Der andauernde Krieg in der Golfregion treibt auch Deutschlands Gasimporteur Uniper die Sorgenfalten ins Gesicht. "Die Welt sortiert sich gerade neu", sagte Konzernchef Michael Lewis am Mittwoch bei der Vorstellung der Jahresbilanz, "und zwar mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit". Aus Handel werde wieder Geopolitik.
Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine hatten explodierende Gaspreise und ausgefallene Lieferungen Uniper extrem zugesetzt. Das Unternehmen musste mit Milliardenhilfen des Staates unter strengen EU-Auflagen gerettet werden. Der aktuelle Anstieg der Gaspreise erinnere entfernt an die Situation nach dem Einmarsch Russlands in der Ukraine, sagte Lewis. Allerdings: "Heute agieren wir aus einer deutlich günstigeren und robusteren Lage heraus."
Keine Spekulationen zu Dauer des Konflikts
Das Unternehmen beziehe keine Energielieferungen aus der kriselnden Region, erklärte der Manager. Auch müssten keine Lieferungen für Uniper die Straße von Hormus durchqueren. Uniper habe dazugelernt und seine Lieferquellen diversifiziert. Eine wichtige Stütze neben dem Pipelinegas aus Norwegen bilden laut Uniper LNG-Lieferungen aus den USA, Kanada und Australien.
Auf Spekulationen über die Dauer des Konflikts im Iran wollte sich Lewis nicht einlassen. Er betonte aber, dass die Signale im Markt derzeit auf eine kurz- bis mittelfristige Beendigung hindeuten. Steigende Preise sehe er vor allem im Spotmarkt und bei Frontmonat-Produkten. "Die aktuelle Marktpreisentwicklung zeigt, dass der Markt bei Jahresbändern 2027 und 2028 nur sehr limitiert auf die Ereignisse im Nahost reagiert hat."
Gasspeicher unter Druck
Mit rund 140 Terawattstunden (TWh) Gasabsatz deckt Uniper einen großen Teil des nationalen Gasbedarfs. Neben den Gaslieferungen über Pipelines und LNG-Schiffe bilden die Gasspeicher eine weitere Stütze des Konzerns für Stabilität und Flexibilität. Ihre Kapazität macht etwa 25 Prozent der gesamten deutschen Gasspeicherkapazität aus.
Diese Stütze läuft allerdings alles andere als profitabel. Unter den aktuellen regulatorischen Bedingungen sei ihr Betrieb kaum wirtschaftlich, so Lewis. Das hat Folgen: Der Konzern hat die Stilllegung des großen Gasspeichers Breitbrunn in Bayern beantragt. Der Antrag bei der Bundesnetzagentur sieht eine Abschaltung zum 31. März 2027 vor. Der Speicher gehört mit einer technischen Kapazität von rund 11,5 TWh zu den größten in Deutschland.
Auf Nachfrage von Journalisten betonte Uniper, dass die aktuellen Marktbedingungen nicht unbedingt starke Anreize zum Einspeichern böten, etwa wenn Preisspreads zwischen Sommer- und Wintergas gering oder sogar negativ sind. Dennoch könne es zu Einspeicherungen kommen, etwa weil Händler ihre eigenen Portfolios optimieren oder bereits gebuchte Speicherkapazitäten nutzen.
Französisches Vorbild für Gasspeicher
Für größere Einspeicheranreize könnte eine grundsätzliche Änderung der Rahmenbedingungen sorgen, sagte Lewis. Er empfahl einen Blick nach Frankreich. "Wir rechnen damit, dass ein französisches System eine gute Lösung sein könnte."
Demnach erhalten Speicherbetreiber eine Art Absicherung über einen sogenannten zweiseitigen Differenzvertrag: Wenn die Einnahmen aus dem Markt nicht ausreichen, um Kosten und Investitionen zu decken, gleicht das System die Differenz aus; wenn dagegen mehr verdient wird als erwartet, müssen Betreiber Geld zurückzahlen. Das bedeutet, dass die Bundesnetzagentur oder der Bund jedes Jahr eine Entscheidung treffen würde, wie viel Kapazität benötigt wird. Generell hält Uniper ein solches Modell für sinnvoller als eine reine strategische Gasreserve.

Milliarden für neue Kraftwerke
Große Investitionen plant Uniper im Kraftwerksbereich. Bis 2030 sollen dafür rund fünf Milliarden zur Verfügung stehen. In Deutschland liegt der Investitionsschwerpunkt auf wasserstofffähigen Gaskraftwerken mit einer Kapazität von insgesamt zwei Gigawatt an den Standorten Staudinger in Hessen und Scholven in Nordrhein-Westfalen im Rahmen der Kraftwerksstrategie.
Den geplanten ersten Schritt mit Ausschreibungen für insgesamt etwa 10 bis 12 Gigawatt bewerteten die Düsseldorfer als grundsätzlich sinnvoll, um den Ausbau möglichst schnell anzustoßen. Skeptisch äußerten sich die Manager jedoch zu möglichen zusätzlichen Begrenzungen bei den Ausschreibungen, etwa zu einer diskutierten Obergrenze für einzelne Anbieter.
Solche Beschränkungen könnten aus ihrer Sicht problematisch sein, wenn dadurch zu wenige Projekte realisiert würden oder sich weniger Unternehmen beteiligen. Entscheidend sei vor allem, schnell genügend Kapazitäten auf den Markt zu bringen, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten.
Jahresbilanz: Rückgang bei Ergebnis und Umsatz
Uniper blickte zudem auf das vergangene Geschäftsjahr zurück. Das bereinigte Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen (Adjusted Ebitda) des Vorjahres wurde mehr als halbiert. Am Ende standen 1,097 Milliarden Euro.
Die Umsatzerlöse sanken von 69,6 Milliarden auf rund 61 Milliarden Euro. "Wie erwartet sind sie auf ein normalisiertes Niveau zurückgekehrt und liegen deutlich unter dem außergewöhnlich starken Vorjahr", ordnete Uniper-Chef Lewis die Zahlen ein.
Erstmals nach dem Einstieg des deutschen Staates kündigte Uniper eine Dividende in Höhe von 0,72 Cent je Aktie an. Insgesamt schüttet der Konzern rund 300 Millionen Euro aus, wobei die Bundesrepublik der größte Anteilseigner ist. "Wir haben die letzten Auswirkungen der Gaskrise vor einigen Jahren verarbeitet, zeigen eine solide Finanz-, Vermögens- und Ertragslage und sind damit gut für die Herausforderungen der nächsten Jahre aufgestellt", fügte Uniper-Finanzchef Christian Barr hinzu.





