Gelsenwasser bewältigt heiße Sommer dank robuster Infrastruktur aus Talsperren und Verbundsystemen. Das Unternehmen investiert jährlich 30 bis 35 Millionen Euro in Netzausbau und Digitalisierung und darüber hinaus 200 Millionen in die Wasserwerke. Eine Herausforderung sind der Wegfall der Kohleindustrie, während gleichzeitig neue Siedlungen, Gewerbe sowie Landwirtschaft entsteht.
Wie macht sich dieser heiße Sommer in Ihrem Versorgungsgebiet bemerkbar?
In heißen und trockenen Phasen beobachten wir deutlich erhöhte Verbrauchsspitzen, insbesondere am Abend zum Beispiel durch Gartenbewässerung, Poolbefüllungen und Duschen.
Gelsenwasser gewinnt das Trinkwasser vorwiegend aus dem Wasserwerk Haltern. Hier sorgen die beiden Talsperren Haltern und Hullern für die notwendigen Kapazitäten. Die Wasserwerke an der Ruhr, die über den Fluss aus den acht Talsperren des Ruhrverbands im Sauerland gespeist werden, versorgen die südlichen Bereiche unseres Versorgungsgebiets. Damit ist Gelsenwasser nachhaltig aufgestellt, um auch in trockenen Sommern jederzeit genug Trinkwasser für die Region zur Verfügung zu stellen.
Dieses Verbundsystem von Wasserwerken und leistungsfähigen Leitungen hat Gelsenwasser in Hochzeiten der Kohle- und Stahlindustrie, die im 20. Jahrhundert sehr viel Wasser benötigten, aufgebaut und seitdem kontinuierlich weiterentwickelt. Diese Industrien sind inzwischen im Ruhrgebiet weitgehend weggefallen, die Kapazitäten jedoch sind überwiegend geblieben. Deshalb stellt sich die Situation in den von uns versorgten Regionen entspannter dar als in einigen anderen Teilen Deutschlands.
Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um die Versorgung noch resilienter zu machen?
Wir ertüchtigen unser Trinkwassernetz, indem wir die Verbundsysteme vor allem im Münsterland und Richtung Ostwestfalen weiter ausbauen, um in Spitzenzeiten überall genügend Trinkwasser liefern zu können. Auch im Ruhrgebiet investieren wir in eine bessere Vernetzung der Wasserwerke. So ist in Recklinghausen ein neuer Hochbehälter geplant, der vom Wasserwerk Haltern, aber auch von den Wasserwerken an der Ruhr gespeist werden kann. Durch den Bau zusätzlicher Druckerhöhungsanlagen schaffen wir weitere Redundanzen und erhöhen die Versorgungssicherheit in unseren Versorgungsgebieten.
Jährlich investieren wir rund 30 bis 35 Millionen Euro in den Ausbau, die Erneuerung sowie in Druckerhöhungsanlagen, zum Beispiel in Recklinghausen, Castrop-Rauxel und Dortmund. Durch Vernetzung der Wasserwerke, gezielte Schieberstellungen, zusätzliche Einspeisungen und operative Anpassungen sorgen wir 24/7 für Netzstabilität bei hoher Nachfrage.
Von welcher weiteren Entwicklung gehen Sie in den nächsten zehn Jahren aus?
Grundsätzlich: Aufwendige und zu lange Genehmigungsverfahren im Infrastrukturausbau, zum Beispiel bei der Planung von Wassertransportleitungen. Weniger Niederschläge und steigende Temperaturen belasten grundsätzlich das Wasserdargebot und steigern die Verbrauchsspitzen. Erwartet werden anhaltend heiße Sommer mit periodischer Wasserknappheit.
Was wirtschaftliche sowie demografische Veränderungen betrifft, werden neue Siedlungen, Gewerbe sowie Landwirtschaftsbedarfe in einigen Regionen zu ständig steigendem Wasserbedarf führen. In anderen Regionen wie dem Ruhrgebiet ist der Bedarf hingegen durch den Wegfall von Industrie teilweise rückläufig.
Als Teil der kritischen Infrastruktur müssen Wasserwerke Cyberrisiken managen. Auch hier stellt sich Gelsenwasser mit modernen Systemlösungen immer besser auf. Der Einsatz von KI, Netzautomatisierung, verbesserter Cyberabwehr und Echtzeitüberwachung sorgen für Sicherheit.
Können Sie die nötigen Investitionen finanzieren? Oder braucht die Wasserwirtschaft mehr finanzielle Unterstützung?
Gelsenwasser investiert konstant 30 bis 35 Millionen Euro pro Jahr in den Ausbau und Erhalt des Versorgungsnetzes – darüber hinaus 200 Millionen Euro in die Modernisierung der Wasserwerke, insbesondere an der Ruhr. Diese umfangreichen Investitionsbedarfe können wir aus eigener Kraft stemmen. Für zusätzliche Investitionsmaßnahmen zur Klimaanpassung wäre zumindest eine staatliche Teilförderung sinnvoll und regulatorische Unterstützung hilfreich.
Ihr Fazit?
Gelsenwasser reagiert aktiv auf die sich ändernden Rahmenbedingungen, die auf das Wasserversorgungssystem einwirken – sei es der Wasserbedarf, zum Beispiel infolge demografischer, wirtschaftlicher oder klimabedingter Veränderungen, oder im Wasserdargebot, zum Beispiel sinkende Grundwasserpegel – mit technischen und strategischen Maßnahmen.
Wir investieren kontinuierlich in ein versorgungssicheres, zukunftsorientiertes und redundantes Wasserversorgungssystem. Die Herausforderungen durch Klimawandel, wirtschaftliche und demografische Veränderungen werden wir weiter gemeinsam mit Partnern angehen, um die Versorgung dauerhaft sicherzustellen.
Das Interview führte Elwine Happ-Frank.
Das Interview ist Auftakt einer vierteiligen Serie zur Resilienz der Wasserversorgung.
Teil 2Stadtwerke Lemgo kämpfen mit Verbrauchsspitzen
Teil 3 Harzwasserwerke trotzen Jahrhundertwasser und Extremdürre
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