Ralf Schürkamp ist seit Anfang 2022 Geschäftsführer von Engie Deutschland Erneuerbare. Im Hintergrund ist der Windpark Karstädt in Brandenburg zu sehen.

Ralf Schürkamp ist seit Anfang 2022 Geschäftsführer von Engie Deutschland Erneuerbare. Im Hintergrund ist der Windpark Karstädt in Brandenburg zu sehen.

Bild: © Guido Kollmeier

Vor knapp zwei Jahren bündelte der Energieriese Engie seine deutschen Erneuerbaren-Aktivitäten in einer neuen Gesellschaft. Deren Name: Engie Deutschland Erneuerbare. Seitdem hat sich von Osterpaket über Energiekrise bis hin zum Markteintritt anderer großer internationaler Player viel getan. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Ralf Schürkamp über den Reiz des Erneuerbaren-Standorts Deutschland – gerade in turbulenten Zeiten wie diesen.

Herr Schürkamp, die Ampel-Koalition hat die jährlichen Erneuerbaren-Ausbauziele stark nach oben gezogen. Prompt haben große internationale Player von Iberdrola bis MET angekündigt, in den deutschen Erneuerbaren-Markt einzusteigen oder ihr Engagement auszuweiten. Spürt auch Engie, dass die Konkurrenz zugenommen hat?

Ja, der Wettbewerb ist stärker geworden. Wir sehen das bereits beim Rekrutieren neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Da reicht es nicht mehr, eine Stellenanzeige zu schalten, und dann bewerben sich 20 Leute. Aber auch bei den Projekten ist der Wettbewerb größer. Das spiegelt sich nicht zuletzt in gestiegenen Preisen wider.

Dabei wird oft beklagt, dass die Genehmigungsverfahren in Deutschland so lange dauern. Auch die Rahmenbedingungen haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder geändert – denken wir nur an Abstandsregeln und den Altmaier-Windknick Ende der 2010er-Jahre. Wie reizvoll ist der Erneuerbaren-Standort Deutschland?

Deutschland war schon immer ein attraktiver Markt. Wir sprechen immerhin von der größten Volkswirtschaft Europas mit Triple-A-Rating. Und auch schon vor dem Osterpaket gab es viele Marktteilnehmer, auch weil die Vergütung früher im internationalen Vergleich sehr hoch war.

Allerdings hat sich der Blick auf den deutschen Markt mit den neuen Ausbauzielen des Osterpakets noch einmal verändert. Ich bin jetzt seit 21 Jahren in der Energiebranche aktiv. Aber eine Aufbruchstimmung wie in den vergangenen Monaten habe ich selten erlebt.

Wie will sich Engie auf dem deutschen Erneuerbaren-Markt positionieren?

Wir sind ja hierzulande schon länger aktiv, betreiben 16 Windparks und ein Wasserkraftwerk in Bayern. Wir haben zudem im vergangenen Jahr für unser Erneuerbarengeschäft eine eigene Gesellschaft gegründet, um noch kürzere Entscheidungswege zu haben und noch schlagkräftiger zu werden. Mittlerweile haben wir rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Und die kümmern sich nur um den Betrieb der Erneuerbaren-Anlagen?

Nein, wir machen auch selbst Greenfield-Projekte, entwickeln also Wind- oder Solarparks von Anfang an. Wir sprechen aber auch Projektentwickler an und loten aus, ob sich Kooperationsprojekte lohnen.

Ein wichtiger Baustein für unsere Wachstumsstrategie ist das Repowering unserer älteren Windparks. Gerade haben wir in Karstädt 20 alte Windkraftanlagen durch sieben neue ersetzt und den Energieertrag auf der gleichen Fläche vervierfacht. Und wir kaufen auch zu. Erst jüngst haben wir drei Windparks vom niedersächsischen Entwickler IFE Eriksen übernommen. Wir wollen in Deutschland auch anorganisch wachsen.

Als Engie in den deutschen Erneuerbaren-Markt einstieg, lag der Fokus auf Windkraftanlagen. Hat sich das mittlerweile geändert?

Es ist leider weiterhin so, dass die Genehmigungsverfahren im Windbereich sehr, sehr lange dauern. Das gilt selbst für Repowering-Verfahren. Dazu kommt, dass die Windkraft im Vergleich zu Photovoltaik eine aufwändigere Technologie ist. Da sind Solarprojekte schneller umgesetzt. Deswegen haben wir im Solarbereich inzwischen auch eine deutlich größere Projektpipeline aufgebaut.

Wie sehr treibt die Nachfrage nach Grünstrom den Erneuerbaren-Markt?

Die Nachfrage ist groß, die Industrie hat Hunger nach grünem Strom. Das Problem aber ist, dass industrielle Verbraucher derzeit mit Windstrom an Land nichts anfangen können, weil dieser in der Regel noch immer staatlich gefördert wird. Der produzierte Strom kann dann nicht als Grünstrom vermarktet werden.

Weniger Regulatorik und mehr Markt wären hier wünschenswert. Es gibt für mich keinen Grund, warum man nicht deutlich mehr Windstrom über Power-Purchase-Agreements abwickelt. Das wird ja in anderen Ländern auch gemacht.

Wie sehr behindern Lieferkettenprobleme den Ausbau der Windenergie?

Das ist eine große Herausforderung. In der Windbranche haben wir deutlich weniger Hersteller als im Photovoltaiksektor. Es dürfte auch niemandem verborgen geblieben sein, dass es vielen Windkraftanlagenherstellern zurzeit relativ bescheiden geht. Die Folge ist, dass manches Unternehmen seine Kapazitäten derzeit reduziert, obwohl es sie eigentlich angesichts der steigenden Nachfrage weiter ausbauen müsste.

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat angekündigt, der Windindustrie helfen zu wollen. Für Dienstag ist ein Aktionsplan angekündigt.

Wir begrüßen das. Ziel muss es sein, wieder mehr in Europa zu produzieren, kürzere Lieferwege zu haben und damit Lieferkettenunterbrechungen wie während der Coronakrise zu minimieren.

Lange Transportwege gibt es auch bei Photovoltaik-Modulen. Diese werden fast ausschließlich in China hergestellt.

Der Unterschied zur Windbranche ist jedoch, dass die Module relativ zuverlässig kommen, weil es viele Hersteller gibt. Aber es stimmt. Wir haben hier eine große Abhängigkeit von China. Die USA versuchen gerade gegenzusteuern und eine eigene Photovoltaik-Modulproduktion aufzubauen. Europa ist da noch nicht so weit. Dabei wäre dies dringend geboten.

Kommen wir zum Stromspeichermarkt. Wie ist Engie hier aufgestellt?

Wir betreiben bereits einen 12,5-Megawatt-Standalone-Speicher an unserem Wasserkraftstandort Pfreimd in der bayerischen Oberpfalz. Die Entwicklung solcher Projekte wird im Markt derzeit auch stark nachgefragt.

Leider gilt dies nicht für hybride Projekte, bei denen ein Speicher mit einem Solar- oder Windpark kombiniert wird. Dabei wären diese Projekte für die Energiewende besonders vorteilhaft. Das Interesse wäre sicherlich größer, wenn hybride Speicher nicht nur an einem, sondern an mehreren Märkten teilnehmen könnten.

Können Sie das konkreter machen?

Volkswirtschaftlich attraktiv ist es für Speicherbetreiber, den vor allem in der Mittagszeit überschüssigen Solarstrom zu speichern und dann wieder ins Netz einzuspeisen, wenn Nachfrage und Preise höher sind. Das ist sowohl netzdienlich als auch finanziell sinnvoll. Durch einen solchen Speichereinsatz kann der Industrie außerdem gesichert grüner Strom rund um die Uhr zur Verfügung gestellt werden.

Leider setzt der Erhalt der grünen Eigenschaft des Stroms voraus, dass der Speicher niemals Strom aus dem Netz bezieht. Damit sind Speicher dann von der Teilnahme am Regelenergiemarkt ausgeschlossen. Wenn man beide Geschäfte miteinander kombinieren könnte, würden auch mehr Energieunternehmen in hybride Projekte investieren.

Was halten Sie von der Idee, dass neue Wind- und Solarparks nur noch mit Stromspeichern genehmigt werden sollen?

Das ginge zu weit. Es muss sich ja auch rechnen. Nehmen wir an, ich baue eine Photovoltaik-Anlage neben einer Aluminiumhütte. Dann brauche ich keinen Speicher. Denn die Aluminiumhütte benötigt selbst so viel Strom, dass sie diese Spitzen gern abnimmt. Eine solche Verpflichtung ist aus meiner Sicht auch nicht nötig. Passen die regulatorischen Rahmenbedingungen, wird auch in Speicher investiert. Davon bin ich überzeugt.

Das Interview führte Andreas Baumer

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