich der Ausbau des Fernwärmenetzes in der Esslinger Innenstadt und in Oberesslingen. Auf mehr als vier Kilometern Trassenlänge werden bis Ende 2026 Leitungen verlegt. Mit dem Bau haben die Stadtwerke nach eigenen Angaben bereits begonnen – weitere Straßenzüge folgen nach und nach. Die Stadt Esslingen am Neckar möchte bis zum Jahr 2040 klimaneutral sein.

"Die Stadtwerke Esslingen wollen die Energiewende in der Region noch schneller voranbringen. Das schaffen wir gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern", sagt SWE-Geschäftsführer Jörg Zou. Das Finanzinstrument des Genussrechts biete dabei mit seiner festen Verzinsung ein attraktives Chancen-Risiko-Verhältnis. "Anleger sind am gesamten Unternehmen beteiligt, wodurch eine Risikostreuung erfolgt – nicht nur an einem einzelnen Projekt", so Zou weiter.

Vorteile und Risiken von Genussrechten

Genussrechte werden oft von kommunalen Versorgern im Rahmen von Bürgerbeteiligungsprojekten eingesetzt. Der Vorteil für Stadtwerke: das Eigenkapital wird gestärkt. Der attraktive Zinssatz ist für die Anleger aber auch mit höheren Risiken verbunden, weil die Genussrechte einen qualifizierten Nachrang vorsehen. Das heißt, im Falle einer Insolvenz kann der Anleger sein eingezahltes Kapital ganz oder teilweise verlieren, ebenso die noch nicht ausgeschütteten Zinsen, in der Rangfolge der Gläubiger wird er nachrangig bedient.

Erfolgreiche Bürgerbeteiligungen bei Wärmewende in Karlsruhe und Heidelberg

Erste Erfahrungen mit der Beteiligung von Bürgern an lokalen Wärmewendeprojekten haben unter anderem bereits die Stadtwerke Heidelberg und Karlsruhe gemacht. In Heidelberg ging es um ein Projekt der innovativen Kraft-Wärme-Kopplungsanlage, die Emission war sehr schnell überzeichnet. In Karlsruhe kooperieren die Stadtwerke schon lange mit der lokalen Sparkasse in Sachen Bürgerbeteiligung. Hier konnten Bürger zu Beginn des Jahres über ein Festgeld in die Wärmewende investieren, auch dort war die Nachfrage groß.

Sehr erfolgreich beim Einsatz von Genussrechten zur Eigenkapitalstärkung sind seit vielen Jahren die Technischen Werke Schussental (ebenfalls Baden-Württemberg), die darüber bereits über 40 Millionen Euro an Eigenkapital generiert haben.

Konstanzer Modell als Blaupause für größere Finanzierungen

Neue Wege in Sachen Wärmewende-Finanzierung gehen die Stadtwerke Konstanz, die den Bau von sechs Wärmenetzen planen. Jedes Wärmenetz soll über eine Projektfinanzierung mit externen Investoren realisiert werden. Mit Iqony ist man bereits mit einem Investor für das erste Wärmenetz einig, die konkreten Verhandlungen mit einem Investor für das zweite Netz respektive das Markterkundungsverfahren für das dritte Netz laufen bereits. Insgesamt sind allein in Konstanz rund 550 Millionen Euro allein für die Finanzierung der erforderlichen Investitionen in die Wärmewende erforderlich. Das Konstanzer Modell könnte eine Art Blaupause für die gesamte Branche sein. Auch hier sind Nachrangdarlehen und Bürgerbeteiligung ein Baustein in der Finanzierungsstrategie.

Einen ausführlichen Artikel über die Funktionsweise des Modells und die praktischen Erfahrungen hat Gordon Appel, Geschäftsführer der Stadtwerke Konstanz, in einem ausführlichen Artikel im aktuellen ZfK-Wärmenewsletter aufgezeigt. Den Artikel finden Sie hier.

Warum auch der Blick nach Skandinavien lohnt

Neue Wege in der Finanzierung gegangen sind auch skandinavische Länder wie Schweden und Dänemark, die bei der Umsetzung der Wärmewende schon weiter sind als Deutschland. Dabei spielen unter anderem Plattformlösungen und die Übernahme der größten Projektrisiken durch die öffentliche Hand eine wichtige Rolle.

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