Nach dem Dezemberschock nun etwas Entspannung. Dies gilt nicht nur für die Strompreise im Großhandel, sondern offenbar auch für die Preise in der Grundversorgung.
Zwar ist Strom mit mehr als 100 Euro pro MWh im Frontjahreskontrakt (Base) noch immer überdurchschnittlich teuer. Allerdings waren die Preise kurz vor Weihnachten fast dreimal so hoch.
Separate Tarife für Neukunden
Dies nehmen offenbar immer mehr Grundversorger zum Anlass, ihre gesonderten Grundversorgungstarife für Neukunden zu senken.
Etliche Stadtwerke hatten nach einer Neukundenflut infolge bundesweiter Liefereinstellungen der Billiganbieter Stromio und Gas.de sowie angesichts rekordhoher Beschaffungspreise ihre Grundversorgungstarife aufgesplittet. Das Vergleichsportal Check24 zählt inzwischen 337 Strom- und 332-Gas-Grundversorger, die separate Tarife für Bestands- und Neukunden führen.
Stadtwerke Gütersloh senken Preis
Nach dem Mönchengladbacher Unternehmen NEW und der Kölner Rheinenergie kündigten nun mindestens drei weitere Grundversorger an, ihre Preise zu verringern.
Die Stadtwerke Gütersloh senken ihren Tarif von 91,98 auf 54,09 Cent pro kWh. Der neue Preis ist vom 1. Februar an gültig.
"Preisbeobachtungen in noch kürzerer Taktung"
Die Energieversorgung Leverkusen, die mehrheitlich der Stadt Leverkusen gehört, geht von 75 auf 45 Cent pro kWh zurück. Die Senkung trete erst zum 1. März in Kraft, da alle deutschen Energieversorger bei Tarifänderungen an eine gesetzliche Vorlaufffrist von sechs Wochen gebunden seien, heißt es in einer Pressemitteilung.
"Angesichts der Sondersituation machen wir die Markt- und Preisbeobachtungen zurzeit in noch kürzerer Taktung", wird Thomas Eimermacher, kaufmännischer Geschäftsführer der EV, zitiert.
"Gesetzliche Verpflichtung"
Weitere kurzfristige Preisanpassungen und neue Produkte seien in diesem Jahr möglich.
"Bewegen sich die Börsenpreise weiter nach unten, sind wir in der Grund- und Ersatzversorgung zum Weitergeben von Vorteilen bei den Bezugskosten gesetzlich verpflichtet."
Stadtwerke Düren mit neuem Grundversorgungstarif
Anders reagierten die Stadtwerke Düren (Nordrhein-Westfalen). Sie führten für Neukunden ab 14. Januar einen zusätzlichen Grundversorgungstarif ein.
Anders als deren Vorgänger, die zwischen 22. Dezember und 13. Januar in die Grund- und Ersatzversorgung fielen, zahlen diese nicht mehr 99,75 Cent, sondern nur noch 49,18 Cent pro kWh – also halb so viel.
Drei Stadtwerke abgemahnt
Am Donnerstag war der Streit um die Rechtmäßigkeit separater Grundversorgungstarife für Neukunden eskaliert. Die Verbraucherzentrale NRW mahnte drei Grundversorger ab, die gesonderte Neukundentarife mit aus ihrer Sicht besonders hohen Preissteigerungen eingeführt hatten.
Betroffen waren neben der Rheinenergie und den Stadtwerken Gütersloh auch die Wuppertaler Stadtwerke. (Die ZfK berichtete.)
"Verbraucherzentrale auf Holzweg"
Daraufhin musste der Verein von Grundversorgern und Spitzenverbänden beißende Kritik einstecken. "Die Verbraucherzentrale NRW ist auf dem Holzweg", urteilte etwa VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing. "Sie macht es sich zu leicht."
Schließlich liege der maßgebliche Anlass für die aktuellen Grund.- und Ersatzversorgungspreise bei den Energiediscountern, die ihren Verpflichtungen gegenüber ihren Kunden vertragswidrig nicht mehr nachkämen.
Kartellamtspräsident äußert sich
Auch Bundeskartellamtspräsident Andreas Mundt schaltete sich in die Debatte ein. Er sagte der Deutschen Presse-Agentur, dass er die Praxis der Tarifspreizung kritisch sehe, "auch wenn ein gewisser Preisunterschied angesichts der derzeitigen Verwerfungen am Markt und der sehr hohen Beschaffungskosten gerechtfertigt sein könnte".
Es gehe dabei vor allem um das richtige Maß. "Es ist kartellrechtlich durchaus relevant, wenn jemand, der auf die Grundversorgung angewiesen ist – und sei dies auch nur für einen Übergangszeitraum -–missbräuchlich überhöhte Mondpreise zahlen muss." Die Versorger sollten sich bewusst sein, "dass sie die Höhe der jetzt aufgerufenen Tarife für Neukunden im Einzelnen auch rechtfertigen können müssen".
Lemke erneuert Kritik
Ihre Kritik an überteuerten Grundversorgungstarifen unterstrich Verbraucherschutzministerin Steffi Lemke. Wenn für die Kilowattstunde Strom jetzt 90 oder sogar 97 Cent verlangt werden, dann lasse sich das nicht mehr mit gestiegenen Beschaffungskosten erklären, sagte sie dem "Handelsblatt".
"Diese Aufschläge lassen sich meiner Meinung nach schwer mit Marktpreisen rechtfertigen", sagte die Grünen-Politikerin.
Baden-Württemberg im Fokus
Am Freitag verlagerte sich die Diskussion von Berlin und Nordrhein-Westfalen auf Baden-Württemberg. Matthias Bauer, Energieexperte der dortigen Verbraucherzentrale kündigte an, die Energiekartellbehörden des Landes einschalten und mit konkreten Marktverstößen einzelner Grundversorger konfrontieren zu wollen.
Im Interview mit dem Regionalsender SWR prangerte er Grundversorger an, die inzwischen Preise von deutlich mehr als einem Euro verlangten.
Pforzheim senkt Gas- und Strompreise
Möglicherweise dürfte er dabei auch die Stadtwerke Pforzheim gemeint haben. Der baden-württembergische Kommunalversorger hatte ebenfalls gesonderte Grundversorgungstarife für Neukunden eingeführt. Bei Strom berechnete er 107,66 Cent pro kWh, bei Gas 41,59 Cent pro kWh.
Damit ist am Montag Schluss. Dann gelten neue Preise. Strom koste dann noch rund 55 Cent, Erdgas rund 24 Cent pro kWh, teilte eine Unternehmenssprecher der ZfK mit.
"Gebot sozialer Gerechtigkeit"
Gegen die Kritik der Verbraucherzentrale wehrte sich Klaus Eder, Vorsitzender der VKU-Landesgruppe Baden-Württemberg. In der Grundversorgung seien viele sozial schwache Kunden, die mangels Bonität kein Angebot von anderen Versorgern erhalten, teilte er mit.
Wer dagegen auf die höchste Einsparung setze, bezahle dies mit einem höheren Risiko. "Deshalb sind die gesplitteten Grundversorgungstarife auch ein Gebot sozialer Gerechtigkeit." (aba)



