Die geplante Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) könnte die Wirtschaftlichkeit von Photovoltaik-Anlagen grundlegend verschieben. Während klassische Einspeisemodelle unter Druck geraten, rückt der Eigenverbrauch stärker in den Fokus – mit direkten Folgen für Mieterstrom und die Rolle von Stadtwerken.
"Die Wirtschaftlichkeit verschiebt sich unumgänglich in Richtung Eigenverbrauch. Wenn das Einspeisen wirtschaftlich nicht mehr trägt, rückt der Lokalverbrauch stärker ins Zentrum", sagt Frederik Pfisterer vom Stuttgarter Softwareanbieter Solarize.
Mieterstrom profitiert – aber ohne Boom
Auch Julian Schulz, Geschäftsführer vom Mieterstromspezialisten Metergrid, sieht in der Entwicklung grundsätzlich Rückenwind für Mieterstrommodelle. "In der Summe wird Mieterstrom weiter funktionieren, weil er in sich resilienter ist als reine Einspeisemodelle. Die Modelle, die nur auf Einspeisung setzen, werden deutlich stärker unter Druck kommen. Der Fokus verschiebt sich klar hin zum Verbrauch im Gebäude – und genau das stärkt Mieterstrom."
Ein Selbstläufer ist die Entwicklung jedoch nicht. Schulz betont, dass die Reform zwar in die richtige Richtung gehe, aber zu früh komme: "Das Problem ist, dass die notwendige Infrastruktur noch nicht da ist – weder bei der Direktvermarktung noch beim Smart-Meter-Rollout. Der Angriff kommt zu früh, und genau in diesem Gap entstehen dann die praktischen Probleme."
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Kleine Anlagen besonders gefährdet
Vor allem kleinere Anlagen könnten unter den neuen Rahmenbedingungen leiden. "Gerade kleine Anlagen unter 25 Kilowatt peak werden echte Probleme bekommen, weil die Direktvermarktung dort oft zu teuer ist", so Schulz. "Im Zweifel werden Projekte dann nicht umgesetzt, nicht ans Netz genommen oder nur im Eigenverbrauch betrieben."
Auch die Stadtwerke München sehen hier Risiken – insbesondere für Mieterstromprojekte im Bestand. "Kleine Mieterstromanlagen werden sich voraussichtlich ohne EEG nicht mehr rechnen", sagt ein Sprecher. "Damit würde ein großes Potenzial für die Energiewende in Städten verschenkt."
Zwar könnten kleine Dachanlagen grundsätzlich auch ohne Einspeisevergütung wirtschaftlich sein, "wenn Kunden einen hohen Eigenverbrauch haben". In der Praxis sei das aber oft begrenzt. Zudem belasten zusätzliche Kosten, etwa für die Modernisierung von Zähleranlagen, die Projekte bereits heute.
Speicher werden zum Standard
Parallel zur Verschiebung hin zum Eigenverbrauch gewinnen Speicherlösungen massiv an Bedeutung. "Speicher werden zum zentralen Enabler für Mieterstrommodelle", sagt Pfisterer von Solarize. "Flexibilitätsoptionen sind künftig kein Nice-to-have mehr, sondern das wirtschaftliche Rückgrat."
Auch der ebenfalls in Stuttgart ansässige Anbieter Metergrid beobachtet diesen Trend. "Batteriespeicher werden durch sinkende Kosten und die stärkere Fokussierung auf Eigenverbrauch immer attraktiver", so Mitgründer und Geschäftsführer Schulz. "Langfristig wird es aus meiner Sicht kaum noch Projekte ohne Speicher geben". Bereits heute liege der Anteil bei Metergrid bei rund 45 Prozent der Projekte.
Neue Rolle für Stadtwerke
Mit steigender Komplexität der Modelle verändert sich auch die Rolle der Akteure im Markt. "Eine Einspeisevergütung ist einfach und planbar – mit Direktvermarktung, Smart Metering und neuen Abrechnungsmodellen kommen zusätzliche Bausteine dazu", erklärt Schulz. Ohne spezialisierte Partner werde es künftig deutlich schwieriger, solche Projekte "wirtschaftlich und operativ sauber" umzusetzen.
Für Stadtwerke eröffnet diese Entwicklung zwar neue Chancen – aber auch Handlungsdruck. "Stadtwerke nehmen hier eine Schlüsselrolle ein", betont Pfisterer von Solarize. "Wer heute noch keine spezialisierte Abteilung für Mieterstrom- und Contracting-Lösungen aufgebaut hat, sollte das schleunigst nachholen."
Die Stadtwerke München sehen sich bereits gut aufgestellt und verweisen darauf, dass Direktvermarktung schon heute ein stabiles Geschäftsmodell sei. Künftig gehe es jedoch stärker darum, unterschiedliche Flexibilitäten zu integrieren und ganzheitliche Versorgungslösungen anzubieten.
EEG-Novelle erhöht den Druck auf die Umsetzung
Ein Blick auf die jüngste Berichterstattung der ZFK zeigt, dass sich viele der aktuellen Einschätzungen bereits im Markt widerspiegeln. So ergab eine Umfrage unter 39 kommunalen Versorgern, dass bereits 62 Prozent Mieterstrom aktiv anbieten, während weitere 28 Prozent Projekte planen oder pilotieren – zugleich bremsen Wirtschaftlichkeit und Abrechnungsaufwand vielerorts die Umsetzung.
Praxisbeispiele aus Städten wie Amberg, Karlsruhe und München zeigen zudem: Stadtwerke treiben Mieterstrom strategisch voran, kämpfen aber weiterhin mit komplexer Regulierung, hohen Anfangsinvestitionen und fehlenden Standards. Die EEG-Novelle dürfte diese Entwicklung weiter zuspitzen – sie erhöht den Druck, marktorientierte Modelle umzusetzen, macht aber gleichzeitig deutlich, dass ohne funktionierende Prozesse und Infrastruktur viele Projekte nur schwer realisierbar bleiben.






