Rund 648 Terawattstunden (TWh) Gas hat Deutschland im Jahr 2025 netto importiert. Demgegenüber stehen 34 TWh aus heimischer Förderung. Damit importieren wir knapp 20-mal so viel, wie wir selbst fördern. Das soll sich in Zukunft ändern, zumindest wenn es nach Wirtschaftsministerin Katherina Reiche und Bundeskanzler Friedrich Merz (beide CDU) geht. Immer wieder hatten beide mehr heimische Förderung gefordert.
Während sich der Bundeskanzler bei einer Regierungsbefragung gegen die Einführung der umstrittenen Fördermethode Fracking aussprach, wurde diese vom Wirtschaftsministerium ausdrücklich empfohlen. "Eine Möglichkeit wäre es, die Gas-Extraktion etwa durch Fracking zu erlauben und ernsthaft
zu prüfen, um die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu reduzieren", schrieb der "Wissenschaftliche Beraterkreis Wirtschaftspolitik" des Wirtschaftsministeriums in einem Gutachten zur Eskalation im Nahen Osten. Dafür gab es scharfe Kritik aus der Opposition. Doch wieviel Gas könnte in Deutschland überhaupt gefördert werden? Ein Überblick.
Was versteht man unter Fracking?
Als Erdgas-Fracking bezeichnet man eine spezielle Fördertechnik. Unter hohem Druck werden Sand, Wasser und Chemikalien in tiefliegende Gesteinsschichten gepumpt. Das Ziel: Risse in der Gesteinsschicht erzeugen, damit das Gas entweichen kann. Durch Bohrlöcher wird das Gas anschließend an die Oberfläche geleitet. Unkonventionelle Lagerstätten machen den Einsatz von Fracking häufig unumgänglich, um das Erdgas zu fördern. Das betrifft vor allem Schiefergas und Kohleflözgas. Die Nutzung von Fracking zur Förderung aus unkonventionellen Lagerstätten ist seit 2017 in Deutschland verboten.
Bei der Förderung aus konventionellen Lagerstätten, also jenen Vorkommen, bei denen das Gas in ein Speichergestein abgewandert ist, kann Fracking ebenfalls genutzt werden. Anders als bei unkonventionellen Lagerstätten wird es hier lediglich zur Beschleunigung der Förderung genutzt. In Deutschland ist dieses Verfahren zulässig. Zum Schutz des Trinkwassers gelten jedoch auch hierfür strenge Vorschriften.
Zum Vergleich: In den USA werden rund 80 Prozent aus unkonventionellen Lagerstätten durch Fracking gefördert, wie der Bundesverband Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) schreibt. Gebohrt wird zumeist in wenig besiedelten Gebieten. In Oklahoma geht die staatliche Geologiebehörde, USGS, davon aus, dass durch Gasfracking sehr wahrscheinlich Erdbeben ausgelöst wurden. Im dichtbesiedelten Deutschland eines der Hauptargumente der Frackingkritiker.
Umweltverbände hierzulande warnen zudem vor Umweltbelastungen durch Methan, das bei Fracking entweichen kann. Außerdem bestünde Verunreinigungsgefahr für das Trinkwasser. Der hohe Wasserverbrauch der Anlagen und die Abwasserentsorgung sind weitere Kritikpunkte.
So viele Gasvorkommen gibt es in Deutschland
In der Auflistung des Bundesverbandes Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) verfügt Deutschland über etwa 321 TWh an Erdgasvorkommen, "die sicher oder wahrscheinlich förderbar sind". Als gesichert gelten 225 TWh davon.
Lesen Sie auch: Grünes Licht für Gasbohrung vor Borkum
Im Jahr 2024 wurden 42 TWh in Deutschland gefördert. Die Förderung ist seit Jahrzehnten rückläufig. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 wurden 210 TWh Erdgas in Deutschland gefördert, wie aus dem Jahresbericht des BVEG hervorgeht. Der Rückgang ist dem Verband zufolge darauf zurückzuführen, dass "nur noch selten neue Lagerstätten erschlossen" werden.
Die produktivsten Förderstätten waren 2024 Goldenstedt-Oythe, Adorf und Völkersen. Dort wurden 45, 37 und 36 TWh gefördert. Alle drei Stätten befinden sich in Niedersachsen. Mit 98,26 Prozent wird praktisch das gesamte heimische Gas in Niedersachsen gefördert.
Diesen Unterschied würde Fracking machen
Bezieht man die derzeit verbotene Fördermethode Fracking aus unkonventionellen Lagerstätten mit ein, vervielfacht sich das technisch förderbare Gasvorkommen deutlich. Laut der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) bewegen sich diese Vorkommen zwischen 3800 und 23.400 TWh Gas. Also mindestens das Zehnfache der konventionellen Erdgasvorkommen.
Die Machbarkeit der Förderung aus Schiefer- und Tongesteinen hängt von vielen Faktoren ab. Eine genauere Bewertung der förderbaren Menge sei aufgrund von fehlenden Erfahrungswerten in Deutschland schwer möglich, heißt es in dem Bericht. Es wären großangelegte Erschließungsbohrungen notwendig, um festzustellen, welche Menge tatsächlich förderbar wäre.
Innerhalb der Europäischen Union verfügen lediglich Frankreich, Spanien und Rumänien über größere Schiefergasressourcen als Deutschland. Insgesamt liegen jedoch nur sechs Prozent der weltweiten Vorkommen in Europa.
Aussicht auf Fracking in naher Zukunft?
Das Akademienprojekt "Energiesysteme der Zukunft" (ESYS) hat bereits 2023 die Machbarkeit von Fracking in Deutschland untersucht. Dabei kamen die Wissenschaftler:innen zu dem Ergebnis, dass alleine die regulären Verwaltungsverfahren (nach einer Aufhebung des Frackingverbotes) zwischen fünf und neun Jahre dauern würden. Vor dem Hintergrund, dass Deutschland sich ab dem Jahr 2045 zur Klimaneutralität verpflichtet hat, würden maximal noch 14 Jahre für die Anlagen bleiben.
Aufgrund der hohen Erschließungskosten würden sich die deutschen Anlagen in der Regel erst nach 20 bis 30 Jahren amortisieren, wie aus dem Bericht der Expertenkommission Fracking bereits im Jahr 2021 hervorging.
Niedersachsen positioniert sich gegen Fracking
Dafür müsste jedoch erst das Verbot von unkonventionellem Fracking in Deutschland fallen. "Für uns in Niedersachsen als CDU ist es weiterhin kein Thema. Wir lehnen derzeit unkonventionelles Fracking ab", sagte die umweltpolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, Verena Kämmerling dem "NDR". In Niedersachsen werden die größten Vorkommen von Schiefergas vermutet. Da neue Verfahren jedoch weitaus umweltfreundlicher seien, würde man sich der Debatte nicht verschließen. Niedersachsens rot-grüne Landesregierung sieht keinen Änderungsbedarf beim Fracking-Verbot.
Auf Bundesebene ist auch die konventionelle Gasförderung umstritten. "Auch wenn der Koalitionsvertrag die herkömmliche Erdgasförderung adressiert, ändert dies nichts an der Realität, wonach uns eine verlängerte fossile Ressourcengewinnung insgesamt schadet", sagte die energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Nina Scheer, im Gespräch mit der ZFK. Investitionen in fossile Ressourcenförderung seien angesichts verfügbarer Alternativen wider dem Gemeinwohl, jeder Euro solle in den Umstieg auf erneuerbare Energien gesteckt werden.
Verband sieht großes Potenzial in Fracking
Sepp Müller, der stellvertretende Vorsitzende der Unions-Bundestagsfraktion, stellte sich auf Anfrage hinter die jüngsten Vorstöße zum Ausbau der Gasgewinnung. Heimische Energiequellen müssten genutzt werden, um Abhängigkeiten zu verringern. Dazu würde auch die Erschließung von Gasvorkommen gehören. Zum Thema Fracking äußerte er sich nicht explizit.
Lesen Sie auch: Abschlussbericht der Fracking-Kommission zeigt kritische Bereiche
Ludwig Möhring, Hauptgeschäftsführer des BVEG, sagte auf ZFK-Anfrage: "Deutschland darf die Potenziale einer heimischen Schiefergasförderung angesichts einer zu 95 Prozent importabhängigen Gasversorgung und der langfristig wirkenden Risiken des globalen LNG-Marktes nicht länger ausblenden, sondern muss sie jetzt faktenbasiert und ergebnisoffen prüfen." Zudem würden bei heimischer Förderung weniger CO₂-Emissionen anfallen, als das bei LNG-Lieferungen der Fall sei. Stefan Dohler, Vorstandsvorsitzender beim niedersächsischen Energieversorger EWE, sprach im letzten Jahr von einer etwa 25-mal höheren Emission durch LNG.



