Sebastian Breker ist Geschäftsführer des großen kommunalen Verteilnetzbetreibers EAM Netz mit Sitz in Kassel.

Sebastian Breker ist Geschäftsführer des großen kommunalen Verteilnetzbetreibers EAM Netz mit Sitz in Kassel.

Bild: © EAM Netz

EAM Netz (Energie aus der Mitte Netz) mit Sitz in Kassel ist einer der großen kommunalen Verteilnetzbetreiber in Deutschland. Das Netzgebiet der vor mehr als zehn Jahren vollständig rekommunalisierten früheren Eon-Regionalgesellschaft erstreckt sich über weite Teile Hessens sowie über Südniedersachsen und Teile von Nordrhein-Westfalen, Thüringen und Rheinland-Pfalz. 300 Anfragen allein für neue Speicher liegen aktuell bei dem Unternehmen, das ist das Mehrfache der jährlichen Höchstlast im Netz der EAM.

Im Interview erklärt Geschäftsführer Sebastian Breker, warum er eine bessere ordnungspolitische Steuerung der Anfragen für wichtig hält, und warum dies auch den Arbeitsaufwand für die Kunden reduzieren könnte. Es handelt sich um den ersten Teil eines längeren Gesprächs mit dem Energiemanager, im zweiten Teil morgen geht es unter anderem um das geplante Energiewende-Monitoring der Bundesregierung und Netzanschlussbegehren auf Vorrat.

Herr Breker, wo liegen perspektivisch die größten Herausforderungen beim Verteilnetzausbau der EAM Netz?

Als das Osterpaket seinerzeit von der Ampel-Regierung verabschiedet wurde, haben wir sehr frühzeitig unsere Unternehmens- und Netzausbauplanung darauf abgestimmt. Insgesamt harmonieren die deutschen Klimaziele sehr gut mit der strategischen Ausrichtung der EAM. Wir haben hierfür verschiedene strategische Maßnahmen in die Wege geleitet. In diesem Prozess wurde aber auch klar, dass die Zielsetzung beispielsweise bis 2030 rund 80 Prozent aus erneuerbarem Strom zu haben, doch sehr ambitioniert ist und in der Umsetzung fordernd wird für die gesamte Volkswirtschaft, einfach mit Blick auf die Krisenlage, die Verfügbarkeit von Komponenten und auch von Fachkräften.

"Es ist herausfordernd, die Klimaziele kurz- und mittelfristig in unsere regionalen Gegebenheiten zu übersetzen."

Wie groß ist die Herausforderung in puncto knapper Ressourcen beim Verteilnetzausbau konkret für Ihr Unternehmen?

Insbesondere für die Umsetzung benötigen wir deutlich mehr Investitionsmittel und Personal. Bis zum Jahresende werden wir hier im regulierten Geschäft rund 150 neue Stellen geschaffen haben. Historisch lagen wir in unserer Netzgesellschaft immer bei rund 1000 Mitarbeitenden, jetzt geht die Tendenz eher Richtung 1300. Es gelingt uns bisher gut, diese Fachkräfte zu finden. Allerdings ist es eine besondere Herausforderung für unsere Organisation, neben dem deutlich herausfordernden Tagesgeschäft in diesem signifikanten Maße neue Kolleginnen und Kollegen in die betrieblichen Abläufe zu integrieren.

Wir haben auch unsere Investitionsplanung weiterentwickelt und gehen in der Mittelfristplanung von einer Verdoppelung unserer Netzinvestitionen aus. Vergangenes Jahr haben wir in der Netzgesellschaft rund 130 Millionen Euro investiert. In diesem Zusammenhang ist es entscheidend für uns, dass die zukünftigen regulatorischen Rahmenbedingungen, wie sie im NEST-Verfahren diskutiert werden, investitionsfreundlich und praktikabel sind, denn sie haben direkte Auswirkungen auf unsere Investitionen und die Qualität unseres Netzbetriebs.

Hilfreich für uns ist, dass die Klimaziele feststehen und mittlerweile verfassungsrechtlich verankert sind. Insofern haben wir hier eine langfristige Planungssicherheit. Herausfordernd ist aber, diese Ziele kurz- und mittelfristig dann in unsere regionalen Gegebenheiten zu übersetzen. Hier gilt es unter anderem auch die Datenlage weiter zu verbessern, auch mit Blick auf die kommunale Wärmeplanung. Die reinen Netzdaten haben wir digital, aber wir müssen jetzt auch beispielsweise sozioökonomische Daten erheben und verarbeiten, um besser zu erkennen, wo dann auch mittelfristig Investitionsbedarf entsteht.

"Im Landkreis Höxter sind in einem unserer Umspannwerke mehr als 100 Megawatt an Erzeugung angeschlossen, die Last aber liegt bei etwas mehr als acht Megawatt."

Die künftige Netzausbauplanung hängt  von gewissen Parametern ab, etwa der Entwicklung des Strombedarfs. Hier gibt es sehr unterschiedliche Prognosen. Wie richten Sie sich darauf in Ihrer Szenarienplanung ein? 

Wir werden künftig mit hoher Wahrscheinlichkeit eine stärkere Elektrifizierung in unseren Netzen sehen.Wir sind eher ein ländlich geprägter Verteilnetzbetreiber. Daher erwarten wir, dass neue Lasten resultierend aus dem Ausbau von Wärmepumpen, aber auch von elektrischen Ladeeinrichtungen für Elektromobilität den Strombedarf in unseren ländlichen Netzen steigen lassen werden.

Punktuell haben wir auch in Richtung des Großraums Frankfurt einen hohen Leistungsbedarf für Rechenzentren. Da geht es um eine Größenordnung von über 100 Megawatt. Das fordert die Netzbetreiber dort auf nahezu allen Spannungsebenen. Wir sind mitunter betroffen und werden eine Handvoll anschließen, die Zahl der Anfragen ist aber deutlich höher.

Müsste man solche Anfragen mit dem hohen Strombedarf regional besser verteilen?

Natürlich muss man sich fragen, ob eine breitere Verteilung der Anlagen nicht sinnvoller wäre. Es gibt ja bereits Regionen, in denen die erneuerbare Erzeugung um ein Vielfaches höher ist im Vergleich zur Last; auch in unserem Netzgebiet. Im Kreis Höxter sind in einem unserer Umspannwerke beispielsweise mehr als 100 Megawatt an Erzeugung angeschlossen, die Last aber liegt bei etwas mehr als acht Megawatt.

In der politischen Diskussion erleben wir aktuell einen Paradigmenwechsel von einem eher vor allem Erneuerbaren-freundlichen Netzausbau hin zu einem netzdienlichen Erneuerbarenausbau. Netzengpässe und Überdimensionierung sollen verhindert werden, wie relevant ist diese Diskussion für die EAM?

Wir sind mit der aktuellen Strategie sehr gut vorangekommen. Inzwischen sehen wir allerdings auch, dass der Ausbau erneuerbarer Energien sich doch in Teilen stark auf einzelne Regionen konzentriert, in denen es große Potenziale gibt. Dort kommt es zu vielen Anfragen. Das ist alles zu bewältigen, geht aber nicht immer sofort und überall gleichzeitig. Die Umsetzung eines notwendigen Netzausbaus benötigt Zeit. Wir würden die Umsetzung der Energiewende in Deutschland wahrscheinlich kosteneffizienter hinbekommen, wenn sie gesteuerter passieren würde.

"Die Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen halte ich für erfolgskritisch."

Was könnte man hier konkret verbessern?

Es wäre sinnvoll, Speicher und Rechenzentren stärker auch dort zu allokieren, wo es noch freie Netzkapazitäten gibt. Sonst muss man oftmals dort die Netze stark ausbauen, die perspektivisch ohnehin schon hoch ausgelastet sind. Das führt allein schon aus technologischen Gründen zu höheren Netzkosten und Wartezeiten für Kunden als es notwendig wäre. Hier wären Steuerungsinstrumente gut, um die Kunden beim Stellen von Anschlussbegehren durch eine transparente Steuerung zu unterstützen und gemeinsam eine entsprechend regionale Verteilung zu erreichen.

Wie könnten solche Instrumente aussehen? In der Diskussion ist ja auch eine Netz-Ampel, die die künftige Ausbausituation in den Farben von grün bis rot abbildet. Bei gelber und roter Ampel dauert der Netzanschluss länger und dort sollte der Investor einen höheren Anteil der Netzkosten tragen.

Nach meiner Wahrnehmung ist die Entwicklung von Lösungsansätzen gerade ein großes Thema in der Branche. Benannt werden verschiedene Elemente, um den Erneuerbarenausbau besser zu steuern, die sich gegebenenfalls auch ergänzen können, beispielsweise reformierte Netzentgelte und die Einführung eines Baukostenzuschusses für Erzeugungsanlagen. Die Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen halte ich für erfolgskritisch.

Aus meiner Sicht ist es wichtig, dabei eine ganzheitliche und ergebnisoffene Bewertung durchzuführen. Da muss auf der Fachebene also erstmal noch eine fundierte Grundlagenarbeit erfolgen. Auch die Bereitstellung weiterer Informationen zu verfügbaren Netzkapazitäten kann den Prozess unterstützen, um den Kunden mehr Transparenz zu bieten. Überall dort, wo die Kapazitäten zwischenzeitlich aufgebraucht sind, ist der Ausbau schwieriger und die Kosten je Kilowattstunde erneuerbarer Strom steigen, weil anteilsmäßig auch die Netzkosten höher sind. Eine bessere Steuerung der Anfragen würde die Planungssicherheit für alle Seiten erhöhen und vor allem auch den Arbeitsaufwand der Kunden und der Netzbetreiber, beispielsweise für "erfolglose" Anfragen, reduzieren.

Wie stark ballen sich denn mittlerweile die Anschlussbegehren im Netzgebiet der EAM?

Auch bei uns kommt es zu einer Ungleichverteilung von Leistungsanfragen. Eine gewisse Steuerung wäre deshalb schon sinnvoll. Das Land Nordrhein-Westfalen beispielsweise hat sich vor einiger Zeit im Bereich Windkraftausbau sehr ambitionierte Ziele gesetzt. Die Ausbaupotenziale liegen aufgrund der Struktur des Bundeslandes vor allem in den Kreisen Paderborn und Höxter. Im Ziel sind allein im Kreis Höxter bis zu vier Gigawatt neuer Erzeugungskapazität vorgesehen. Wir sind sehr gewillt die Erreichung dieser Ziele zu unterstützen.

Aktuell besteht bereits eine hohe Dynamik in den Genehmigungsprozessen. Die Anfragen für Netzanschlüsse werden jetzt im Wesentlichen bei den beiden größten Verteilnetzbetreibern auf Mittelspannungsebene gestellt, das sind Westfalen Weser Netz und wir. Entsprechend dem Einzelfallregime nach EEG weisen wir bei jeder Anschlussanfrage den gesamtwirtschaftlich günstigsten Netzverknüpfungspunkt zu. Eine Netzintegration von Windparks in dieser Größenordnung ist am Ende aber kein reines Verteilnetzthema mehr. Insofern stehen wir in einem engen und konstruktiven Austausch mit den Betreibern der Höchst- und Hochspannungsnetze.

"Man müsste Anschlussbegehren auch in Regionen verteilen, die nicht über die höchste Windhöffigkeit verfügen."

Erfolgskritisch wird aus meiner Sicht sein, ob der Aufbau dieser Konzentration von Windkraftanlagen mit dem Netzausbau auf allen betroffenen Spannungsebenen synchron erfolgen wird. Wenn wir diese Parks pflichtgemäß zeitnah nur an vorhandene Netze anschließen und dann in Zeiten hoher Einspeisung abregeln müssen, wahrscheinlich über viele Jahre, bis das Hochspannungs- und Übertragungsnetz ausgebaut wird, führt das zwangsläufig zu hohen Redispatchkosten. Das halte ich zum einen volkswirtschaftlich für nicht zielführend, zum anderen wird es uns vor Ort Akzeptanz für die Energiewende kosten.

Lastseitig sehen wir ebenfalls eine hohe Dynamik der Anschlussbegehren. In Summe liegt die aktuell angefragte Leistung für reine Verbraucher exklusive Großspeicher etwa in Höhe unserer Jahreshöchstlast. Wesentliche Treiber sind neben den erwähnten Rechenzentren, Ladeinfrastruktur entlang der großen Verkehrsachsen, wie Autobahnen, sowie Dekarbonisierungsbemühungen und allgemeine Leistungssteigerungen von Industrie und Gewerbe.

Wo sehen Sie im konkreten Fall eine Alternative?

Man müsste diese Anschlussbegehren breiter verteilen über Deutschland, auch in Regionen, die nicht über die höchste Windhöffigkeit verfügen, aber in denen der Erneuerbaren-Ausbau immer noch profitabel ist. Der volkswirtschaftliche Nutzen könnte auf diese Weise erhöht werden. Viel hilft nicht immer viel. Es geht um die Entwicklung einer besseren ordungspolitischen Steuerung. Das ist allerdings – wie erwähnt – vielschichtig. Eine einfache Lösung gibt es wahrscheinlich nicht. Auch die Kundensicht muss Berücksichtigung finden.

Das Interview führte Hans-Peter Hoeren
 

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