Der Grünenpolitiker Oliver Krischer vermutet, dass Russlands Gaskonzern Gazprom aus politischen Motiven derzeit nicht mehr Gas nach Europa liefert.

Der Grünenpolitiker Oliver Krischer vermutet, dass Russlands Gaskonzern Gazprom aus politischen Motiven derzeit nicht mehr Gas nach Europa liefert.

Bild: © Don Fontjin/Unsplash

Die Optik ist keine gute. Im Dezember hat Österreich sage und schreibe 98 Prozent seines Gases aus Russland importiert. In absoluten Zahlen bleibt die Alpenrepublik damit weiterhin klar hinter den eingeführten russischen Gasmengen der Vorkriegszeit zurück.

Im Vergleich zu den Vormonaten war es aber auch in absoluten Werten ein Rekord. Noch mehr russisches Gas wurde zuletzt im Juni 2022 in die Alpenrepublik importiert. Damals floss auch noch über die Ostseepipeline Nord Stream 1 üppig Gas nach Europa. Die Zahlen stammen von einer eigens eingerichteten Informationsseite der österreichischen Bundesregierung.

Gazprom-Vertrag bis 2040

Politisch haben die neuen Zahlen hohe Wellen geschlagen. Zerknirscht gab Energieministerin Leonore Gewessler zu, dass die Diversifizierung der Gasquellen "deutlich zu langsam" voranschreite.

Sie beauftragte ein Wirtschaftsinstitut, bis zum Sommer die volkswirtschaftlichen Auswirkungen einer Kündigung des Langfristvertrags des teilstaatlichen Energieriesen OMV mit dem russischen Pendant Gazprom zu prüfen und auch die Gefahren eines Beibehaltens russischer Gasimporte zu untersuchen. Der Kontrakt wurde 2018 unterzeichnet und läuft bis ins Jahr 2040.

Konter aus Wien

Zudem kündigte die Grünen-Politikerin an, energische Unternehmen gesetzlich dazu verpflichten zu wollen, ihre Gasimporte zu diversifizieren. Prompt folgte ein Konter aus dem Wiener Rathaus, wo die sozialdemokratische SPÖ und die liberalen Neos regieren.

Grundsätzlich sei das Ziel richtig, vom russischen Gas wegzukommen, gab Stadtrat Peter Hanke von der SPÖ zu bedenken. "Man muss nur eines bedenken: Das Wichtigste, und das haben wir in den letzten zwei Jahren gelernt, ist, die Versorgungssicherheit zu gewährleisten", sagte er dem Sender ORF.  Ein sofortiger Ausstieg aus Verträgen mit Russland wäre aber extrem teuer, erklärte er.

Zwei Ausstiegsszenarien

Anderer Ansicht ist Gerhard Roiss, der von 2011 bis 2015 Generaldirektor der OMV war. Er glaube nicht, dass ein frühzeitiges Vertragsende die Österreicher viel koste, sagte er in der ORF-Debattensendung "Im Zentrum". Im Gegenteil: "Wenn wir nicht aussteigen, dann kostet das der OMV zig Milliarden bis 2040, weil wir das Gas bis dahin gar nicht mehr brauchen."

Roiss zeigte zwei Wege auf, wie die OMV ohne größeren Schaden aussteigen könne. Erstens ende die Durchleitung russischen Gases durch die Ukraine Ende dieses Jahres, erörterte er. Vertraglich sei festgehalten, dass Russland jedoch per Pipeline das Gas an die Erdgasdrehscheibe Baumgarten liefere. Das sei dann über diese Route nicht mehr möglich.

"Das ist das billigste Ausstiegsszenario"

"Wenn die Ukraine [das russische Gas] nicht durchleiten lässt, können die Russen nicht mehr liefern", sagte er. "Das ist das billigste Ausstiegsszenario." Voraussetzung dafür sei jedoch, dass Österreich seine Gasquellen bis dahin diversifiziert habe.

Zweitens werde auf EU-Ebene gerade eine Gesetzgebung erarbeitet, wonach jedes Land selbst bestimmen könne, Lieferungen aus Russland bis auf Null zu reduzieren. In diesem Falle könne wieder die Bundesregierung entscheiden, Erdgasimporte aus Russland in beispielsweise drei Raten auslaufen zu lassen. Auch hier müssen aber ein Datum genannt und entsprechende Maßnahmen gesetzt werden.

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OMV bezieht Gas auch aus Norwegen

Tatsächlich hatte die OMV erst im September 2023 verkündet, einen Gasliefervertrag mit dem norwegischen Gasexporteur Equinor unterzeichnet zu haben. Der Kontrakt begann im Oktober und läuft fünf Jahre. Vereinbart wurde eine jährliche Liefermenge von zwölf Terawattstunden (TWh). (Die ZfK berichtete.)

Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr wurden in der Alpenrepublik insgesamt nach Angaben der Regulierungsbehörde E-Control rund 76 TWh verbraucht.

"Preise wie vor dem Krieg"

Ex-OMV-Chef Roiss wagte zum Schluss der Diskussionsrunde auch noch eine Preisdiskussion. Zum Hintergrund: Am Dienstag wurde die Megawattstunde Erdgas im Day-Ahead am deutschen Handelspunkt THE 2023 für rund 24 Euro gehandelt. Am österreichischen Handelsplatz war sie rund einen Euro teurer.

Mit Blick auf die weiterhin vergleichsweise vollen Speicher und das üppige Gasangebot auf den europäischen Märkten sagte Roiss: "Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir in einem halben Jahr Preise haben werden, die in etwa dort sind, wo wir sie vor dem Krieg hatten."

"Ihr Wort in der Konsumentinnen Ohr"

Gemeint wären wohl Großhandelspreise von 16 bis 20 Euro pro MWh, die vor Beginn der Corona- und Energiekrise üblich waren.

"Ihr Wort in der Konsumentinnen Ohr", erwiderte ORF-Moderatorin Claudia Reiterer. (aba)

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