Von Hans-Peter Hoeren
Das Gasverteilnetz in Deutschland ist aktuell rund 550.000 Kilometer lang. "Sollte in Zukunft grünes Gas für die Wärmeversorgung eine untergeordnete Rolle spielen, wird ein Großteil dieses flächigen Verteilnetzes nicht mehr benötigt", prognostiziert Andreas Nolde, Partner bei der Unternehmensberatung BET Consulting.
Zwischen zehn und 30 Prozent des heutigen Gasverteilnetzes würden je nach Studie ab 2045 respektive 2050 noch gebraucht, präzisiert Anton Berger, Leiter des Bereichs Energiewirtschaft bei der Beratungsgesellschaft Rödl & Partner. Er rechnet ab 2030 mit einer Häufung von Anschlussverweigerungen und -kündigungen sowie Teilstilllegungen. Auch Umwidmungen würden voraussichtlich im Anschluss vermehrt vorkommen.
Referentenentwurf in Planung
Die EU hat im vergangenen Jahr mit der Gasbinnenmarkt-Richtlinie einen regulatorischen Rahmen für die Transformation der Gasnetze vorgegeben. Dieser muss bis August nächsten Jahres in nationales Recht umgesetzt werden. Laut ZfK-Informationen sind die ersten Signale vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie positiv. Das Ministerium soll bekräftigt haben, dass ihm die Dringlichkeit eines zeitnahen, rechtssicheren Rahmens bewusst ist. Ein erster Referentenentwurf soll in den nächsten Monaten vorliegen.
Den fehlenden Rechtsrahmen empfinden viele Verteilnetzbetreiber seit Längerem schon als kontraproduktiv für die weiteren Planungen. "Die Unternehmen benötigen schnellstmöglich einen klaren Rahmen für die Stilllegung, die Umwidmung und den Weiterbetrieb der Gasnetze", mahnt etwa Norbert Jungjohann, Geschäftsführer der Stadtwerke Husum Netz.
"Pflicht zum Rückbau bestehender Gasnetze im Straßenraum sollte es nicht geben"
Wichtig sei zudem der Umgang mit Regelungen aus dem Konzessionsvertrag, hier gebe es viele offene Fragen. "Eine Pflicht zum Rückbau bestehender Gasnetze im Straßenraum sollte es nicht geben", fordert Jungjohann. Ohne Antworten auf diese Fragen risikiere man, dass wichtige Transformationsentscheidungen nicht rechtzeitig getroffen würden, ergänzt Dirk Middendorf, Geschäftsführer der Stadtwerke Dülmen.
"Dort, wo tatsächlich von Erdgas auf Strom für Wärmepumpen oder auf Wärmenetze umgestellt wird, brauchen wir klare, mit den Kommunen abgestimmte Leitplanken und Zeitpläne", stellt Middendorf klar.
Sozialverträglichkeit im Fokus
Wie sensibel das Thema Stilllegung von Gasnetzen allerdings ist, hat sich jüngst in Mannheim gezeigt. Dort sorgte die Ankündigung der MVV Energie, das Netz bis 2035 stillzulegen, für Proteste, weil die Frist von Teilen der Bevölkerung als zu kurzfristig empfunden wurde und die Betroffenen sich nicht mitgenommen fühlten.
Dass die Transformation der Gasnetze ähnlich wie jüngst das Gebäudeenergiegesetz eine hohe gesellschaftspolitische Brisanz hat und das Thema der Sozialverträglichkeit dabei im Fokus stehen wird, ist allen Beteiligten bewusst. "Diese Fragen kann aber nur die Politik lösen", sagt Hans-Werner Leenen, Geschäftsführer der NGN Netzgesellschaft Niederrhein in Krefeld.
Warnung vor "Stranded Assets"
Problematisch sei, dass Kommunen und Stadtwerke aktuell oft noch finanziell abhängig vom Gasgeschäft seien, ergänzt Anton Berger von Rödl & Partner. Ohne zusätzliche Fördermittel sei eine Stilllegung wirtschaftlich kaum darstellbar. Zudem sei der aktuelle Regulierungsrahmen auf Kosteneffizienz und Anschlusspflicht ausgerichtet. "Anreize für Netzbetreiber, die Infrastruktur zurückzubauen, fehlen", so Berger.
Wenn eine verzahnte Planung von Gasnetztransformation und kommunaler Wärmeplanung künftig nicht gegeben sei und die Gasnetze bis zum Schluss betrieben würden [sprich mehr oder weniger die komplette Gasnetzinfrastruktur bis 2045 oder 2050 betrieben würde, Anm. d. Red.], drohten überhöhte Netzentgelte, "Stranded Assets" und eine verzögerte Dekarbonisierung.
Dieser Artikel ist als Titelgeschichte in der aktuellen Printausgabe der ZfK erschienen. Dort finden Sie außerdem einen Artikel, in dem sich die Geschäftsführer der NGN Netzgesellschaft Niederrhein für stadtteilscharfe Vorgaben für Stilllegungen aussprechen, und dafür, dass man nach Möglichkeit dort beginnen können soll, wo das Gasnetz veraltet sei.
Außerdem formuliert Kristin Weiß, Geschäftsführerin der Stadtwerke Jena Netze, konkrete Forderungen für den Aufbau und Ausbau einer Wasserstoffwirtschaft. Beide Artikel werden wir in den kommenden Tagen auch im ZfK-Morning Briefing veröffentlichen.
Abgerundet wird der Fokus auf die Gasnetztransformation in der Septemberausgabe durch eine Doppelseite zur neuen Abschreibungs-Richtlinie Kanu 2.0 mit Analysen von Expertinnen und Experten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Rödl und Partner. Zum Abo geht es hier. Mehr zum Thema Zukunft der Gasnetze finden Sie zudem in den bisher erschienenen über ein Dutzend Folgen unserer neuen Serie "Die Zukunft der Gasnetze".



