Die Aufmerksamkeit in der Branche war hoch, als das Recherchenetzwerk Correctiv im April die Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit sogenannter "Ökogas-Tarife" in Frage stellte. Zahlreiche Stadtwerke nutzen CO2-Gutschriften aus Klimaschutzprojekten, um die Emissionen von verkauftem Erdgas zu kompensieren und bieten dazu derartige Tarife an.
Bis vor Kurzem haben viele EVU diese Angebote mit Begriffen wie "klimaneutral" beworben und einige tun dies offenbar immer noch. Deshalb hat die Deutsche Umwelthilfe parallel zur Veröffentlichung der Correctiv-Recherchen 20 Energieversorger zur Unterzeichnung von Unterlassungserklärungen aufgefordert. Der Vorwurf lautet Verbrauchertäuschung und irreführende Werbung. Im April nahm die DUH vor allem Klimaschutzprojekte mit Wald- und Kochofenprojekten unter die Lupe, vor einigen Wochen ging der Verein gegen Wasserkraftprojekte in Indien vor.
Streitgespräch mit Correctiv-Gründer bei den ZfK Media Days im November
Der Vorwurf lautet oftmals, dass diese Projekte keinen zusätzlichen Klimanutzen erbringen, sondern auch ohne die Emission von Klimaschutzzertifikaten realisiert worden wären. Im ZfK-Interview spricht Agnes Sauter, Leiterin für ökologische Marktüberwachung bei der DUH, über die Reaktionen der Branche und erklärt, warum sie das aktuelle Zertifizierungssystem fragwürdig findet und der Begriff "Ökogas" nach ihrer Auffassung gänzlich aus Werbung und Marketing gestrichen werden sollte.
Die Recherchen von Correctiv zum Thema Ökogas sind auch Teil des Programms der diesjährigen ZfK Media Days am 13. und 14. November in Leipzig. Die früheren Journalistenkollegen, Correctiv-Gründer David Schraven und Michael Ortmanns (heute freier Kommunikationsberater, unter anderem bei der Entega), werden hierzu verbal die Klingen kreuzen und kontrovers über Klimaschutz, Recherche, Kommunikation und Agendasetting diskutieren. Weitere Informationen zu der Veranstaltung finden Sie hier.
"Wir prüfen derzeit die Erfolgsaussichten einer Unterlassungsklage gegen Eon."
Frau Sauter, in der Pressemitteilung von vergangener Woche heißt es, Sie planen Rechtsverfahren gegen drei der 15 Gasversorger, die Sie im April zu Unterlassungserklärungen wegen aus Ihrer Sicht irreführender Werbung aufgefordert haben. Sie sollen sich nicht an die Abmachungen gehalten haben. Wie ist da der aktuelle Stand?
Agnes Sauter: Die Stadtwerke in Fürstenfeldbruck, die Teutoburger Energie Netzwerk in Hagen und die Vereinigten Stadtwerke in Ratzeburg haben sich im April mit einer strafbewehrten Unterlassungserklärung gegenüber der Deutschen Umwelthilfe dazu verpflichtet, ihre irreführende Werbung für vermeintlich CO2- beziehungsweise klimaneutrales „Ökogas“ zu unterlassen.
Gegen diese Zusage haben sie verstoßen. Wir haben die Gasversorger deshalb erneut dazu aufgefordert, die verbrauchertäuschende Werbung zu stoppen. Eon hatte sich gänzlich verweigert, so dass wir derzeit die Erfolgsaussichten einer Unterlassungsklage prüfen.
Wie sind die bisherigen Rückmeldungen der fünf Versorger, die vergangene Woche zur Einreichung von Unterlassungserklärungen aufgefordert wurden? Wurden schon Erklärungen unterzeichnet? Sie hatten vor einigen Wochen ja von ehrlichem Entsetzen in der Branche über die Ergebnisse einer im April veröffentlichten Recherche des Netzwerks Correctiv gesprochen?
Tatsächlich haben bereits vier der fünf Gasversorger ihre Werbung mit den von uns angeprangerten falschen Werbeversprechen eingestellt. Um jedoch auch zukünftige rechtswidrige Werbung zu unterbinden, müssen sich die Unternehmen mit einer strafbewehrten Erklärung für die Zukunft dazu verpflichten. Die Fristen zur Abgabe der Unterlassungserklärungen laufen noch.
Es geht uns darum, dass keine falschen Werbeversprechen zu Lasten der Umwelt gemacht werden."
Sie haben sich jetzt exemplarisch einige Fälle rausgesucht und diese quasi öffentlich gemacht. Wie viele Gasversorger, die mit Zertifikaten kompensiertes Ökogas anbieten, gibt es nach Ihrer Einschätzung ungefähr und wie viele sind aktuell rechtlich angreifbar?
Nachdem wir uns als DUH im April dieses Jahres mit Gasversorgern auseinandergesetzt haben, die ihre Produkte als „klimaneutral“ oder Ähnliches bewarben und dies mit Ablasszahlungen in Wald- oder Kochofenprojekten begründeten, haben wir im jetzigen Schritt Gasversorger in den Blick genommen, die auf Wasserkraft-Kompensationsprojekte setzen. Noch immer wirbt eine Vielzahl an Unternehmen mit sogenanntem „Ökogas“. Eine Übersicht aller „Ökogas“-Angebote gibt es unseres Wissens nicht.
Ökogas, das mit Kompensationszertifikaten hinterlegt ist, über die wirklich effektiv neue Klimaschutzprojekte finanziert werden, sind ja per se sinnvoller für den Klimaschutz als kein Ökogas, argumentiert die Branche. Kann Ökogas bis zur Klimaneutralität ein sinnvoller Bestandteil im Angebotsmix von Gasversorgern sein und wie muss das künftig rechtssicher ausgestaltet sein?
Als Verbraucher- und Umweltschutzverband geht es uns darum, dass keine falschen Werbeversprechen zu Lasten der Verbraucher und der Umwelt gemacht werden. Jedes Produkt verursacht bei seiner Produktion, bei seiner Anlieferung sowie beim anschließenden Konsum CO2.
"Wir begrüßen es, wenn Unternehmen Klimaschutzprojekte unterstützen, aber ..."
Klimaneutrales oder CO2-neutrales „Ökogas“ gibt es nicht. Als DUH setzen wir uns vehement gegen solche verbrauchertäuschende Werbung ein. Das grundlegende Problem ist, dass Unternehmen sich billig CO2-Zertifikate im Globalen Süden kaufen, um ihre Produkte vermeintlich klimaneutral zu stellen, anstatt ihre Produkte tatsächlich klimafreundlicher zu gestalten.
Wir begrüßen es, wenn Unternehmen Umweltschutz- und Klimaschutzprojekte unterstützen. Es kann aber nicht angehen, dass Unternehmen in Deutschland CO2-Emissionen verursachen, dann mit einer Aussage zu Kompensationsprojekten im Globalen Süden werben, aber nur unzureichend nachweisen, dass die Kompensation tatsächlich stattgefunden hat und den Klimaschaden langfristig ausgleichen kann.
"Die Unternehmen sollten ehrlich kommunizieren und ehrlichen Klimaschutz vorantreiben."
Welche Zukunft hat das Zertifizierungssystem großer Player wie Goldstandard und Verra? Und was müssen diese tun, um die Glaubwürdigkeit in die Zertifikate wiederherzustellen?
Die Zukunftsfähigkeit dieser Zertifizierungssysteme ist fraglich. Eine aktuelle Studie aus dem Jahr 2023 legt nahe, dass alarmierende 88 Prozent aller Gutschriften auf dem freiwilligen Kohlenstoffmarkt (bezogen auf die vier maßgeblichen Projektbereiche) keine echten Emissionsreduzierungen darstellen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben sich hierbei Projekte in den vier Bereichen erneuerbare Energien, effiziente Kochöfen, Forstwirtschaft und chemische Prozesse angesehen.
Was empfehlen Sie Stadtwerken künftig in der Kommunikation und im Marketing, um rechtssicher, für beispielsweise Ökogasprodukte, mit ihren Kunden zu kommunizieren?
Wir halten die Bezeichnung Ökogas als unzureichend und irreführend, weil sich dahinter fossiles Erdgas verbirgt. Das vermeintliche Ökogas mit geringstem Methananteil wird von der DUH als kritisch gesehen, da dafür landwirtschaftliche Flächen zum Maisanbau belegt werden, die zum Verlust an Biodiversität führen und für die Nahrungsmittelgewinnung verloren gehen. Anstatt mit immer neuen Tricks aufzuwarten und neue Schlupflöcher zu suchen, sollten die Unternehmen ehrlich kommunizieren und ehrlichen Klimaschutz vorantreiben.
(Die Fragen stellte Hans-Peter Hoeren)
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Die Werbung mit Begriffen wie "klimaneutral" ist in der Produktwerbung künftig quasi tabu, das gilt auch in der Energiebranche. Auch in Deutschland werden zeitnah entsprechende Direktiven der EU umgesetzt werden müssen. Auch der Bundesgerichtshof hat in einem aktuellen Urteil gegen den Süßwarenhersteller Katjes die Anforderungen an derartige Umweltversprechen verschärft. Was all das für das Marketing und die Kommunikation von Stadtwerken bedeutet, lesen Sie ab Montag, 5. August, in einem Gastbeitrag der Asew in der aktuellen Ausgabe der ZfK.
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