Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) dürfte die meisten Vorschläge ihrer Berater begrüßen.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) dürfte die meisten Vorschläge ihrer Berater begrüßen.

Bild: © Bernd von Jutrczenka/dpa

Während die Welt am Freitag unter dem Eindruck eines abgestürzten US-Tankflugzeugs und gelockerter US-Sanktionen gegen russische Gasexporte aufwachte, machte unter Berliner Hauptstadtjournalisten ein Kurzgutachten mit durchaus brisanten Empfehlungen die Runde.

Das 26-seitige Papier stammt von vier prominenten Ökonomen, darunter die Wirtschaftsweise Veronika Grimm, die das Bundeswirtschaftsministerium und seine Hausherrin Katherina Reiche (CDU) beraten. Ein Überblick:

1. Kurzfristige Preisentlastung

Die vier Berater raten von einer Schwächung des EU-Emissionshandels ab. Derzeit müssen Energiewirtschaft und Industrie den Ausstoß von Treibhausgasen mit CO2-Zertifikaten ausgleichen. In Deutschland wird zudem der Ausstoß von Treibhausgasen im Wärme- und Gebäudebereich bepreist.

Die Experten warnen zudem vor besonderen Subventionen. Für sie gebe es aktuell "keinen Grund", schreiben sie. Die Situation sei nicht vergleichbar mit dem Jahr 2022. Tatsächlich wurde Gas damals in der Spitze auf den Großhandelsmärkten für mehr als 300 Euro pro Megawattstunde (MWh) gehandelt. Aktuell müssen Gaskäufer auf dem niederländischen Handelsplatz TTF um die 50 Euro pro MWh hinlegen.

In den vergangenen Tagen hatte unter anderem EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (CDU) Europa dazu ermuntert, die Auswirkungen steigender Gas- und Strompreise zu begrenzen. Ausdrücklich warb sie für die Senkung der Stromsteuer. Die Kommission prüft zudem die Wiedereinführung eines Gaspreisdeckels.

Mehr dazu hier: Neue Debatte um Gaspreis-Deckel und Stromsteuer-Senkung

2. Gasbeschaffung

Die Wirtschaftsexperten empfehlen Deutschland, stärker auf langfristige Gaslieferverträge zu setzen. Sie schließen damit an den Koalitionsvertrag von Union und SPD an. Die Partner hatten darin festgehalten, "langfristige, diversifizierte, günstige Gaslieferverträge mit internationalen Gasanbietern" zu ermöglichen.

In der Praxis scheitern Langfristverträge häufig an europäischen und deutschen Klimazielen. "Dies ist problematisch, da solche Vereinbarungen für Investitionen in Förder- und LNG-Infrastruktur auf der Anbieterseite meist Voraussetzung sind", schreiben die Experten. "Dies kann dazu führen, dass Europa in Krisensituationen stärker auf kurzfristige Spotmärkte angewiesen ist und damit höheren Preis- und Versorgungsrisiken ausgesetzt bleibt."

Aus Sicht der Ökonomen könnten langfristige Gaslieferungen sogar einen Beitrag dazu leisten, der Industrie leistbare Transformationspfade zu ermöglichen. Die Abscheidung von Kohlenstoffdioxid könnte Unternehmen zusätzliche kosteneffiziente Optionen zur Reduktion ihres CO2-Fußabdrucks eröffnen. Inwiefern die Abscheidung und Speicherung von CO2 über bestimmte energieintensive Bereiche hinaus wirklich notwendig und wirtschaftlich ist, ist umstritten.

3. Gasspeicher

Das Problem ist schnell beschrieben. Nach einem vergleichsweise kalten Winter sind die Gasspeicher derzeit nur zu 22 Prozent voll. Zwar wurde zuletzt mehrere Tage am Stück netto eingespeichert; es sind aber in den nächsten Monaten erhebliche Gasmengen nötig, um die üppigen Gasspeicherkapazitäten in Deutschland auf Füllwerte von 80 Prozent oder mehr zu heben.

Die Befüllung der Speicher könne zu einer "signifikanten Herausforderung" werden, wenn die hohen Gaspreise länger anhielten, schreiben die Ökonomen.

Besorgniserregend ist zurzeit, dass die Sommerpreise deutlich über den Winterpreisen 2026/27 liegen. Dies macht die Zwischenspeicherung von Gas im Sommer aktuell unwirtschaftlich.

Schon vor dem Beginn des Iran-Kriegs plädierte Bundesnetzagentur-Präsident Klaus Müller für eine strategische Gasreserve nach dem Vorbild Österreichs. Heißt: Der Staat hält selbst Gasmengen vor. Die CDU-Bundestagsfraktion sprach sich dafür aus, diese Option zu prüfen.

Die Regierungsberater warnen dagegen vor einer Gasreserve. "Relativ klar ist, dass diese Art der Bewirtschaftung der Gasspeicher zwar extrem teuer werden dürfte, dem aber kaum ein volkswirtschaftlicher Nutzen gegenübersteht", schreiben sie.

Aus ihrer Sicht kann eine strategische Gasreserve nur sinnvoll umgesetzt werden, wenn dafür zusätzliche Speicherkapazitäten geschaffen werden. Ansonsten würde die staatliche Reserve weitgehend private Lagerhaltung ersetzen, ohne die insgesamt verfügbare Gasmenge im Krisenfall zu erhöhen.

Die Errichtung zusätzlicher Speicher dauere typischerweise bis zu zehn Jahre, führen die Experten aus. "Es ist jedoch sehr fraglich, ob zusätzliche Speicherkapazitäten sinnvoll sind." Deutschland besitze schon jetzt eine der größten Gasspeicherinfrastrukturen in Europas. Tatsächlich ging der Trend zuletzt in die andere Richtung. Zwei Gasspeicher sind derzeit bei der Bundesnetzagentur für die baldige Stilllegung angemeldet.

4. Gasförderung

Die Experten schlagen vor, die Gasförderung durch Fracking "ernsthaft zu prüfen", um die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu verringern. Ein geeigneter ordnungsrechtlicher Rahmen könnte dabei dazu beitragen, potenzielle ökologische Risiken zu begrenzen und klare Anforderungen an Umwelt- und Sicherheitsstandards zu definieren, schreiben sie. "Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen über strategische Autonomie, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Resilienz erscheint eine ergebnisoffene Bewertung dieser Option sinnvoll."

Wie umstritten neue Gasbohrungen in Deutschland sind, zeigt derzeit ein Förderprojekt in der Nordsee vor der Insel Borkum. Seit Monaten begegnen sich Befürworter und Gegner des Vorhabens auf der Straße und vor Gericht. Union und SPD erklärten im Koalitionsvertrag, Potenziale konventioneller Gasförderung im Inland nutzen zu wollen.

Mehr dazu: Grünes Licht für Gasbohrung vor Borkum – NGO veröffentlicht Interna

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