Der BDEW, der größte Energieverband Deutschlands, tendiert offenbar dazu, den vom Bundeswirtschaftsministerium favorisierten kombinierten Kapazitätsmarkt abzulehnen. Auch einen dezentralen Kapazitätsmarkt verwirft er.
Vielmehr will er sich für eine Form des zentralen Kapazitätsmarkts aussprechen, den er integrierten Kapazitätsmarkt nennt. Dieser könne rasch und rechtssicher umgesetzt werden, diene der Energiewende und ermögliche fairen Wettbewerb, heißt es in einem internen Papier, das der ZfK vorliegt. Noch gibt es keine öffentlich kommunizierte Festlegung des BDEW. Aus Branchenkreisen hieß es aber, dass die Positionierung schon "ziemlich gefestigt" sei. Am Freitag endet die Stellungnahmefrist der Verbände zum Strommarktdesign-Optionenpapier, in dem ein Kapazitätsmechanismus ein wesentlicher Pfeiler sein soll.
Dezentrales Modell "praktisch nicht umsetzbar"
Im vom BDEW bevorzugten, technologieoffenen Modell soll die Absicherung der Versorgungssicherheit in staatlicher Verantwortung liegen. "Der Staat setzt den politischen und rechtlichen Rahmen", heißt es in dem Papier. "Die Unternehmen investieren und stellen die erforderlichen Kapazitäten, Speicher und (Last)Flexibilitäten zur Verfügung."
Aus BDEW-Sicht ist es "praktisch nicht umsetzbar und auch systematisch nicht richtig, die staatliche Verantwortung für die Absicherung der Versorgungssicherheit an die regionalen Energieversorger, an Hunderte Bilanzkreisverantwortliche, zu verteilen". Letzteres wäre ein wesentliches Merkmal des dezentralen Marktes.
BDEW: Alle Akteure sollen wettbewerblich bieten können
Auch ein kombinierter Kapazitätsmarkt , also ein Mix aus zentralen und dezentralen Elementen, wird skeptisch gesehen. Die zusätzlichen Anforderungen eines solchen Modells erzeugten eine erhebliche Steigerung der Komplexität und damit der Implementierungs- und Abwicklungsrisiken, heißt es. "Diesen Risiken für eine sichere Versorgung steht kein adäquater Mehrwert gegenüber."
Aus BDEW-Sicht müssen für die Versorgungssicherheit sowohl der Neubau steuerbarer Kraftwerkskapazitäten, die Berücksichtigung bestehender Anlagen einschließlich Kraft-Wärme-Kopplung (KWK), Flexibilitäten, Lastmanagement und Speicher ihren Beitrag leisten können. Es wird betont, dass alle Akteure, ob Stadtwerke, regionale oder überregionale Energieversorger, in offenen Verfahren mit ihren Angeboten wettbewerblich bieten können. Dies müsse über die konkrete Ausgestaltung zentraler, wettbewerblicher Ausschreibungen geschehen.
BDEW positioniert sich wohl anders als VKU
Laut Papier soll eine differenzierte Marktsegmentierung mit unterschiedlichen Vertragslaufzeiten und gegebenenfalls Preisobergrenzen eine Rolle spielen, damit die unterschiedlichen Finanzierungshorizonte und Einsatzcharakteristika abgebildet würden. "Dies ermöglicht unterschiedliche Teillösungen wie Kraftwerksneubau, Umrüstung, KWK, Flexibilitäten und Speicher." Denn der Neubau eines Kraftwerks sei anders zu bewerten als Retrofit von Bestandsanlagen oder Kraft-Wärme-Kopplung, kluge, innovative Lösungen und Speicher, heißt es.
Mit einer Unterstützung eines zentralen Kapazitätsmarkts würde sich der BDEW anders positionieren als der Stadtwerkeverband VKU, der einen kombinierten Kapazitätsmarkt befürwortet. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer sowie die Energiebörse EEX wollen sogar lediglich eine abgespeckte Version des dezentralen Kapazitätsmarkts, der als "Strommarkt-plus" firmiert.
Spahn unterstützt VKU-Position
Beim VKU-Stadtwerkekongress ließ CDU-Bundestagsfraktionsvize Jens Spahn in einem Impulsvortrag durchblicken, dass er eher die Position des Stadtwerkeverbands unterstützt. Für ihn seien die Punkte "Netzdienlichkeit" und "Flexibilitäten groß wie klein" wichtig. "Da haben Sie uns an Ihrer Seite, egal was der andere Verband sagt." Unklar blieb, inwiefern Spahn das BDEW-Papier kannte, das – wie skizziert – ausdrücklich auch für kleine Einheiten und Akteure offen sein soll.
BDEW mit Mitgliedern unterschiedlichster Couleur
Im BDEW sammeln sich Mitgliedsunternehmen unterschiedlichster Couleur. Neben den großen Stromerzeugern RWE, EnBW, Leag und Uniper, die sich allesamt für einen zentralen Kapazitätsmarkt stark gemacht haben, spielen auch die vier Übertragungsnetzbetreiber eine große Rolle. Auch sie befürworten im Grundsatz einen zentralen Kapazitätsmarkt.
Dazu kommen etliche Stadtwerke bis hin zum deutschen Ableger des britischen Konzerns Octopus Energy, der am liebsten ein stark dezentales Modell einführen würde.
Klarer Trend zu zentralen Kapazitätsmärkten im Ausland
Im Ausland gab es in den vergangenen Jahren einen klaren Trend hin zu zentralen Kapazitätsmärkten. Neben Großbritannien und Belgien setzen beispielsweise auch Italien und Polen auf dieses Modell. Frankreich fügte seinem dezentralen Kapazitätsmarkt später zentrale Elemente hinzu.
Ein kombinierter Kapazitätsmarkt, wie ihn das Bundeswirtschaftsministerium vorschlägt, gilt als Novum. Geplant ist demnach, zuerst mit zentralen Ausschreibungen zu beginnen. Zu einem späteren Zeitpunkt soll dann ein dezentraler Handel von Kapazitätszertifikaten starten. (aba)
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