Von Julian Korb
Der Netzbetreiber Tennet sieht zunehmende Herausforderungen für ein sicheres Stromnetz in Deutschland. "Versorgungssicherheit ist kein Selbstläufer", sagte Tim Meyerjürgens, Chef von Tennet Deutschland, der Deutschen Presse-Agentur. "Wir müssen eine Menge dafür tun."
Deutschland betreibe heute eines der sichersten Stromnetze weltweit, betonte der Energiemanager. "Wir müssen aber jetzt handeln, damit das so bleibt. Ich habe keine Befürchtung, dass morgen die Lichter ausgehen, aber wir müssen jetzt die Weichen stellen, damit wir nach 2030 das Netz immer noch vernünftig betreiben können."
Die Aussagen von Meyerjürgens kommen vor einem bald und mit Spannung erwarteten Bericht von Wirtschafts- und Energieministerin Katherina Reiche (CDU) zum Stand der Energiewende. Reiche hatte bereits deutlich gemacht, in der Energiepolitik den Fokus stärker auf Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit zu setzen.
Entscheidungen für neue Kraftwerke
Der Tennet-Chef betonte die Notwendigkeit des Baus neuer Gaskraftwerke. Wenn 2030 beziehungsweise 2038 der Kohleausstieg wirklich umgesetzt werden solle, sei für die gesicherte Leistung Ersatz im System notwendig. "Wir brauchen dringend Entscheidungen."
Neue Gaskraftwerke sollen künftig als Backups einspringen, wenn der Strombedarf durch erneuerbare Energien nicht zu decken ist – in "Dunkelflauten", wenn keine Sonne scheint und kein Wind weht. Geplant ist seit längerem eine staatliche Förderung, die Milliarden kosten dürfte. Reiche will bis Ende des Jahres erste Ausschreibungen starten.
Sieben Eingriffe ins Stromnetz am Tag
Meyerjürgens sagte, es treibe ihn um, wie die Systemsicherheit auf Dauer gewährleistet werden könne. "Das wird immer herausfordernder. Wir haben vor 20 Jahren ein- bis zweimal im Jahr korrigierend ins Stromnetz eingreifen müssen, damit wir das Ganze stabil halten. Heute haben wir allein in unserem Netzgebiet rund 2500 Eingriffe im Jahr." Das seien sieben am Tag.
"Das zeigt, wie herausfordernd es geworden ist, das Energiesystem stabil zu halten." Ausgleichsmaßnahmen gegen Engpässe im Stromnetz kosteten sehr viel Geld, was am Ende über die Netzentgelte die Verbraucher belaste. "Wir brauchen daher dringend Instrumente an der Hand, mit denen wir auch in Zukunft das Stromnetz vernünftig und sicher betreiben können."
Der Tennet-Manager sagte: "Wir transportieren große Mengen Strom, oft von Nord nach Süd, weil wir viel Erneuerbare im Norden haben und die Last im Süden. Sie können sich das Stromnetz wie eine Autobahn vorstellen: Die hat eine bestimmte Kapazität. Wenn Sie zu viele Autos drauf schicken, gibt es Stau."
Um diese "Staus" aufzulösen, würden die Netzbetreiber in die Erzeugung eingreifen. "Das heißt, wir weisen Erneuerbare im Norden an, ihre Leistung zu reduzieren und das müssen wir kompensieren, das kostet Geld", so Meyerjürgens weiter. "Aber dann fehlt diese Leistung im Süden. Und das heißt, ich muss im Süden einen Ersatz bereitstellen und muss auch diese Leistung bezahlen, damit die Versorgung zuverlässig bleibt und das System im Gleichgewicht."
Systemsicherheit unter Druck
Bei Solaranlagen seien Eingriffe nur bedingt möglich, weil viele Kleinanlagen nicht direkt ansteuerbar seien. Etwa die Hälfte der installierten Photovoltaik (PV)-Leistung, etwa 50 bis 60 Gigawatt, sei nicht regelbar. "Das übersteigt zeitweise unseren Lastbedarf. Dann kann die Systemsicherheit wirklich unter Druck geraten."
Die Bundesregierung habe Anfang des Jahres reagiert und ein Gesetz erlassen, das für Neuanlagen die Schwelle, ab der sie steuerbar sein müssen, deutlich nach unten setzt. Das sei enorm wichtig. "Wir müssen insgesamt die Systemdienlichkeit in den Vordergrund stellen", sagte Meyerjürgens. Das bedeute, dass die Leistung von PV-Anlagen zum Zwecke der Systemsicherheit gedrosselt werden könnte.
"In den Niederlanden gibt es zum Beispiel ein System, wo man Netzkunden Teile ihres Netzentgelts erlässt, wenn die Betreiber bereit sind, den Leistungsfluss ihrer Anlagen zeitweise zu verändern", so der Manager weiter. "So wird ein Incentive gesetzt, dass der Netzkunde eine Flexibilität erlaubt, die vielleicht nicht immer ideal für ihn ist, aber dafür kriegt er auch eine deutliche Belohnung aufseiten der Kosten." Solche Instrumente brauche Deutschland, um zu flexibilisieren. "Die brauchen wir bei den Speichern, die brauchen wir auf der Erzeugungsseite, aber auch auf der Lastseite."
Neuartiger Transformator in Frankfurt
Daneben setzt Tennet auf neuartige Anlagen, um das Stromnetz zu stabilisieren. So hat der Übertragungsnetzbetreiber gemeinsam mit dem kommunalen Versorger Mainova in Frankfurt kürzlich den deutschlandweit ersten Phasenschiebertransformator in Betrieb genommen. Die innovative Anlage ermöglicht es, Stromflüsse gezielt zu steuern.
Genau an der Schnittstelle zwischen Übertragungs- und Verteilnetz eingesetzt, dient der Transformator dazu, das innerstädtische Verteilnetz gezielt zu entlasten. Frankfurt steuert durch seine Nähe zu vielen Rechenzentren, sowie durch immer mehr Wärmepumpen und Elektrofahrzeuge auf eine steigende Last im Stromnetz zu. Voraussichtlich 2026 soll deshalb bereits ein zweiter Phasenschiebertransformator ans Netz gehen. (Mit Material der Deutschen-Presseagentur)



