Es ging um 1,6 Millionen Datensätze. Rund 100 Millionen Rechenschritte mussten in den manipulierten Abrechnungen der Digitaltochter Stadtenergie der Dortmunder Energie- und Wasserversorgung (DEW21) überprüft werden. Rund 10.000 Arbeitsstunden waren hierfür in den vergangenen Monaten mehr als 20 externe und interne Expertinnen und Experten im Einsatz. Grund ist ein umfangreicher Abrechnungsbetrug, der im Frühjahr dieses Jahres ans Licht kam. Insgesamt muss den betroffenen Kundinnen und Kunden ein niedriger zweistelliger Millionenbetrag zurückerstattet werden.
"Vier-Augen-Prinzip in Massenverarbeitungen technisch sicherstellen"
Erste Auffälligkeiten, dass hier systematisch Abrechnungen manipuliert worden sein könnten, hatte Stadtenergie-Geschäftsführer Martin Wyrembeck im Februar dieses Jahres entdeckt. Außerhalb des Abrechnungssystems mussten sämtliche Abrechnungen seit dem ersten Manipulationszeitpunkt bis heute simuliert werden, so wie sie eigentlich hätten erfolgen sollen. Dafür wurde eigens eine neue Software für die Stadtenergie von Powerdata entwickelt. Eine der zentralen Lehren für Wyrembeck aus dem Betrugsfall: "Ich kann jedem Unternehmen nur empfehlen, gerade auch die technische Sicherstellung des Vier-Augen-Prinzips in Massenverarbeitungen zu evaluieren".
Martin Wyrembeck arbeitet seit zwei Jahren für die DEW21-Gruppe, unter anderem als Leiter Beteiligungsmanagement und Prokurist der Wasserwerke Westfalen GmbH. Seit Ende vergangenen Jahres ist er zudem Geschäftsführer der Stadtenergie. Vor seiner Zeit bei der DEW21 war er unter anderem fünf Jahre als Referent im Vorstandsbüro der Energieversorgung Mittelrhein AG tätig.
Herr Wyrembeck, die ersten Manipulationen bei Kundenabrechnungen der Stadtenergie sollen sich bereits zum Jahreswechsel 2021/2022 ereignet haben. Entdeckt wurden Sie im Februar dieses Jahres. Wie konnten diese Vorgänge so lange unentdeckt bleiben?
Die Manipulationen fanden in der Hochphase der Energiekrise 2022 statt. Neben erheblichen Verwerfungen an den Energiemärkten vor allem im Jahr 2022 haben sich viele Umlagen und auch die Mehrwertsteuersätze wiederholt geändert, was Plausibilitätsprüfungen und Vergleichsrechnungen erschwert hat, während man mit der Umsetzung staatlicher Vorgaben bereits erheblich ausgelastet war. Zum anderen wurden die Veränderungen direkt auf der tiefstmöglichen Datenebene vorgenommen und teilweise auch mehrstufig verschleiert.
Wie konkret ist man denn dann überhaupt darauf aufmerksam geworden, dass etwas nicht stimmen kann in den Abrechnungen?
Erste Auffälligkeiten gab es bei Erlös- und Forderungsabgrenzungen, die wir im Rahmen der Jahresabschlussarbeiten für die Wirtschaftsprüfer ausgewertet haben. Dies betraf insbesondere betragsmäßig sehr hohe Forderungen aus Mehr- und Mindermengen. Deren Bewertung ist eine klassische netzwirtschaftliche Aufgabe, bei der man immer sehr gut mit den Mengen auf Kunden- und Beschaffungsseite verproben kann. Aufgrund unseres Anfangsverdachts haben wir dann externe Experten hinzugezogen, die umfangreiche forensische Untersuchungen durchführten.
"Wenn die Rechengrößen immer wieder zu dem passen, was am Ende dabei herauskommen soll, erhärtet sich immer mehr der Verdacht."
Was hat die Überprüfung ergeben?
Letztlich geht es ja immer darum, dass der Bilanzkreis mengenmäßig ausgeglichen sein muss. Die Überprüfung und Neuberechnung hat dann aber Implausibilitäten bei Mengen, Ergebniseffekten und Zahlungsströmen zu Tage gebracht, vor allem in der periodischen Abgrenzung und Bewertung.
Wie viel Zeit lag zwischen der ersten Überprüfung und der Gewissheit, dass hier mit Methode manipuliert worden ist?
Dazwischen lagen in etwa zwei Wochen im Februar dieses Jahres. Für die vollständige Aufklärung mussten wir bis in die tiefsten Ebenen unseres Beschaffungs- und unseres Abrechnungssystems zurückgehen und zwar bis zum Start der Stadtenergie Ende 2020. Die Überprüfung nach dem Anfangsverdacht dauerte bis in den Oktober dieses Jahres. Es hat sich aber relativ früh gezeigt, dass hier ab 2022 gezielt eine unrechtmäßige Ergebnisaussteuerung erfolgt ist.
Woran haben Sie das gemerkt?
Wir haben einen Methodenwechsel in der Berechnung festgestellt und sind dem nachgegangen. Wenn die Rechengrößen immer wieder zu dem passen, was am Ende dabei herauskommen soll, erhärtet sich immer mehr der Verdacht, dass hier methodisch vorgegangen wurde, um ein bestimmtes Jahresergebnis zu erreichen. Hierbei kann es sich dann nicht mehr um einzelne Fehler handeln.
Außerdem stellten wir Versuche fest, durch manipulierte Buchungsbelege und das Zurückhalten von Informationen die Bilanzierung zu beeinflussen. Anhand dieser ersten Anhaltspunkte haben wir externe Experten aus dem Bereich der Betrugsbekämpfung und forensischer Analyse hinzugezogen und die weiteren Ermittlungen an diese übergeben, auch um Objektivität und Unanfechtbarkeit der Untersuchungsergebnisse sicherzustellen.
"Wir haben die Vorfälle zum Anlass genommen, die Abrechnungen ab dem Start der Stadtenergie Ende 2020 zu untersuchen."
Die Stadtenergie arbeitet wie einige andere Energieversorger mit Powercloud. Besteht ein Zusammenhang zwischen den Besonderheiten des Systems und den Manipulationen?
Das kann man nicht sagen. Diese Manipulationen wären auch in anderen Systemen möglich gewesen. Powercloud ist ein sehr flexibles und effizientes System. Der Vorteil ist, dass es vergleichsweise einfach zu bedienen ist. Zudem hat es große Vorzüge mit Blick auf Automatisierung und Massenverarbeitung. Diese effizienten Instrumente führen aber auch dazu, dass Schlüsselpersonal, auch ein Einzelner, sehr wirksam sein kann. Wenn man es gut macht, kann man damit signifikante Effizienzen heben. Wenn jemand Böses im Schilde führt, kann er aber auch sehr viel Schaden anrichten.
Die Effizienz führt dazu, dass ein mit der Anwendung vertrauter Nutzer schon einmal an einem Nachmittag Preisanpassungen bei zigtausenden Kunden kalkulieren und produktiv setzen kann. Das ist bei anderen Systemen nicht so einfach möglich.
Welche Schlüsse haben Sie aus dieser Erkenntnis gezogen?
Die Ermittlungen dazu dauern an, wir sind hierzu im Austausch mit den Behörden. Es ist klar, dass die Erkenntnisse daraus zu Veränderungen in Compliance- und Kontrollmechanismen führen werden. Ich kann jedem Unternehmen nur empfehlen, gerade auch die technische Sicherstellung des 4-Augen-Prinzips in Massenverarbeitungen zu evaluieren.
Zwischen der Einschaltung der Betrugsbekämpfung und dem Start der Rückerstattung sind über acht Monate vergangen. Wieso hat das so lange gedauert?
Wir haben die Vorfälle zum Anlass genommen, die Abrechnungen ab dem Start der Stadtenergie Ende 2020 zu untersuchen. Die schließlich zu korrigierenden Abrechnungen umfassten ebenfalls einen langen Zeitraum, der sich vom 1. Januar 2022 bis in das Jahr 2024 erstreckte.
Die Manipulationen haben zudem vereinzelt auch noch Auswirkungen bis ins aktuelle Jahr gehabt. Wenn es bspw. nach 2023 eine Umlageanpassung bei bestehenden Kunden gegeben hat, basierten die Arbeitspreise insgesamt ja immer noch auf teilweise falschen Bestandteilen. Es gab zudem noch zwei weitere Aspekte, die die Aufarbeitung sehr erschwert haben.
Welche sind das konkret?
Die Manipulationen fanden auf der tiefsten Ebene der Datenbanken statt. Es waren keine stornierbaren Buchungen, sondern Überschreibungen. Das heißt, wir hatten keine rückverfolgbare Historie, wie der Status-Quo vor der Manipulation ausgesehen hat. Außerdem handelt es sich etwa bei den Gasabrechnungen um ungerechtfertigte Preisanpassungen in bis zu fünf Schritten.
Es geht dabei insbesondere um die nicht korrekte Weitergabe von Änderungen bei Netzentgelten und Umlagen, wie der letztlich wieder aufgehobenen Gasbeschaffungsumlage, der Mehrwertsteuersenkung und Preisanpassungen im Umfeld der Dezember-Soforthilfe sowie der Preisbremsen. Es gab also sehr viele Manipulationspunkte und dazwischen auch vollkommen korrekte Preisanpassungen, die man alle einschließlich ihrer Wechselwirkungen im Rahmen der Rekonstruktion der eigentlich richtigen Preise berücksichtigen musste.
"Bis Ende November wollen wir die Rückerstattung der rund 24,6 Millionen Euro an die Kunden abgeschlossen haben."
Wie haben Sie die Korrekturen technisch umgesetzt?
Wir haben außerhalb unseres Abrechnungssystems alle betroffenen Kundenabrechnungen seit dem ersten Manipulationszeitpunkt bis heute simuliert, so wie sie eigentlich hätten sein sollen. Dabei haben wir auf eine eigens für uns neu entwickelte Software von Powerdata aus Berlin zurückgegriffen. Im Prinzip haben wir außerhalb des Abrechnungssystems für über 70.000 Kunden die letzten drei Jahre vom letzten sauberen Datenstand über alle zulässigen Preisanpassungen und gesetzlichen Änderungen bis zur letzten Abrechnung und abschließend den heute gültigen Preis neu aufgebaut.
Wie ist der Rückerstattungsprozess bisher angelaufen?
Wir haben mit einer Pilotgruppe aus wenigen Hundert Kunden verschiedener Fallgruppen gestartet. Mittlerweile haben die ersten betroffenen Kunden auch bereits das Geld auf dem Konto. Bis Ende November wollen wir die Rückerstattung der rund 24,6 Mio. Euro komplett abgeschlossen haben. Die Kommunikation mit den Kunden ist entsprechend komplex, wenn diese beispielsweise durch einen Umzug im Lieferzeitraum bis zu 5 Rechnungskorrekturen erhalten und eine neue Abschlagshöhe mitgeteilt bekommen.
Wie fallen die Kundenreaktionen bisher aus?
In Summe haben wir sehr wenig Rückfragen und auch sehr wenig Kündigungen. Für das Verständnis der Kunden möchten wir uns daher auch hier sehr bedanken.
Das erstaunt mich sehr angesichts des Betrugsvolumens.
Wir können nur alles daran setzen, das Vertrauen in unsere Zusage der vollständigen Aufarbeitung, Korrektur und Rückerstattung zu erfüllen. Ich denke, auch die aktive Information der Kunden zu unserem Vorgehen hat sich gelohnt. Im Durchschnitt geht es bei den Korrekturen jetzt um rund 200 Euro Rückerstattung pro Kunde.
"Man hat bei der Stadtenergie nicht die Augen vor den Beschwerden verschlossen und 2023 Maßnahmen zu Prozessverbesserungen angestoßen."
Wenn ich auf Bewertungsportale wie Trustpilot schaue, finde ich auch 2022 und 2023 massive Beschwerden bis hin zu Betrugsvorwürfen gegen die Stadtenergie. Wieso ist man diesen nicht konsequenter nachgegangen?
Die Stadtenergie agierte als ein Start-up, das sich neben dem Geschäftsaufbau in einer Ausnahmesituation wie der Energiekrise mit großen prozessualen Herausforderungen in der Abrechnung und im Service konfrontiert sah. Da waren Beschwerden durchaus zu erwarten. Man hat bei der Stadtenergie keinesfalls die Augen vor den Beschwerden verschlossen und 2023 mehrere Maßnahmen zu Prozessverbesserungen angestoßen. Die Kunden haben sich zum Großteil über Bearbeitungszeiten oder den verspäteten Versand von Abrechnungen beschwert. Von diesem Thema waren aber alle Energieversorger betroffen in der Zeit der umfangreichen, häufig auch kurzfristigen Anpassungen in den Jahren 2022 und 2023.
Es gab auch eher diffuse Kritik, dass die Energiepreise insgesamt zu hoch gewesen seien. Von den ganzen Rückmeldungen, die wir in der Zeit erhalten haben, gab es nur eine Handvoll, die Themen betroffen haben, die wir in den vergangenen Monaten korrigieren mussten.
Nach wie vor kann man sich kaum vorstellen, dass ein Einzelner diese ganzen Manipulationen ohne Mitwisser hat durchführen können.
Die dafür verantwortliche Person haben wir im Frühjahr freigestellt. Mit der Aufklärung der Vorgänge befasst sich inzwischen auch die Staatsanwaltschaft, mit der wir im regelmäßigen Austausch stehen. Daher wollen wir das auch nicht weiter kommentieren. Die Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen bei der Aufarbeitung wissen wir sehr zu schätzen.
(Das Interview führte Hans-Peter Hoeren)
--------------------------------------------
Die Stadtenergie hat aktuell noch rund 47.000 Kunden. All diesen will die DEW21 ein Übernahmeangebot machen. Dazu und wie die kundenzentrierte Grundlagenarbeit bei der Stadtenergie künftig die Neuausrichtung in der IT und im Vertrieb der DEW21 einfliessen soll, lesen Sie mehr in einem Hintergrundartikel in der November-Printausgabe der ZfK. Zum Abo geht es hier.
Mehr zum Thema Stadtenergie aus dem ZfK-Archiv:
Stadtenergie-Kunden bekommen rund 25 Mio. Euro erstattet
Stadtenergie droht das endgültige Aus
DEW21 und Stadtenergie: Es bleiben viele offene Fragen



