Gekannt und geschätzt haben sich die Hamburger Energiewerke und der norddeutsche Direktvermarkter ANE Energy schon zuvor. Seit mehreren Jahren hat das hanseatische Kommunalunternehmen Teile seines Handelsgeschäfts an ANE ausgelagert. Nun aber gehen die Energiewerke einen Schritt weiter und beteiligen sich mit 50,1 Prozent am Grünstromhändler. Ein Doppelinterview mit Christian Heine, Sprecher der Geschäftsführung der Energiewerke, und Ralf Höper, Geschäftsführer der ANE, über die Hintergründe der neuen Kooperation, die inzwischen auch die Zustimmung der europäischen Kartellbehörde fand.
Herr Heine, es ist nichts Ungewöhnliches, dass sich große Kommunalversorger im Geschäftsfeld der Direktvermarktung tummeln. Ungewöhnlich ist jedoch, dass sich ein großer Kommunalversorger bei einem Direktvermarkter einkauft. Warum gehen die Hamburger Energiewerke diesen Weg?
Christian Heine: Wir stehen in Hamburg vor der großen Herausforderung, unsere Energie zu dekarbonisieren. Was die Fernwärme betrifft, werden die Alternativen zu unseren kohlebefeuerten Heizkraftwerken Tiefstack und Wedel stark elektrotechnisch getrieben sein. Wir wollen beispielsweise auf große Flusswasserwärmepumpen und Power-to-Heat-Anlagen setzen.
Damit dort erzeugte Wärme aber tatsächlich grün ist, benötigen wir jede Menge Grünstrom. Deshalb wollen wir massiv in Erneuerbare-Energien-Anlagen investieren und diese dann auch betriebs- und energiewirtschaftlich so optimal wie möglich betreiben. Dafür benötigen wir Marktzugänge, wie sie ein Direktvermarkter wie ANE Energy hat.
Aber wenn Sie schon vorhaben, stark in erneuerbare Energien zu investieren: Wäre es nicht sinnvoller gewesen, gleich im eigenen Unternehmen ein Direktvermarktungsteam hochzuziehen und die Wertschöpfungskette vollständig im eigenen Haus zu behalten?
Heine: Dann hätten wir uns aber auf einem ausgedünnten Markt nicht nur nach neuen Fachkräften umsehen, sondern auch selbst Software einkaufen müssen. Das hätte viel Zeit und Geld gekostet.
So kooperieren wir nun mit einem Direktvermarkter, der all das schon in den vergangenen Jahren aufgebaut hat. ANE hat bereits heute in seinem virtuellen Kraftwerk 4000 Megawatt erneuerbare Energien aufgeschaltet und handelt davon einen Großteil hochautomatisiert mit einem eigenen Algotrading-System an der Strombörse. Die Erfahrung der neuen Kollegen mit den wichtigen Zukunftsthemen wie Sektorkopplung und Strukturierung von Power-Purchase-Agreements eröffnet uns ganz neue Möglichkeiten.
Können Sie das konkreter machen?
Heine: Wir als Energiewerke haben ja im März das stillgelegte Heizkraftwerk Moorburg gekauft. Gemeinsam mit dem Asset-Manager Luxcara wollen wir dort einen 100-Megawatt-Elektrolyseur errichten und grünen Wasserstoff produzieren. Auch hier wollen wir betriebs- und energiewirtschaftlich das Optimum herausholen. Und auch dafür benötigen wir die Kompetenz eines Direktvermarkters.
Wofür genau?
Heine: Zum einen für die Fahrweise der Anlage selbst, auch in Kombination mit Batteriespeichern. Und zum anderen für die Vermarktung des Wasserstoffs. Die spannende Frage ist ja: Wie schaffen wir es in Zukunft, an Orten wie Hamburg, wo wir mehrere Elektrolyseure, aber auch Wasserstoffimporte haben werden, einen funktionsfähigen Markt zu etablieren?
Für uns ist klar: Wer in diesem Umfeld erfolgreich Elektrolyseure einsetzen und Wasserstoff vermarkten will, muss in Echtzeit wissen, wie viel grüner Strom, aber auch Börsenstrom kostet. Der muss auch die Möglichkeit haben, kurzfristig auf veränderte Marktsituationen reagieren zu können.
Und das kann ANE Energy bereits, Herr Höper?
Ralf Höper: Wir beschäftigen uns tatsächlich seit zwei Jahren mit diesem Thema. Schon jetzt haben wir neben erneuerbaren Erzeugungsanlagen auch Power-to-Heat-Anlagen und Elektrolyseure in der Größenordnung von ein bis zwei Megawatt in unser virtuelles Kraftwerk aufgenommen. Strategisch ist das Thema Sektorkopplung sehr wichtig. Wir wollen das nun Stück für Stück hochfahren.
Apropos Sektorkopplung: Auch im Verkehrsbereich dürfte erneuerbarer Strom immer öfter nachgefragt werden – gerade in Großstädten wie Hamburg. Könnte daraus nicht auch ein Geschäftsmodell für Direktvermarkter werden?
Höper: In der Tat wollen wir uns im Verkehrssektor stärker engagieren. Wir arbeiten bereits mit mehreren Unternehmen in einem gemeinsamen Projekt an diesem Zukunftsthema. Eine vielversprechende Chance, die Betriebskosten von Elektrofahrzeugen weiter zu senken, bietet das gesteuerte Laden.
Das virtuelle Kraftwerk soll künftig die für die Ladung der Fahrzeuge benötigte Energie an den Kurzfristmärkten optimiert beschaffen und diese über die Flottenleitwarten auf die Fahrzeuge verteilen.
Heine: Die Hamburger Energiewerke haben heute schon ein großes Portfolio an privater und halb-öffentlicher Ladeinfrastruktur. Zum Jahresende übernehmen wir zudem 1500 Ladepunkte von Stromnetz Hamburg. Damit haben wir in der Hansestadt ein exorbitant großes Portfolio. Auch hier eröffnen sich also vielversprechende Kooperationsmöglichkeiten. Das gilt nicht nur für die ANE Energy, sondern auch für die Arge Netz, dem bisherigen ANE-Mehrheitseigentümer, der als Minderheitsanteilseigner der ANE weiter mit an Bord bleibt.
Bleibt die Frage, wie eigenständig die ANE Energy auch mit neuem Mehrheitseigentümer bleiben darf.
Heine: Wir haben nicht vor, die ANE komplett in die Konzernstrukturen der Energiewerke einzubinden. Vielleicht wird es das eine oder andere Thema geben, das besser aus dem Konzern heraus gemacht werden kann. Aber grundsätzlich wollen wir die Eigenständigkeit der ANE so aufrechterhalten, wie sie in den vergangenen Jahren entstanden ist.
Das Interview führte Andreas Baumer
Hinweis: In einem separaten Interview, das am Wochenende erschien, erklärt ANE-Energy-Chef Ralf Höper, welche neuen Möglichkeiten er auf einem wieder anziehenden PPA-Markt sieht und welche neuen Trends er in der Direktvermarktung beobachtet. Hier geht's zum vollständigen Artikel.
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