Hamburg Wasser stand in den vergangenen Monaten wiederholt in den Negativschlagzeilen. Zum 1. April beschloss der Aufsichtsrat dann die vorzeitige Ablösung des Vorsitzenden der Geschäftsführung, Ingo Hannemann, sowie seiner Kollegin Gesine Strohmeyer. Derzeit wird das Unternehmen von einer Interimsdoppelspitze geleitet. Im Interview geht Hannemann auf die Gründe für die Kostensteigerung bei der Klärschlammverwertungsanlage am Hamburger Hafen sowie für die Verzögerung bei der Phosphorrecyclinganlage ein und erläutert die Chancen der Brauchwassernutzung für eine stabile Versorgung.
Herr Hannemann, der Klimawandel macht sich auch in Hamburg bemerkbar. Hamburg Wasser bezieht einen Teil seines Trinkwassers aus der Nordheide. Das Unternehmen hat eine sogenannte gehobene Erlaubnis zur Nutzung der Ressourcen, aber Sie haben dagegen geklagt, weil Sie eine Bewilligung anstreben. Wie ist der Stand des Verfahrens?
Wir wollten mit der Klage erreichen, dass die Versorgungssicherheit erhöht wird. Mit der Bewilligung hätte Hamburg Wasser eine höhere Rechtssicherheit, so wie der Gesetzgeber sie auch vorgesehen hat. Leider hat das Oberverwaltungsgericht Lüneburg immer noch nicht über die 2021 gegen das erstinstanzliche Urteil eingelegte Berufung entschieden. Die Verfahrensdauer alleine dafür beträgt mittlerweile mehr als drei Jahre. Aber mehr Rechtssicherheit alleine reicht natürlich nicht, Hamburg Wasser muss auch neue Wege gehen.
Was meinen Sie damit?
Ich bin zwar gegen jeden Alarmismus, weil wir gerade in Norddeutschland durchaus niederschlagsreiche Winterhalbjahre haben und die Grundwasserneubildung deshalb gut ist. Aber die zunehmenden metereologischen Dürreperioden entwickeln sich immer häufiger auch zu einer hydrologischen Dürre. Das macht einem Wasserversorger natürlich Sorgen.
Wie kann sich Hamburg Wasser gegen den Klimawandel wappnen?
Über resiliente Beschaffungsstrukturen hinaus beschäftigen wir uns schon lange mit dem Thema Wasserwiederverwendung sowohl in Haushalten als auch für industrielle Zwecke. In dem neu gebauten Hamburger Wohnquartier Jenfelder Au werden Regen-, Schwarz- und Grauwasser am Entstehungsort getrennt. Es ist europaweit bislang das erste Reallabor dieser Art und liefert einen wertvollen Praxistest für zukünftige Ansätze zur Stadtentwicklung.
Ist die Wasserwiederverwendung vor allem für die Nutzung für industrielle Zwecke interessant?
In der Anlage in Jenfeld wandeln wir unter anderem Grauwasser zu sogenanntem Brauchwasser um und leiten es einem benachbarten Gewerbepark zu. Da Hamburg Wasser vor dem Hintergrund der Kommunalen Abwasserrichtlinie sein Klärwerk am Hafen mit einer vierten Reinigungsstufe ausstatten wird, wäre gerade die Anlage im Hamburger Hafen gut geeignet, industrielle Großverbraucher zu versorgen, die keine Trinkwasserqualität benötigen.
Kann durch Wasserwiederverwendung perspektivisch der Trinkwasserverbrauch nennenswert gesenkt werden?
Das hängt meines Erachtens von verschiedenen Rahmenbedingungen ab. Solange das Trinkwasserdargebot in der jetzigen Qualität und Menge vorhanden ist, ist der Anreiz zum Einsatz solcher Technologien relativ gering. Brauchwassernutzung in Häusern bedeutet, dass man ein zweites System vorhalten muss, das Geld kostet und auch schwierig zu betreiben ist. In Haushalten kann man größere Einspareffekte beispielsweise durch wassersparende Armaturen erzielen. Aber in der Industrie ist der Einsatz sicher eine nennenswerte, realistische Zukunftsoption.
Im Hamburger Hafen wird ja derzeit die neue Klärschlammverwertungsanlage VERA II gebaut. Bei dem Projekt hat es seit dem Start im Jahr 2021 eine Kostensteigerung von 50 Prozent auf jetzt knapp 300 Millionen Euro gegeben. Das ist Ihnen in der Öffentlichkeit sehr angekreidet worden. Wie kam es dazu?
Das Projekt der Erweiterung der Anlage um eine vierte Linie und der Sanierung der Bestandslinien läuft über einen sehr langen Zeitraum. Der operative Start war im Jahr 2021, das Projekt reicht aber noch deutlich weiter zurück. Das bedeutet: Mit dem Vorhaben befasst sich mittlerweile der dritte Aufsichtsratsvorsitzende von Hamburg Wasser. Wir haben das Gremium immer transparent über den Kostenanstieg informiert und erforderliche Beschlüsse eingeholt.
Was waren die Gründe für die Kostensteigerungen?
Erstens haben wir keinen Generalunternehmer gefunden. Wir mussten das Bauprojekt deshalb auf einzelne Lose umstellen. Ursprünglich waren zehn Mitarbeiter von Hamburg Wasser für die eigene Bearbeitung und Betreuung geplant. Mittlerweile sitzen mehr als 40 Mitarbeiter daran, die Arbeit von etwa 80 Auftragnehmern zu koordinieren. Dass es bei so einem Umfang auch einmal ruckelig wird, ist kaum zu vermeiden.
Und zweitens?
Das größte Los, den Anlagenbau, konnten wir nur mit einer Preisgleitklausel vergeben, das war mitten in der Corona-Pandemie. Infolge der Materialknappheit durch gestörte Lieferketten in dieser Zeit und später dann infolge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine sind die Preise stark gestiegen. Das betrifft viele Großprojekte – Kostensteigerungen um 50 Prozent in diesem Zeitraum sind weit verbreitet.
Würden Sie im Rückblick etwas anders machen?
Eine der "Lessons learned" ist für mich, dass wir das Thema noch offensiver kommunizieren hätten sollen. Wir hätten auch die Öffentlichkeit über die Probleme früher, in kürzeren Abständen und mit mehr Details informieren sollen, wie wir das insbesondere bei Baustellen im öffentlichen Raum tun.
Verzögerungen gibt es auch bei der geplanten Phosphorrecyclinganlage?
Im Zuge der Klärschlammverwertung wollten wir auch den Stoffkreislauf für Phosphor schließen, wie ab 2029 vorgeschrieben. Wir haben zusammen mit Remondis zunächst erfolgreich eine Pilotanlage für das Recycling gebaut. Sicherlich waren wir etwas zu optimistisch, als wir 2019 angekündigt haben, dass die großtechnische Anlage nach ein bis zwei Jahren in den Betrieb gehen wird.
Momentan gibt es ja noch kein Phosphorrecyclingverfahren, das im großtechnischen Maßstab am Markt verfügbar ist. Wie schätzen Sie die Tetraphos-Methode von Remondis ein?
Ich halte die Technologie für sehr gut geeignet. Natürlich mussten wir sie gemeinsam im Laufe des Implementierungsprozesses kontinuierlich weiterentwickeln. Aber ich bin zuversichtlich, dass Tetraphos das erste Verfahren sein wird, das großtechnisch umgesetzt sein und funktionieren wird.
War es die richtige Entscheidung, in eine eigene Phosphorrecyclinganlage zu investieren? Es gibt ja große Wasserversorger in Deutschland, die dafür auf einen Dienstleister setzen.
Rückblickend war das auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Wir wollten nicht abwarten, was am Markt passiert – noch dazu vor dem Hintergrund, dass es nur wenige Abwasserentsorger gibt, die die Ressourcen haben, so einen Weg zu beschreiten. Und nach wie vor sehe ich auch ein Unternehmen der Größe wie Hamburg Wasser in der Verantwortung, Dinge mutig, aber nicht waghalsig mit voranzutreiben.
Wie schätzen Sie den Markt für das Produkt ein, das dabei entsteht?
Die Reinheit der Phosphorsäure, die bei dem Tetraphos-Prozess entsteht, ist sehr hoch. Damit kann man nicht nur Dünger herstellen, sondern das Produkt kann in vielen industriellen Anwendungen genutzt werden und Importe reduzieren.
Sie haben erklärt, Ihren bis Jahresende laufenden Vertrag nicht verlängern zu wollen und Ihre Tätigkeit als Geschäftsführer bei Hamburg Wasser zum 1. April zu beenden. Wie schauen Sie auf die gut sieben Jahre bei dem Unternehmen zurück?
Ich empfand meine Zeit bei Hamburg Wasser immer als sehr positiv, professionell und wertschätzend. Das ist ein tolles Unternehmen mit wichtigen Aufgaben und einem hoch motivierten Team. Die letzten Monate waren nicht einfach, aber das ist nicht das, was ich abschließend in Erinnerung behalten möchte.
Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
Ich will der Branche gerne erhalten bleiben. Ich habe in meinem beruflichen Leben ja nicht nur mit Wasser und Abwasser zu tun gehabt, sondern auch mit Energieversorgung und dem Breitbandausbau. Aber in welcher Form ich an welcher Stelle tätig sein möchte, das werde ich mir jetzt in Ruhe überlegen.
Das Interview führte Elwine Happ-Frank.
Das Interview ist zuerst in der Mai-Printausgabe der ZfK erschienen. Zum Abo geht es hier.



