Räumlich gesehen war der Wechsel Holger Ruderts von der Energieversorgung Apolda zu den Technischen Werken Naumburg in Sachsen-Anhalt kein großer Sprung. Zwischen den beiden Orten liegen gerade einmal 20 Kilometer Luftlinie.
Beruflich dürfte es für den 43-Jährigen nun aber noch einmal deutlich anspruchsvoller geworden sein.
4,3 Mio. Euro Defizit im Geschäftsjahr 2021
Denn während sein alter Arbeitgeber mit Rudert als kaufmännischem Leiter 2021 einen Gewinn von 2,7 Millionen Euro einfuhr, rutschten die Technischen Werke Naumburg im selben Jahr tief ins Minus. Am Ende stand nicht nur ein Umsatz von 46 Millionen Euro, sondern auch ein Defizit von 4,3 Millionen Euro nach Steuern, wie aus dem jüngst im Bundesanzeiger veröffentlichten Geschäftsbericht hervorgeht.
Der Hauptgrund dafür: Großkundenverträge, die zum Zeitpunkt des Abschlusses nicht ausreichend eingedeckt waren. Die Folge: Fehlende Mengen mussten in Zeiten enorm steigender Großhandelspreise nachbeschafft werden. Jetzt liegt es an Rudert, das angeschlagene Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen. Doch wie?
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Nachwehen des Jahres 2021
Ob das Unternehmen schon im vergangenen Jahr wieder wie geplant in die schwarzen Zahlen zurückgekehrt ist? Das könne er noch nicht seriös sagen, erklärt Rudert. Noch werde gerechnet.
Eines aber stehe fest: "Die negativen Auswirkungen der nicht marktüblich eingedeckten Großkundenverträge belasteten auch 2022 das Ergebnis. Dazu kamen Sondereffekte im Zusammenhang mit der Energiekrise."
Gesellschafter verzichten auf Gewinn
Ruderts derzeit wichtigste Aufgabe ist es, das Unternehmen zu stabilisieren. Der neue Geschäftsführer begrüßt, dass sich die drei Gesellschafter, die städtische Kurbetriebsgesellschaft Naumburg/Bad Kösen (51 Prozent), der ostdeutsche Regionalversorger EnviaM (47 Prozent) und die Aachener Stawag (zwei Prozent), zu den Technischen Werken klar bekannt hätten.
Sie hätten auch zugesagt, der Empfehlung eines 2022 in Auftrag gegebenen externen Sanierungsgutachtens zu folgen und in den kommenden beiden Jahren auf ihren Gewinn zu verzichten. Erzielte Überschüsse sollen stattdessen als Rücklagen im Unternehmen bleiben. "Das wird uns in eine deutlich bessere Situation versetzen", sagt Rudert.
Hohe Grundversorgungspreise
Ferner sollen die Technischen Werke Naumburg weiterhin ein verlässlicher Energielieferant bleiben. "Wir haben einen sehr stabilen Kundenstamm und sehen auch jetzt nur wenig Wechselbewegung", erzählt der Geschäftsführer.
Dabei sind die aktuellen Grundversorgungspreise mit 64 Cent pro Kilowattstunde Strom und 19 Cent pro Kilowattstunde Gas vergleichsweise hoch. Wegen der vom Bund beschlossenen Preisbremse schlagen die Preise allerdings nicht voll durch. Er sei mit dem derzeitigen Niveau bei den Grundversorgungspreisen "auch nicht glücklich", sagt Rudert. "Wir arbeiten aber daran, da besser zu werden." Wer schon jetzt aus der Grundversorgung wechseln wolle, dem würden die Technischen Werke günstigere Sonderprodukte anbieten.
"Die alte Welt wird uns noch begleiten"
Ziel sei es nun, das Geschäftsfeld Beschaffung umzubauen, sich prozessual zu verschlanken und Risiken zu eliminieren, erklärt der Werkschef. Unter anderem soll es um eine echte Back-to-Back-Beschaffung für Großkunden und eine langfristige Beschaffung aller Mengen für Tarifkunden gehen.
"Die alte Welt, die wir ablösen wollen, wird uns sicher noch ein, zwei Jahre begleiten", sagt Rudert. "Das wird uns gut fordern." Nicht zuletzt müsse das Unternehmen nach dem Weggang des bisherigen Geschäftsführerduos und des Vertriebsleiters neue Kompetenzen in diesem Bereich aufbauen. Optimistisch stimmt den Geschäftsführer aber, dass die Belegschaft sehr motiviert und eine große Stütze in der aktuellen Situation sei.
Grüne Fernwärme statt Großkundenvertrag in Hamburg
Perspektivisch gehe es dann um die Frage, was die Technischen Werke Naumburg im Kern ausmache, sagt Rudert. "Das wird sicher nicht der Großkundenvertrag in Hamburg sein, sondern eher das anlagenbasierte Geschäft vor Ort, etwa in Form von grüner Fernwärme." (aba)



