Der hessische Energiedienstleister GGEW verzeichnet seit Beginn der Coronakrise eine starke Nachfrage nach höheren Bandbreiten und wird das Personal in diesem Bereich ausbauen. Das Unternehmen hat vor einigen Monaten die restlichen 50 Prozent des Telekommunikationsdienstleisters GGEW net GmbH erworben und hat damit nun die alleinige Hoheit über die Telekommunikationssparte.
Gleichzeitig prüft die GGEW in dieser Sparte, ob sie interne Prozesse auslagert und bereitet sich auf die Einführung einer Open-Access-Plattform vor. „Die größte Chance im nicht-regulierten Bereich zu wachsen, sehe ich aktuell im Bereich Telekommunikation“, erklärte GGEW-Chef Carsten Hoffmann im Gespräch mit der ZfK. Hier brauche man einen langen Atem.
Sparte ist bereits profitabel
Das Unternehmen engagiert sich seit 2002 in diesem Geschäftsfeld und investiert mittlerweile jedes Jahr rund 3,5 Mio. Euro in den Glasfaserausbau und versorgt rund 6000 Kunden mit Internet und Telefonie.
"Dieser Bereich ist für uns zu einem wichtigen Standbein geworden. Wir sehen hier noch viel Wachstumspotenzial, sind bereits heute profitabel und wollen die Kundenanzahl mehr als verdoppeln", so Hoffmann. Um die Ergebnisbeiträge dieser Sparte weiter steigern zu können, benötige man einen ausgewogenen Mix aus Privat- und Gewerbekunden.
Die GGEW bietet den Kunden sowohl einen Glasfaseranschluss als auch damit korrespondierende Telekommunikations-Produkte an. Zusätzlichen Schub erhält der Vertrieb auch durch die gute Resonanz auf das seit einigen Jahren bestehende Kombi-Produkt, das einen Internet- und einen Energietarif bündelt.
Kombi-Produkt stärkt Kundenbindung
„Dieses Produkt stärkt die Kundenbindung", sagt der GGEW-Chef. Stromkunden des Kommunalversorgers können mit der „GGEWinner Kombi“ ihren Vertrag mit einer Internet- und Festnetz-Flatrate kombinieren. Als Kombivorteil winkt dabei ein Rabatt auf die Monatsrechnung (Internet/Telefon).
„Grundsätzlich bin ich ein Freund davon, vom Energiegeschäft ausgehend rund um den eigenen Schornstein zu wachsen“, versichert Hoffmann. Es werde aber zunehmend schwerer, neue Produkte zu finden, mit denen sich entsprechende Margen erzielen ließen.
„Das eine Produkt gibt es nicht, es wird immer kleinteiliger“, sagt er. Als kommunales Unternehmen müsse man sein Bestandsgeschäft so effizient wie möglich aufstellen – von der Prozesseffizienz bis hin zu einer Optimierung des Kundenservices.
Immobiliengeschäft: Erste Mieter ziehen im Sommer ein
Der angekündigte Einstieg des Unternehmens in das Immobiliengeschäft nimmt indes weiter Form an. Nachdem eine Satzungsänderung 2019 den Weg in den neuen Geschäftsbereich frei gemacht hatte, wird im Sommer dieses Jahres ein Achtfamilienhaus in Bensheim eingeweiht und die ersten Mieter ziehen ein.
„Wir wollen mit diesem Leuchtturmprojekt erste eigene vertriebliche Erfahrungen in dem neuen Geschäftsfeld sammeln“, erklärt Hoffmann. Dies sei Teil des Transformationsprozesses vom reinen Energieversorger hin zu einem Energie- und Infrastrukturdienstleister.
Von den acht Wohnungen fielen sechs in die Kategorie bezahlbaren Wohnraums, bei den restlichen zwei würden Marktpreise zugrunde gelegt. Bau und Vermietung sind in der GGEW-Tochtergesellschaft Wärmeversorgung Bergstraße GmbH gebündelt. Auch der Einzug von Mitarbeitern sei denkbar.
Komplett-Lösung für Eigenheimbesitzer in neuem Wohnquartier
Neben dem Vermieten der Wohnungen wolle man dort auch die gesamte Produktpalette anbieten, von Mieterstromanlagen bis hin zur E-Mobilität, so der GGEW-Chef. Man habe hier keine Hast und wolle über einen langen Zeitraum ein Portfolio entwickeln.
Weitere Erfahrungen im Immobilienbereich sammelt der Energiedienstleister aktuell bei seinen ersten Quartiersentwicklungs-Projekten in der Region. In einem Neubaugebiet im Bensheimer Stadtteil Fehlheim bietet das Unternehmen ein Rundum-sorglos-Paket aus Nahwärmeanschluss, PV-Pachtmodell plus Speicher, Glasfaser-Internet, E-Carsharing und bei Bedarf auch privaten Wallboxen an. Der Kunde spare bei der Komplettlösung über 6500 Euro, heißt es.
Die GGEW hat das Nahwärmenetz aufgebaut, es besteht aber kein Anschlusszwang. „Wir haben hier bereits einige Privathäuser angeschlossen und sind zuversichtlich, dass wir hier ausreichend Haushalte finden“, sagt Hoffmann. Das Energiekonzept stehe in direkter Konkurrenz zur Luft-Wärme-Pumpe.
PV-Pflicht auf allen Gebäuden
Der Bebauungsplan sieht eine PV-Pflicht auf allen Gebäuden vor, zusätzlich soll ein Blockheizkraftwerk die Stromversorgung sicherstellen. Dort soll neben Erdgas auch Biomethan in einem Umfang von bis zu 20 Prozent eingesetzt werden. Das ermöglicht einen niedrigen Primärenergiefaktor von 0,49.
Im vergangenen, coronageprägten Geschäftsjahr ist die GGEW AG laut Hoffmann mit einem „hellblauen Auge davongekommen. Er erwartet einen leicht niedrigeren Jahresüberschuss im Vergleich zu 2019, das Unternehmen will seinen Jahresabschluss im Juli präsentieren.
Profitiert habe der GGEW-Konzern, der ein Windportfolio von insgesamt rund 116 MW hat, von den überdurchschnittlichen Winderträgen im Jahr 2020.
Diversifizierung des Industrie- und Gewerbekunden-Portfolios
In den vergangenen Jahren hatte das Unternehmen den Umsatz deutlich zurückgefahren und sehr stark auf den Kundenwert bei Industrie- und Gewerbekunden geschaut. „Für uns ist es wichtig, dass die Kunden in unser Beschaffungsportfolio reinpassen, und eine Diversifizierung gewährleisten.“ (hoe)



