Die kommunalen Unternehmen brauchen Geld. Ein Mann, der weder in einer Bank noch in einem Ministerium sitzt, wird dabei für sie wichtig, weil er das Ohr des Kanzlers hat: Martin Blessing ist der Persönliche Beauftragte des Bundeskanzlers für Investitionen und steht im engen Austausch mit der Bundesregierung, auch wenn es um den Deutschland-Fonds geht, der Finanzierungsinstrumente für die Energiewende entwickelt.
Auf dem Finanzierungsgipfel von BDEW und VKU war Blessing zu Gast und wurde von anderen Rednern, darunter Wirtschaftsstaatssekretär Frank Wetzel und KfW-Vorsitzender Stefan Wintels, so häufig genannt wie kein anderer. Für Stadtwerke ist Blessing ein wichtiger Mann, was denkt der ehemalige Star-Banker also über sie?
Blessing spricht von einer sehr heterogenen Finanzierungssituation für die Stadtwerke. "Es gibt Stadtwerke, die von ihrer Kommune gut ausgestattet sind, die einen klaren Plan haben, was sie machen müssen und was sie machen wollen – und die auch einen klaren Plan haben, wie sie dafür Eigen- und Fremdkapital zusammenbringen", sagt Blessing auf einem Panel des Finanzierungsgipfels. Die einzige Frage, die man bei ihnen noch hätte, sei, dass sie Fremdkapital gerne über einen längeren Zeitraum aufnehmen würden, also zwischen zehn bis 20 Jahren statt null bis zehn Jahre. "Das ist für Banken aufgrund der Regulierung eine fast unmögliche Sache – also sollte man noch einmal darüber nachdenken, ob man da Versicherungen oder ähnliche Investoren bewegen kann, die ein anderes Laufzeitprofil mitbringen", so der Sonderbeauftragte und Ex-Commerzbank-Chef.
Das Stadtwerk hätte gemeinsam mit seiner Kommune gerne eine Quadratur des Kreises.
Martin Blessing
Problematischer werde es bei den klammen Stadtwerken. Diese werden laut Blessing die notwendige Fremdkapitalfinanzierung nie bekommen, ohne dass zusätzliches Eigenkapital in das System hineingegeben wird. Wenn weder Kommune noch Land einspringen, müsse man zu "anderen Ansätzen" kommen. "Ich glaube, die Frage ist nicht, ob man da etwas Klares konzipieren kann", so Blessing. Die Herausforderung, die er im Moment sähe, sei eine andere: "Das Stadtwerk hätte gemeinsam mit seiner Kommune gerne eine Quadratur des Kreises – eine langfristige Eigenkapital-ähnliche Finanzierung, idealerweise zu Fremdkapitalkonditionen, ohne Abgabe von Eigentumsrechten." Man werde sich jedoch überlegen müssen, an welcher Ecke man Abstriche macht.
"Es wird auch nicht gehen, dass wir für jedes der 800 Stadtwerk einen Investor finden, der sich an diesen individuellen Strukturen beteiligt", so Blessing. Man werde an Standardlösungen arbeiten müssen und einige "ins Schaufenster stellen". "Dann wird ein Teil der Stadtwerke diese nehmen und ein Teil nicht, dann wird der Wasserstand steigen und wer noch keine Alternative gefunden hat, wird vielleicht dann doch eine dieser Lösungen nehmen müssen."
Diesem Punkt stimmte auch der Staatssekretär im Finanzministerium Steffen Meyer zu: "In die Finanzierungsthematik kommt Schwung rein, wenn der Bund dort über den Deutschland-Fonds mit anschieben kann, wenn die Länder verstärkt und länger darüber nachdenken, wie sie maßgeschneiderte Lösungen entwickeln, wenn die Kommunen selber dort rangehen." Zudem sei für private Investoren Deutschland mittlerweile interessanter geworden, auch wenn die Rendite nicht so hoch ist: "Das Paradies Amerika ist mit all der Unsicherheit gar nicht mehr so paradiesisch und das ist unsere Chance."
Neue Instrumente für die kommunale Welt
Für Blessing braucht es neue Instrumente für die Finanzierung: "Also eigentlich brauchen die Stadtwerke ein Eigenkapitalinstrument, das aus ihrer Sicht idealerweise stimmrechtslos ist." Das ließe sich durchaus strukturieren: Man könne eine stille Einlage oder eine Art Gesellschafterdarlehen aufsetzen, mit einer garantierten Verzinsung, die natürlich etwas über der risikofreien Rate liegen müsste – aber eben nicht auf dem Niveau einer vollwertigen Eigenkapitalverzinsung. Und dies kriege man wiederum nur hin, indem man über Bürgschaften das Risiko dieses Eigenkapitalinstruments auf ein Niveau senkt, das für die Stadtwerke tragbar ist.
Dafür bräuchte man dann wahrscheinlich eine Risikobeteiligung der unterschiedlichen Spieler – eine Mischung aus kommunalen, Landes- und eventuell auch Bundesbürgschaften, da keine einzelne Bank alle Bürgschaften übernehmen kann. "Über diese Kombination lässt sich dann der Coupon auf der stillen Einlage auf ein Niveau bringen, das für die Kommunen und Stadtwerke tragbar ist – und damit wiederum den Hebel schaffen, um mehr normales Fremdkapital aufzunehmen, sei es über den Bankensektor oder die KfW, die ja jede Menge Instrumente hat", so Blesssing. "Eine reine Strukturierungslösung aufzusetzen und dann mit Blackrock oder KKR darüber zu reden, die dann sagen, sie brauchen irgendwie zehn Prozent Rendite – das stelle ich mir in der Breite der Kommunen schwierig vor."
Braucht es 800 Stadtwerke?
Werden sich alle Stadtwerke angesichts der Finanzierungslage halten können? Auf eine letzte Bemerkung des Sonderbeauftragten reagieren die anwesenden Stadtwerke mit einem Raunen: "Ich bin ja schon lange im Banking", sagt Blessing. "Als ich angefangen habe, gab es fast tausend Sparkassen – jetzt gibt es noch vierhundert. Es gibt achthundert Stadtwerke. Vielleicht müsste man darüber auch noch einmal nachdenken."
Martin Blessing – zur Person
Martin Blessing ist ein deutscher Manager. Der gebürtige Bremer startete in den 90er-Jahren als Berater bei McKinsey. Er war mehrere Jahre Vorstandsvorsitzender der Commerzbank, danach war er drei Jahre international in Führungsrollen bei der Schweizer Großbank UBS tätig. Im September 2025 ist er von Bundeskanzler Friedrich Merz zum Beauftragten für Investitionen in Deutschland berufen worden.






