Mit separaten Grundversorgungstarifen und Ablehnung von Neukunden in der Ersatzversorgung betreten viele Unternehmen zurzeit rechtliches Neuland.

Mit separaten Grundversorgungstarifen und Ablehnung von Neukunden in der Ersatzversorgung betreten viele Unternehmen zurzeit rechtliches Neuland.

Bild: © Ben White/Unsplash

Die Billigkonkurrenz nagt zunehmend am Bestand von Grundversorgern, wie die ZfK am Rande des BDEW-Kongresses aus mehreren Quellen erfuhr. Demnach wenden sich Kunden, die in der Energiekrise in die Grundversorgung gekommen war, nun – ermutigt von Verbraucherschützern und Vergleichsportalen – wieder vermehrt Alternativanbietern zu. Darunter befinden sich auch Unternehmen mit umstrittenem Ruf.

Besonders macht sich dies derzeit auf dem Gasmarkt bemerkbar. Auf der Plattform Check 24 belegten für das Versorgungsgebiet Berlin mit Grünwelt Energie und Immergrün zwei Marken die vorderen Plätze, die im Laufe der Energiekrise mit massiven Preiserhöhungen und kurzfristigen Kundenkündigungen aufgefallen waren.

Immergrün von Bundesnetzagentur gemaßregelt

Unter dem Label Grünwelt Energie hatten in der Vergangenheit die Anbieter Stromio und Gas.de Energie vertrieben. Beide Unternehmen stellten im Dezember 2021 inmitten massiver Preiserhöhungen ihre Lieferung ein. Mittlerweile verkauft die Schwesterfirma Grünwelt Wärmestrom unter dieser Marke Energie. (Die ZfK berichtete.)

Immergrün gehörte im Herbst 2021 zu den ersten Anbietern, die Preise und Abschläge drastisch anhoben und Kundenverträge kündigten. Im Februar 2021 schritt die Bundesnetzagentur ein und untersagte dem Anbieter wenige Monate zuvor vorgenommene Abschlagserhöhungen.

Billige Neukundentarife

Mit den Tiefpreisen auf Vergleichsportalen dürfte derzeit kaum ein Grundversorger mithalten können. Grünwelt Energie warb am Mittwochabend auf Check 24 mit 8,19 Cent pro kWh Gas plus 50 Euro Sofortbonus. Bei Immergrün waren es 8,30 Cent pro kWh.

Zum Vergleich: Laut Check 24 liegen noch immer 90 Prozent der Gastarife in der Grundversorgung über der staatlichen Gaspreisbremse von zwölf Cent pro kWh. Zu ihnen gehören die Stadtwerke Münster, die seit Februar 13 Cent pro kWh berechnen.

Beispiel Münster

Wer auf der Suchmaschine Google nach den Begriffen "Münster" und "Gas" sucht, dem werden zuerst gesponserte Links zu Verivox und Check 24 angezeigt. Danach kommen gesponserte Anzeigen von zwei Mitbewerbern. Dann folgt die entsprechende Seite der Stadtwerke Münster.

Ein Großteil der Kunden, die in der Energiekrise zu ihnen gekommen seien, sei wieder weg, sagte Sebastian Jurczyk, Geschäftsführer der Stadtwerke Münster, auf ZfK-Nachfrage. Das Problem dabei: "Für diese Kunden, die wir gern übernommen haben, haben wir schon eingekauft. Wir müssen ja garantieren, dass sie in diesem Jahr Strom und Gas bekommen. Das ist unsere Aufgabe."

"Bin böse auf Geschäftsgebaren der Billiganbieter"

Wenn diese nun aber gingen, hätten die Stadtwerke nicht nur weniger Kunden, was weh tue, sondern auch Mengen überschüssig, die man gegebenenfalls an der Börse mit Verlust verkaufen müsse. "Dieser Wechsel tut doppelt weh."

Ihn ärgere das auch moralisch, sagte Jurczyk. "Ich bin nicht böse auf den Kunden, sondern auf das Geschäftsgebaren der Billiganbieter. Denn diese haben sich in der Energiekrise verabschiedet, uns ihre Kunden vor die Tür gestellt und an der Börse Geld gemacht."

Hoffen auf Langzeitgedächtnis

Jetzt aber, da sich der Markt wieder gedreht habe, kämen sie wieder hervorgekrochen und sagten, der Wettbewerb ist wieder da. "Ich würde mir sehr wünschen, dass das Geschäftsmodell der Billiganbieter zunehmend Platz für Moral und Anstand findet", sagte Jurczyk. "Und ich hoffe, dass die Kunden ein Langzeitgedächtnis haben und noch wissen, wer damals in Krisenzeiten an ihrer Seite war und sie versorgt hat statt sich vom Staub zu machen." (aba)

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