In digitalen Zeiten erwarten Beschäftigte Gesundheitsangebote, die sie dort erreichen, wo sie gerade sind, die Vielfalt berücksichtigen und personalisierte Leistungen ermöglichen. Zudem sollen Daten ausgewertet, Trends erkannt und die Angebote flexibel an veränderte Bedürfnisse angepasst werden.
Voraussetzung dafür ist ein verantwortungsvoller Umgang mit sensiblen Gesundheitsdaten. Darüber sprach Marcus Schnorz von ias, einem Anbieter für Gesundheitsmanagement, Arbeitssicherheit und betriebliche Prävention, in einem Webinar des VKU-Personalnetzwerks.

und Nachhaltigkeit der ias-Gruppe.Bild: © IAS
Herr Schnorz, die Krankenkassen führen die digitale Patientenakte ein. Hat das auch Auswirkungen auf Unternehmen?
Ja, wir bieten arbeitsmedizinische und psychologische Leistungen für Betriebe, verknüpft mit einer digitalen Plattform an. Sollten wir künftig Zugang zur digitalen Gesundheitsakte erhalten, sehen wir zwei große Chancen:
Erstens ließen sich Doppeluntersuchungen reduzieren – etwa, wenn Hausarzt und Betriebsarzt denselben medizinischen Anlass nur einmal untersuchen. Das würde die Effizienz im Gesundheitssystem steigern. Zweitens könnten wir vor allem junge Menschen frühzeitig präventiv erreichen, zum Beispiel über betriebliche Vorsorgeuntersuchungen. Diese Zielgruppe sucht ärztliche Hilfe oft erst, wenn bereits ernsthafte Beschwerden vorliegen.
Für die Beschäftigten ergibt sich im Idealfall eine ganzheitliche Betrachtung ihres Gesundheitszustands. Allerdings warten wir hier noch auf belastbare Daten aus Pilotprojekten. Empirische Ergebnisse könnten künftig eine noch engere Zusammenarbeit ermöglichen.
Ist der Datenschutz dabei gewährleistet?
Das ist für uns ein zentraler Aspekt. Die Nutzung und der Betrieb unserer Plattform "meinias" muss datenschutzrechtlich absolut sauber organisiert sein und das ist er auch. Der Schutz von Gesundheitsdaten hat im betrieblichen Gesundheitsmanagement und Arbeitsschutz höchste Priorität – natürlich auch im Zusammenspiel mit der digitalen Patientenakte.
Wie wird die digitale Plattform von kommunalen Unternehmen genutzt?
Das Interesse ist groß: Über 80 Prozent der von uns betreuten kommunalen Unternehmen haben die Plattform als festen Bestandteil ihres Leistungsangebots integriert – derzeit sind es rund 90 Unternehmen. Die Nutzung fällt jedoch sehr unterschiedlich aus. Tatsächlich bietet diese noch einiges an Potenzial. Bemerkenswert ist, dass die zehn aktivsten Unternehmen mehr als 60 Prozent der Gesamtnutzung im vergangenen Jahr ausmachen.
Fazit: Die Plattform bietet großes Potenzial, das vielerorts noch nicht voll ausgeschöpft wird.
Welche Rolle spielte die Corona-Pandemie bei der Einführung digitaler Gesundheitsplattformen?
Die Pandemie war zugleich Auslöser und Beschleuniger. Wir mussten rasch Lösungen entwickeln, um unsere Kunden auch in dieser besonderen Situation verlässlich zu begleiten. Eine digitale Plattform erwies sich dafür als ideal – modular, flexibel und stetig erweiterbar.
Sie ermöglicht es, Menschen jederzeit, an jedem Ort und mit jedem Endgerät zu erreichen – ob Smartphone, Rechner oder Tablet. Alles, was es braucht, ist eine freigeschaltete E-Mail-Adresse und ein Passwort. So bleibt der Zugang auch unterwegs oder im Homeoffice einfach und unkompliziert.
Welche besonderen Anforderungen stellt das Homeoffice an das betriebliche Gesundheitsmanagement?
Für Mitarbeitende bedeutet es, im häuslichen Umfeld geeignete Arbeitsbedingungen zu schaffen – etwa durch klare "räumliche" Trennung von Beruf und Privatleben, einen ergonomischen Arbeitsplatz und Selbstorganisation, um Überlastung zu vermeiden.
Führungskräfte wiederum stehen vor der Herausforderung, Teams auf Distanz zu führen, Zusammenhalt zu fördern und Motivation aufrechtzuerhalten. Digitale und flexible Lösungen können hier eine wichtige Brücke schlagen.
Welche konkreten Angebote finden sich auf der Plattform?
Unsere Plattform umfasst vier zentrale Themenfelder:
- Arbeitsschutz – als unsere Kernleistung gemeinsam mit den Kunden,
- Gesundheitsjournal – mit Informationen zu Ergonomie, körperlicher und mentaler Gesundheit sowie Selbstfürsorge,
- Campus – für Fort- und Weiterbildungen rund um Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie
- Meine Gesundheit – mit digitalen Selbstchecks, Online-Zugang zum Hautarzt und einer Fitnesswelt (teilweise optionale Pakete).
Bewegen sich die Nutzerinnen und Nutzer auf der Plattform denn anonym?
Der Zugang zur Plattform erfolgt personalisiert. Die Nutzung einzelner Funktionen – etwa der Selbstchecks oder individueller Recherchen zu Gesundheitsthemen – bleibt jedoch für Dritte anonymisiert.
Das heißt: Der Arbeitgeber erhält keinerlei personenbezogene Daten über die Nutzung.
Kann ein anonymer Gesundheitscheck tatsächlich bewirken, dass sich mehr Beschäftigte ernsthaft und präventiv mit ihrer Gesundheit auseinandersetzen?
Davon gehen wir aus. Unser Ziel ist es, einen einfachen Zugang zu bieten – als "Standortbestimmung" des eigenen Gesundheitszustands, mit personalisierten Empfehlungen. Das Ergebnis bleibt ausschließlich bei den Beschäftigten, die selbst entscheiden, ob und welche weiteren Schritte sie daraus ableiten möchten.
Sind auch digitale Gesundheitsgespräche möglich – etwa bei der Wiedereingliederung – oder leidet dabei die Vertraulichkeit?
Für vertrauliche Gespräche setzen wir auf eine zertifizierte Videoplattform, die höchste Datenschutzstandards erfüllt und solche Gespräche professionell ermöglicht. Natürlich sollten diese Gespräche nicht im Großraumbüro, sondern in einem geschützten Raum geführt werden.
Psychische Erkrankungen nehmen im Gesundheitsmanagement eine immer größere Rolle ein – sehen Sie das auch so?
Leider ja. Die aktuellen Auswertungen der Krankenkassen – zum Beispiel der Techniker Krankenkasse – zeigen: Psychische Erkrankungen stehen mittlerweile an der Spitze der verursachten Krankheitsdauer, und das seit Jahren mit steigender Tendenz. Besorgniserregend ist, dass auch junge Menschen zunehmend betroffen sind.
Das unterstreicht, wie wichtig präventive Maßnahmen im Betrieb sind – etwa durch regelmäßige Gefährdungsbeurteilungen psychischer Belastungen oder durch ein passgenaues Employee Assistance Program (EAP). Gerade deshalb setzen wir auch auf digitale Angebote, die niedrigschwellig, zeitsparend und unkompliziert genutzt werden können.
Das Interview führte Boris Schlizio.
Teil 1 der Serie: Was die Wiener Stadtwerke bei psychischer Belastung anders machen.
Teil 2 der Serie: Kann der Hitzesommer kommen?
Teil 3 der Serie: Wenn der Arbeitgeber die private Gesundheitsvorsorge bezahlt.




