Gas

Putin und Preisspitzen: Was der Gasspeicher-Füllstand im Ernstfall bedeutet

Der aktuelle Füllstand ist deutlich niedriger als in den drei Vorjahren. Während Deutschlands größter Gasspeicherbetreiber warnt, lockt mancher Gasvertrieb mit kräftigen Rabatten.
17.10.2025

Den prozentual niedrigsten Füllstand weist der bayerische Gasspeicher Wolfersberg auf.

Von Lucas Maier und Andreas Baumer

Es sind nur kleine Mengen, die den Gasspeicherfüllstand in Deutschland in den vergangenen Tagen wieder sinken haben lassen – von 77 auf 76 Prozent. Auch die Gaspreise am liquidesten europäischen Handelspunkt, dem TTF, sind seitdem nur leicht nach oben gegangen: von 32 auf 33 Euro pro Megawattstunde (MWh).

Und doch stärken die jüngsten Marktentwicklungen Stimmen, die vor allzu viel Gelassenheit warnen. Deutschlands größter Gasspeicherbetreiber Uniper ließ ausrechnen, welche Preisspitzen bei einem strengen Winter möglich sein könnten. Ergebnis: Es könnten ähnlich hohe Ausschläge drohen wie im Krisenwinter 2021/2022.

Das nahm Michael Kellner, energiepolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, zum Anlass, um das Thema auf die Bundestagsbühne zu heben. "Die Gasspeicher in Deutschland sind im Vergleich zu vergangenen Wintern historisch schlecht gefüllt", sagte er und nahm sogleich die schwarz-rote Bundesregierung in die Pflicht. "Handeln Sie da, kümmern Sie sich darum, dass die Gasspeicher voll sind. Ansonsten fahren Sie es an die Wand."

Leere Speicher: 2021 stiegen die Preise dramatisch

Tatsächlich liegt der durchschnittliche Gasspeicherfüllstand in Deutschland derzeit nicht nur mehr als 20 Prozentpunkte unter dem Durchschnittswert der vergangenen drei Vorjahreszeitpunkte, sondern auch lediglich 4 Prozentpunkte über dem 2021-Wert. Zur Erinnerung: Im Herbst 2021 zogen ungewöhnlich leere Speicher im Eigentum der Gazprom Germania, eines Ablegers des russischen Staatskonzerns Gazprom, den Durchschnitt nach unten. Offenbar wollte Russland die größte Wirtschaftsmacht Europas im Vorfeld seines Angriffskriegs gegen die Ukraine entscheidend schwächen.

Bereits im zweiten Halbjahr 2021 stiegen die Gaspreise dramatisch, als vergleichsweise niedrige Speicherfüllstände auf kalte Tage und hohe Nachfrage trafen. Im Frühjahr darauf schritt die Bundesregierung ein, setzte verbindliche Füllstandsziele fest und legte den Rahmen dafür, die Speicherbefüllung notfalls selbst anzuordnen. Letzteres machte sie dann auch, um mehrere Speicher rechtzeitig zu füllen – allerdings zu enorm hohen Kosten.

Im vergangenen Jahr wurden die Gasspeicher etwa wegen eines kälteren Winters als in den Vorjahren und als Kompensation für weggefallene russische Gasflüsse über die Ukraineroute erneut stärker entleert. Dies nährte Spekulationen, dass der Staat ein weiteres Mal intervenieren und die Speicher auf eigene Faust befüllen würde.

Lockerung der Speicherziele

In den letzten Tagen ihrer Amtszeit entschieden sich Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) und die rot-grüne Minderheitsregierung zu einem anderen Schritt: Sie lockerten die Speicherziele. Die Speicherbefüllung solle "möglichst marktgetrieben" und "zu den geringstmöglichen gesamtgesellschaftlichen Kosten" erfolgen, hieß es. Eine Linie, an der Habecks Nachfolgerin Katherina Reiche (CDU) festhielt.

Erst jüngst verteidigte Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller das Vorgehen. "Ich bin froh, dass die Gasspeicher jetzt da sind, wo sie sind", sagte er bei der BDEW-Veranstaltung "Treffpunkt Netze". "Man wettet nicht gegen den Staat." Zugleich kündigte er eine Diskussion über andere Instrumente der verbindlichen Speicherbefüllung an. Als mögliches Vorbild gilt Frankreich, wo Speicherbetreiber eine regulierte Erlösobergrenze haben. Zusatzkosten werden über Netzentgelte an Verbraucher weitergereicht.

Nach jetzigem Stand hat ein Großteil der deutschen Speicher die Füllstandsziele für den 1. November erfüllt. Lediglich die Speicher EnBW Etzel (77 Prozent), Epe-L-RWE (75 Prozent), Breitbrunn (57 Prozent), Frankenthal (36 Prozent), Rehden (29 Prozent), Inzenham (25 Prozent) und Wolfersberg (6 Prozent) hinken hinterher.

Problem eins dabei: Gleich drei der aufgezählten Anlagen befinden sich in Süddeutschland, das ohnehin vergleichsweise wenige Gasspeicher hat und die Folgen einer Gasunterversorgung wegen seiner geografischen Lage wohl am frühesten zu spüren bekäme. Problem zwei: Einmal mehr ist der Füllstand in Deutschlands größtem Gasspeicher im niedersächsischen Rehden ungewöhnlich niedrig. Sowohl die drei süddeutschen Speicher als auch Rehden können das Novemberziel technisch nicht mehr erfüllen.

Gasnetzbetreiber mit Winter-Szenarien

Dass Deutschland und Europa im kommenden Winter in eine Gasmangellage schlittern, gilt trotzdem als eher unwahrscheinlich. Anders als im Herbst 2021 verfügt die Bundesrepublik über mehrere Flüssigerdgas-Terminals, um bei unerwarteten Pipelineausfällen Gas zu besorgen. Allerdings treiben auch die Bundesregierung mögliche feindliche Sabotageaktionen beispielsweise in der Nordsee um. Russland um Präsident Wladimir Putin könnte in den nächsten Monaten im Konflikt mit dem Westen weiter eskalieren, ist die Befürchtung.

Gerade, wenn norwegische Pipelinelieferungen nach Deutschland wegbrechen würden, würde das Europa empfindlich treffen. Norwegen ist seit 2022 der mit Abstand wichtigste Gaslieferant der Bundesrepublik. "Was das Risiko ist, ist die Infrastruktur", sagte Bernhard Kluttig, Abteilungsleiter im Wirtschaftsministerium. "Gerade, was Attacken auf Infrastruktur anbelangt, müssen wir sehr wachsam sein."

Zudem ist Russland weiterhin ein wichtiger Gaslieferant für den europäischen Markt. Über die Pipeline Turkstream werden Teile Südosteuropas versorgt, mit Flüssigerdgas unter anderem westeuropäische Länder wie Spanien und Frankreich.

Der europäische Gasnetzbetreiberverband Entsog modellierte, dass Europas Gasspeicherstände bis zum Ende eines Referenzwinters – also eines normal kalten Winters – auf 16 Prozent fallen könnten, wenn die russischen Gasflüsse über Turkstream nach Europa ausfallen würden und wenig Flüssigerdgas verfügbar wäre. Würde es besonders kalt werden, müsste demnach unter den gleichen Bedingungen die Nachfrage gekürzt werden. Der durchschnittliche Speicherstand fiele dann auf elf Prozent.

Unter Normalbedingungen könnten die Gasspeicher dagegen am Ende der Wintersaison zu mehr als 30 Prozent gefüllt sein. Wichtig: Die Entsog-Szenarien beziehen sich auf die europäischen und nicht explizit auf die deutschen Speicher. Europaweit beträgt der durchschnittliche Füllstand laut Datenplattform AGSI aktuell (16. Oktober) 83 Prozent.

Lesen Sie dazu auch: Winter-Szenarien: Wann der Gasspeicher-Füllstand auf elf Prozent fallen würde

Gasvertriebe mit Billigangeboten unterwegs

Die von Uniper in Auftrag gegebene Studie konzentriert sich dagegen vor allem auf die Folgekosten stark entleerter Gasspeicher. Demnach drohen im Extremfall Gaspreise von mehr als 150 Euro pro MWh, sollten die Gasspeicher in Nordwesteuropa vor dem Einzug des Winters nur zu drei Viertel voll sein. Das wäre fast ein Fünffaches der aktuellen Preise. Zu einem Stressszenario kommt es demnach bereits, wenn der Klimanormalwert im ersten Quartal 2026 um 2,2 Grad Celsius unterschritten wird. Das war zuletzt im Jahr 2010 der Fall.

Bei den Strompreisen, die in gewisser Abhängigkeit zu Gaspreisen stehen, könnten auf den Terminmärkten 300 Euro pro MWh überschritten werden. Zum Vergleich: Für das erste Quartal werden an der EEX zurzeit knapp 100 Euro pro MWh gehandelt. Auch hier ist noch einmal anzumerken, dass nicht Deutschland allein, sondern in diesem Fall Nordwesteuropa betrachtet wurde. Das Fazit des Uniper-Chefs Michael Lewis dazu: "Die Studienergebnisse sollten eine Warnung sein: Ohne volle Speicher ist Deutschland verwundbar."

Anders als im Herbst 2021 zeigen sich übrigens Gasvertriebe bislang von all dem recht unbeeindruckt. Die gängigen Vergleichsportale sind voll von Angeboten mit üppigen Neukundenboni – keine Spur von Abwehrpreisen und Neukundenstopps.

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