Von Hanna Bolte
Die Diskussion über steigende Fehlzeiten am Arbeitsplatz in Deutschland hat an Intensität gewonnen. Laut dem BKK-Gesundheitsreport 2024 lagen die krankheitsbedingten Fehlzeiten im Jahr 2023 bei rund 22,4 Tagen pro Beschäftigtem und schließen damit nahtlos an die Ergebnisse des Vorjahres an.
Als Hauptursache für den überdurchschnittlich hohen Krankenstand nennt der Bericht vor allem Atemwegserkrankungen, die durch parallele Infektionswellen mit verschiedenen viralen Erregern verursacht werden. Auch Muskel- und Skeletterkrankungen sowie psychische Leiden spielen eine immer größere Rolle.
Karenztage zur Regulierung?
Zunehmend werden aber auch Stimmen laut, die das Problem der steigenden Fehlzeiten nicht in der Zunahme von Krankheiten, sondern in der Einstellung der Arbeitnehmer sehen. So schlug Oliver Bäte, CEO der Allianz SE, vor, die Lohnfortzahlung ohne ärztliches Attest für den ersten Krankheitstag abzuschaffen und bezeichnete Deutschland "Weltmeister bei den Krankmeldungen."
Eine mögliche Wiedereinführung dieses Vorgehens, dem sogenannten Karenztag stellt nach Aussage von Nicolas Ziebarth, Leiter des Forschungsbereichs Arbeitsmärkte und Sozialversicherungen am ZEW Mannheim und Professor an der Universität Mannheim keine sinnvolle Lösung dar.
Schwerwiegende Nebeneffekte
"Die Überlegung, Karenztage wieder einzuführen, ist ein rückwärtsgewandter Vorschlag, der aus meiner Sicht überhaupt keinen Sinn macht", so Ziebarth. Das Konzept habe es in Deutschland schon einmal gegeben, sei aber in den 70er Jahren wieder abgeschafft worden.
Als Nebeneffekte einer Wiedereinführung befürchtet der ZEM-Ökonom unter anderem einen Anstieg der Langzeiterkrankungen, eine geringere Produktivität, mehr Arbeitsunfälle und höhere Infektionsraten durch Ansteckung anderer Mitarbeiter.
Neue Erfassungsmethoden
Wie könnten aber die Alternativen aussehen und liegt das Problem tatsächlich an mangelnder Motivation der Arbeitnehmer? Ziebarth verwies bei einer Debatte der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) auf das Stichwort "Datenerfassungseffekt".
Durch die Einführung der elektronischen Krankmeldung übermitteln Arztpraxen seit 2022 Krankmeldungen direkt an die Krankenkassen. Zuvor mussten die Beschäftigten diese selbst an die Krankenkassen weiterleiten - einige fielen dadurch aus der Statistik. "Unserer Meinung nach liegt hier der Hauptgrund für diesen starken Anstieg, die bessere Datenerfassung", so Ziebarth. "Die Anzeichen verdichten sich stark, dass die Fehlzeiten vor 2022 einfach deutlich untererfasst waren."
Auch der Versuch, die Zahlen mit einem massiven Missbrauch der telefonischen Krankmeldung zu erklären, werde laut dem Ökonomen durch diese Einschätzung entkräftet. "Die telefonische Krankschreibung wird oft dafür verantwortlich gemacht, dass wir diesen starken Anstieg der Zahlen sehen. Tatsächlich passt diese Überlegung aber nicht zu den vorliegenden Datenmustern."
Krankheiten vorbeugen
Letztlich stellt sich neben der Diskussion, wie es zu den gestiegenen Zahlen kommt, auch die Frage, was grundsätzlich getan werden kann, um die Krankenstände, ob sie nun deutlich gestiegen sind oder nicht, grundsätzlich einzudämmen.
Prävention ist hier das Stichwort. Um Arbeitsfähigkeit und Gesundheit dauerhaft auf einem stabilen Niveau zu halten, sind sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer gefordert, Gesundheitsangebote zu fördern und in Anspruch zu nehmen.
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