Vielerorts sind der Gasvertrieb und die Gasnetze das Brot- und Buttergeschäft von Stadtwerken. Das wird sich bis 2045 ändern, bis dann will Deutschland annähernd klimaneutral sein. Die Wärmewende und die damit einhergehende Dekarbonisierung stellen die Branche vor eine immense Transformationsherausforderung.
Stilllegungen, Umwidmungen für die Nutzung von Wasserstoff, der Aufbau einer alternativen, grünen Wärmeversorgung, der Ausbau des Wärmevertriebs und die Erschließung alternativer Geschäftsfelder – all das treibt die Branche um. Gleichzeitig gibt es viele offene rechtliche und regulatorische Fragen und Unsicherheiten, auch mit Blick auf die Finanzierung und die Wahl der Abschreibungsmodalitäten. Darüber wollen wir in einer neuen Serie mit Stadtwerke-Verantwortlichen, Fachexperten und Beratern sprechen.
Haben Sie einen interessanten Input oder drängende offene Fragen? Dann sollten wir ins Gespräch kommen. Die Serie lebt von der Praxisnähe. Wir freuen uns über Ihre Meinung oder Ihre Impulse zum Thema. Schicken Sie entsprechende Vorschläge oder Rückfragen gerne an den ZfK-Redakteur Hans-Peter Hoeren unter h-hoeren@zfk.de
In drei separaten Teilen der Serie stehen die neuen Abschreibungsmodalitäten für Gasversorger auf Grundlage der neuen Richtlinie Kanu 2.0 im Mittelpunkt. Diese Option bildet den zentralen Hebel für die Innenfinanzierungskraft der Netzbetreiber und eröffnet entsprechende Gestaltungsspielräume. Im zweiten Teil geht es vor allem darum, dass die Richtlinie ihre materielle Wirkung über einen Zeitraum von Jahrzehnten entfaltet, und warum eine langfristige integrierte Unternehmensplanung unverzichtbar ist. Im Rahmen unserer großen Gasnetz-Serie sind bisher bereits vier Beiträge erschienen, davon drei über die Strategien konkreter kommunaler Unternehmen.
Gastbeitrag von
Christoph Beer
und
Jennifer Engelhardt
Herausforderung Wärmewende: Politischer Ausstieg trifft auf unternehmerische Realität
Kaum eine politische Entscheidung wird die Zukunft der Energieversorgung so stark prägen, wie der angestrebte Ausstieg aus der fossilen Gasversorgung und das Ziel der Klimaneutralität bis 2045. Der große Rahmen ist damit gesetzt, doch wie die Energiewende in den einzelnen Versorgungsgebieten technisch und wirtschaftlich umgesetzt wird, differiert von Versorgungsgebiet zu Versorgungsgebiet und ist – zumindest Stand heute – mit großen Unsicherheiten behaftet.
Für Energieversorgungsunternehmen bedeutet dies, einerseits den Ausstieg aus einer in der Regel finanziell sehr bedeutsamen Gasversorgung und andererseits den Aufbau einer innovativen, klimaneutralen, aber vermutlich in den Anfangsjahren eher Cashflow-belastenden Wärmeversorgung zu steuern. Eine parallele Entwicklung, die die personellen und finanziellen Ressourcen vieler Energieversorgungsunternehmen an die Grenzen der Belastbarkeit bringen wird.
Transformation eines typischen Versorgungsgebiets
Klar ist zunächst einmal nur, dass sich die Anzahl an Gaskunden und damit auch die Inanspruchnahme des Gasversorgungsnetzes in den nächsten Jahren sukzessive reduzieren wird und damit einhergehend etablierte Ergebnisstrukturen unter Druck geraten werden, während gleichzeitig der Auf- und Ausbau der Wärmeversorgung signifikante Investitionen und langfristige Finanzierungslösungen auslösen wird.
Daher ist es empfehlenswert, die mittel- und langfristigen finanziellen Auswirkungen dieser Transformation zu simulieren. Initial sollte hierbei auf Grundlage der aktuellen Versorgungsstruktur und – sofern bereits vorliegend – der kommunalen Wärmeplanung die Umstelldynamik im Bereich der Heizungssysteme analysiert werden. Diese Analyse ist essenziell, um eine möglichst fundierte Einschätzung zu treffen, mit welcher Geschwindigkeit zukünftig der Ausstieg aus der Gasversorgung ablaufen und wie der parallele Businesscase für die Wärmeversorgung (Investitionen, Finanzierung Kundenentwicklung, Erlöse, Aufwendungen Ergebnisbeiträge) aussehen könnte (Hinweis: Der Konjunktiv ist aufgrund der bereits erwähnten Unsicherheiten bewusst gewählt und es ist grundsätzlich empfehlenswert, mehrere Szenarien zu analysieren).
Vor diesem Hintergrund stellt sich dann nicht nur die Frage, welche Optionen für die Finanzierung der signifikanten Investitionen in die neue Wärmeinfrastruktur bestehen, sondern gleichzeitig die Frage, wie die in der Vergangenheit getätigten Investitionen in die bestehende Gasnetzinfrastruktur vollständig refinanziert werden können, um insbesondere auch die Innenfinanzierungskraft des Unternehmens zu stärken.
KANU 2.0: Ein Instrument zur strategischen Abschreibungssteuerung
In diesem Kontext muss der Blick auf den von der Bundesnetzagentur eröffneten Gestaltungsrahmen zur Abschreibungsmethodik KANU 2.0 gerichtet werden. Diese verfolgt das Ziel, die Abschreibungen an die zukünftig sinkenden Absatzmengen anzupassen und eine beschleunigte Refinanzierung des investierten Kapitals zu ermöglichen. Im Gegensatz zur "klassischen" linearen Abschreibung auf Grundlage der betriebsgewöhnlichen Nutzungsdauern gemäß Anlage 1 GasNEV, werden die bestehenden kalkulatorischen Restwerte der Versorgungsanlagen dabei deutlich schneller reduziert, was zunächst zu höheren kalkulatorischen Abschreibungen und damit auch zu höheren Ergebnisbeiträgen (Ebitda) führt.
Im Zeitverlauf sinken die Ergebnisbeiträge jedoch, da die kalkulatorische Eigenkapitalverzinsung in Folge der sinkenden kalkulatorischen Verzinsungsbasis abnimmt. Insgesamt stehen den Netzbetreibern mit KANU 2.0 drei Abschreibungsmethoden mit gewissen Gestaltungsfacetten zur Verfügung:
- GasNEV linear – Fortsetzung der linearen Abschreibung gemäß GasNEV
- KANU degressiv – Degressive Abschreibung nach KANU 2.0 (zwischen acht und zwölf Prozent, im Praxisbeispiel zwölf Prozent)
- KANU linear – Linear verkürzte Nutzungsdauern
Um die potenziellen Auswirkungen der verschiedenen Abschreibungsmethoden auf die Ebitda-Entwicklung zu veranschaulichen, werden die drei Varianten anhand des normierten Ergebnisverlaufs eines "echten" Gasnetzbetriebs eines Energieversorgungsunternehmens verglichen. Hintergrund dieser Simulation sind strategische Überlegungen des Energieversorgungsunternehmens ab Ende der 20er Jahre, den Wärmeausbau im Versorgungsgebiet zu forcieren und damit einhergehend die Gasversorgung zu reduzieren.
Zeitlicher Vorsprung der degressiven Abschreibung nimmt im Zeitverlauf ab
In dem Praxisbeispiel führt die Umstellung im Plan-Jahr 2029 auf die degressive Abschreibung nach Kanu 2.0 zunächst zu deutlich höheren Ebitda-Beiträgen im Vergleich zu den linearen Abschreibungsmethoden (GasNEV und KANU linear). Der "Vorsprung" zu den linearen Methoden nimmt im Zeitverlauf jedoch sukzessive ab und bereits im Plan-Jahr 2034 liegen die Ebitda-Beiträge der linearen Abschreibungsmethoden (GasNEV und Kanu linear) über denen der degressiven Abschreibung.
Ursächlich für diese Veränderung ist, wie bereits erwähnt, die schneller und stärker abnehmende kalkulatorische Verzinsungsbasis bei Kanu 2.0, welche zu einer geringeren kalkulatorischen Eigenkapitalverzinsung und damit zu einem niedrigeren Ebitda führt. Betrachtet man den geplanten kumulierten Ebitda-Beitrag über den gesamten Betrachtungszeitraum, liegen die beiden linearen Ansätze nahezu gleichauf, aber deutlich vor der degressiven Methodik.
Warum sich die Umstellung auf Kanu 2.0 dennoch lohnen kann
Der wesentliche Vorteil der degressiven Abschreibungsmethodik Kanu 2.0 liegt nicht in einem dauerhaften Ergebnisvorteil, sondern in der zeitlichen Vorverlagerung der Refinanzierung bestehender Gasnetzinfrastrukturen. Durch die höhere Abschreibungsintensität in den frühen Jahren werden Restwerte deutlich schneller reduziert und in einer Phase refinanziert, in der vermutlich noch ausreichend Gaskunden vorhanden sind, um die anfallenden erhöhten kalkulatorischen Kapitalkosten über die dann höheren Netzentgelte zu tragen.
Diese Anpassung reduziert mithin das Risiko, dass gegen Ende des Nutzungszeitraums des Gasversorgungsnetzes erhebliche Restwerte – bei stark rückläufiger Kundenbasis – verbleiben, die dann gegebenenfalls nicht mehr vollständig refinanzierbar sind.
Darüber hinaus entfaltet die degressive Methodik in den ersten Jahren der Umstellung eine positive Wirkung für die Innenfinanzierungskraft. Die höheren Ergebnisbeiträge stärken zumindest temporär die Verschuldungskapazität (Verhältnis Verschuldung zu EBITDA, Eigenkapitalausstattung), was in der Finanzierungsphase der Investitionen für den Aufbau einer klimaneutralen Wärmeversorgung von Vorteil sein kann.
Hierbei ist aber in jedem Fall zu beachten: Temporär höhere Ergebnisse dürfen nicht als Ausschüttungspotenzial interpretiert werden, sondern müssen als Finanzierungspotential im Unternehmen verbleiben beziehungsweise als Finanzierungsmittel für den Umbau des Versorgungssystems reinvestiert werden.
Kommunale Wärmeplanung als Wegweiser für die Abschreibungsstrategie
Die Entscheidung für oder gegen Kanu 2.0 kann nicht isoliert betrachtet werden. Sie hängt unmittelbar mit den Ergebnissen der kommunalen Wärmeplanung und den spezifischen Versorgungsstrukturen des Netzgebiets zusammen. In Gebieten mit langsamer Umstellungsdynamik bietet die lineare Abschreibung eher Vorteile. In Gebieten mit schneller Elektrifizierung und großflächigem Ausbau von Fernwärme bietet vermutlich die degressive Abschreibung Vorteile.
Langfristige integrierte Unternehmensplanung als unverzichtbare Grundlage
In jedem Fall ist zu beachten, dass Kanu 2.0 ihre materielle Wirkung nicht (nur) kurzfristig entfaltet, sondern über einen Zeitraum von Jahrzehnten. Viele Effekte – insbesondere hinsichtlich Restwertentwicklung, Refinanzierung der bestehenden Versorgungsanlagen und Finanzierungsspielräumen für klimaneutrale Wärmeinvestitionen – werden erst in der langfristigen Perspektive sichtbar. In der Praxis beschränken sich Planungen jedoch immer noch häufig auf einen Zeithorizont von drei bis fünf Jahren, mit einem häufig eindimensionalen Blick auf die Ertragsentwicklung.
Um zu einer belastbaren Entscheidungsgrundlage für die Wahl der Abschreibungssystematik zu kommen, ist jedoch die ganzheitliche Analyse der potenziellen künftigen Entwicklung mittels einer integrierten, dreidimensionalen Unternehmensplanung, die Plan-Gewinn- und Verlustrechnungen, Plan-Bilanzen und Plan-Cashflow-Rechnungen konsistent miteinander verknüpft, empfehlenswert. Nur durch diese Gesamtbetrachtung lassen sich der langfristige Transformationspfad in der Wärmeversorgung und die daraus resultierenden Investitions- und Finanzierungsbedarfe fundiert quantifizieren und steuern.
Fazit: Kanu 2.0 als strategischer Hebel zur Risikominimierung und Finanzierung
Kanu 2.0 ist kein kurzfristiges Ergebnisoptimierungsinstrument, sondern ein strategisches Steuerungswerkzeug. Es ermöglicht eine risikominimierte Refinanzierung der Gasnetze, schafft temporär erhöhte Innenfinanzierungsspielräume und unterstützt so den notwendigen Aufbau klimaneutraler Wärmelösungen.
Diese Teile der Gasnetz-Serie sind bisher erschienen:
Welche Handlungsspielräume Kanu 2.0 den Stadtwerken eröffnet
Stadtwerke Husum Netz: "Warum das Unbundling in diesem Fall kontraproduktiv ist"
ESM Selb-Marktredwitz: "Für die Gasnetz-Transformation brauchen wir kreative regionale Lösungen"



