Sehr viele der für Gasverteilnetz-Betreiber relevanten Themen seien schon im Green Paper "Transformation Gas-/Wasserstoff-Verteilernetze" adressiert und beim Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) bekannt. "Allerdings müssen wir sehr häufig feststellen, dass die Ausgestaltung von Neuregelungen im Detail Kompromisslösungen sind, die niemandem nützen", sagt Norbert Jungjohann, Geschäftsführer der Stadtwerke Husum Netz und gleichzeitig Vorsitzender des Bezieherausschusses der Norddeutschen Allianz, einer Kooperation von mehr als 35 Verteilnetzbetreibern.
Derzeit arbeite der Arbeitskreis Netztransformation des BDEW ein Eckpunktepapier zur Verzahnung der Netzentwicklungsplanung auf Ebene der Verteilnetz- und der Fernleitungsnetzbetreiber (FNB) aus. Darin werde beispielsweise vorgeschlagen, dass Netzbetreiber an der Planung in mehreren technisch-funktionalen Regionen beteiligt sind, zudem sollten FNB an der regionalen Transformationsplanung teilnehmen. Die Initiative zeige, dass eine bessere Verzahnung der Maßnahmen entscheidend für die Transformationsplanung ist, betont Jungjohann.
Letzter Teil der Interviewserie zur Transformation der Gasnetze
Der Artikel ist Teil einer kleinen Serie mit Einschätzungen von Stadtwerkeverantwortlichen zum Thema Transformation der Gasnetzinfrastruktur. Links zu den bereits erschienenen Interviews aus der Serie und anderen interessanten Beiträgen zu dem Thema finden Sie am Ende des Artikels.
Herr Jungjohann, reicht der aktuelle Regulierungsrahmen aus, damit die Stadtwerkebranche ihr bereits investiertes Geld in die Gasnetzinfrastruktur bis 2045 wieder zurückverdienen kann?
Nein, der Regulierungsrahmen reicht nicht einmal ansatzweise aus. Für den Großteil der Bestandsanlagen ist es rechtlich nicht möglich, den Rückbau zurückzuverdienen. Lediglich Neuanlagen können durch verkürzte Abschreibungsdauer regulatorisch so gestellt werden, dass wir die Investitionen zurückverdienen könnten.
Im System der Anreizregulierung der Energieversorgungsnetze (ARegV) sind keine Rückstellungen für einen potenziellen Rückbau möglich. Auch keine Sonderabschreibungen nach vorzeitiger Stilllegung. So ein Mechanismus wäre aber denkbar, etwa unter Einbezug des Regulierungskontos.
Ich plädiere für mehr Pragmatismus und weniger Regulierung. Wenn ich mir die Agenda des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) ansehe – Genehmigung von Windenergieanlagen, Schwerlasttransporten oder Medizinalcannabis – ist das meiner Meinung nach nicht die richtige Priorisierung.
"Mit einer starrren Verpflichtung zum Rückbau von verlegten Gasrohren werden nur Kosten verursacht, die keinerlei Mehrwert für die künftige Energieversorgung haben."
Was wünschen Sie sich von der Politik, damit Sie langfristig tragfähige Entscheidungen rund um die weitere Zukunft Ihrer Gasnetze treffen können?
Eine kürzere Abschreibungsdauer muss auch für Bestandsanlagen möglich sein. Es muss sichergestellt sein, dass Netzbetreiber ihre Investitionen in das Gasnetz zurückverdienen können. Hierfür kann auch ein Wechsel der kalkulatorischen Abschreibungsmethode hilfreich sein. Der regulatorische Rahmen muss dringend an die Anforderungen angepasst werden. Dabei wünsche ich mir Klarheit, Konsequenz und Verbindlichkeit.
Rückstellungen für potenziellen Rückbau müssen möglich sein. Ebenso Sonderabschreibungen nach vorzeitiger Stilllegung. Darüber hinaus müssen die Rückbauverpflichtungen für Netzbetreiber im Verhältnis zum regulatorischen Rahmen stehen. Sinnvoll wäre eine Regelung, die uns im öffentlichen Straßenraum von der Rückbauverpflichtung – bis auf Ausnahmen – befreit. Denn weder ein Passus in einem Konzessionsvertrag noch die Regelung im BGB zum "Bauen auf fremdem Grund" sind hierfür zielführend.
Beides war ursprünglich nicht für einen Ausstieg aus der Erdgasverteilung gedacht. Mit einer starren, formalen Verpflichtung zum Rückbau von verlegten Gasrohren werden nur weitere Kosten verursacht, die keinerlei Mehrwert für die künftige Energieversorgung haben.
"Sollte die Möglichkeit zur Nachnutzung mit anderen Gasen bestehen, würden wir unser Gasnetz über 2045 hinaus betreiben wollen."
Wie bewerten Sie das Potenzial für andere grüne Gase neben grünem Wasserstoff für die Transformation der Gasverteilnetze im Netzgebiet der Husum Netz?
Gerade bei uns in der Region wird viel Windkraft ausgebaut. Darüber hinaus werden viele Biogasanlagen betrieben. Für uns ist es deshalb sehr wichtig zu wissen, welche Zukunftsaussichten es für den Einsatz von synthetisch hergestellten Gasen (Wasserstoff oder Methan) oder von Biomethan zur Gebäudewärme gibt. Denn die skizzierte Transformation vom Gasnetz zu Wärmeerzeugung plus -netz macht nur dann Sinn, wenn wir keine Nachnutzung mit anderen Gasen realisieren. Sollte die Möglichkeit bestehen, würden wir unser Gasnetz weiter betreiben wollen – auch über 2045 hinaus.
Im Ergebnisbericht 2023 des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW) zum Gasnetzgebietstransformationsplan gibt es die Deutschlandkarten 2030, 2035 und 2045 auf Kreisgebietsebene. Danach wird der Kreis Nordfriesland bis 2045 zu 100 Prozent mit klimaneutralem Methan versorgt. Diese Aussage kommt von unserem vorgelagerten Netzbetreiber.
"Der künftige Regulierungsrahmen muss Handlungsspielraum bieten."
Jetzt können sich Netzbetreiber viel über die künftige Nutzung ihrer Netze unterhalten. Leider haben wir weder Einfluss auf die Erzeugung noch auf die Abnahme – geschweige denn auf die ungefähre Vorhersage, welcher Bedarf wohl in 2045 in etwa 100 Prozent der Gasversorgung entspricht.
Das ist also ein wichtiger Punkt: Manche Faktoren, die Auswirkungen auf die Notwendigkeit eines Rückbaus – oder Nicht-Rückbaus – des Gasnetzes haben, sind noch nicht geklärt. Umso wichtiger ist es, dass der Regulierungsrahmen Handlungsspielraum bietet.
"Die jetzige Regierung in gleicher Zusammensetzung wird keinen Folgeauftrag vom Wähler bekommen."
Bis wann brauchen Sie hier Klarheit? Aktuell sieht es ja so aus, dass die bestehende Bundesregierung dieses Thema in der aktuellen Legislaturperiode nicht mehr anpacken wird.
So schnell wie möglich! Wir reden über Abschreibungs- und Nutzungsdauern von 40, 50 oder 60 Jahren. Wenn es keine Klarheit gibt, können wir nur herumlavieren, verpassen Zeitpunkte zur richtigen Weichenstellung und schreiten nicht mutig voran.
Eine Verschiebung von Entscheidungen in die nächste Legislaturperiode wird nur weitere Inkonsistenzen im Verordnungsdschungel mit sich bringen. Es ist nicht zu erwarten, dass die jetzige Regierung in gleicher Zusammensetzung einen Folgeauftrag vom Wähler bekommen wird. Daraus folgt, dass sich das Umsetzungstempo für die Energiewende weiter reduzieren wird.
Wie gehen Sie generell mit dem Thema Gasnetztransformation um? Gibt es bereits eine Strategie oder erste operative Maßnahmen?
Über die Kooperation Norddeutsche Allianz haben wir eine Studie von der Kanzlei Becker Büttner Held für Husum und Uelzen zur Gasnetztransformation erarbeiten lassen. Das Ergebnis: Innerhalb eines Zeitraums von zehn Jahren muss der größte Teil des Gasnetzes stillgelegt werden, damit ein Aufbau mit einer anderen Technologie überhaupt wirtschaftlich gestaltbar ist.
Parallel zur potenziellen Stilllegung des Gasnetzes würden wir die Erzeugung und Verteilung von dekarbonisiert hergestellter Wärme als Ersatz aufbauen. Je nach Unternehmensausrichtung wurden Vermarktung, Einbau und Betrieb von Wärmepumpen empfohlen.
"Die Herausforderung wird sein, sich beim Aufbau einer neuen Wärmeversorgung nicht gegenseitig zu kannibalisieren."
Inwiefern nimmt der Druck beim Thema Gasnetztransformation jetzt durch die Kommunale Wärmeplanung zu?
Unsere Mehrheitsanteilseignerin, die Stadt Husum, weiß noch nicht, wie sie mit dem Thema Gasnetztransformation und Wärmewende umgehen soll. Die kommunale Wärmeplanung ist noch nicht abgeschlossen. Erste Präsentationen lassen darauf schließen, dass die Bearbeitungstiefe nicht ausreicht, um in unsere Überlegungen für eine Maßnahmenumsetzung in der Praxis einfließen zu können.
Aktuell plant die Stadtwerke Husum GmbH, eigene Wärmeerzeugungsanlagen zu dekarbonisieren und Arealnetze auf nicht öffentlichem Grund anzubieten und zu realisieren. Hier wird die Herausforderung sein, sich durch Aufbau einer neuen Wärmeversorgung und gleichzeitigem Stilllegen von bestehenden Gasversorgungsanlagen nicht gegenseitig zu kannibalisieren.
"Ein Riesenthema bleibt auch bei uns die Finanzierung."
Auch die Anreize oder Impulse aus dem Gebäudeenergiegesetz haben in letzter Konsequenz leider dazu geführt, dass viele Haushalte und Unternehmen gehandelt haben und sich zur Wärmeerzeugung mit Wärmepumpen ausgestattet haben. Diese Kunden fallen für einen potenziell möglichen Ausbau einer netzgeführten Wärmeversorgung weg. Eine strukturierte Transformation sieht für mich anders aus!
Ein Riesenthema ist natürlich auch bei uns die Finanzierung. Die aufgerufenen Summen sind astronomisch, in einer Zeit, in der sowohl Stadt als auch Stadtwerke immer weniger Mittel zur Verfügung haben. Daher werden alternative Finanzierungsinstrumente – mit deren Beschaffung wir keine Erfahrung haben – immer wichtiger.
Um die Zukunft und Transformation der Gasnetze und die notwendigen Rahmenbedingungen hierfür, aber auch um eine Amortisation der Kosten der Bestandsanlagen bis 2045 zu erreichen, geht es in der aktuellen Ausgabe der ZfK, die am Montag (5. August) erschienen ist. Zum Abo geht es hier.
Mehr zum Thema aus dem ZfK-Archiv:
1. Teil der Serie zur Transformation der Gasnetze:
Eggers: "Ziel ist es, Gasnetze nicht zurückzubauen, sondern stillzulegen"
(Interview mit Gabriele Eggers, Kaufm. Geschäftsführerin von Gasnetz Hamburg)
2. Teil der Serie:
Nath: "All electric gefährdet maßgeschneiderte Lösungen"
(Interview mit Christoph Nath, Geschäftsführer der Stadtwerke Bad Kreuznach)
3. Teil der Serie:
Weiß: "Gasnetzbetreiber brauchen eine klare Transformations-Perspektive"
(Interview mit Kristin Weiß, Geschäftsführerin Stadtwerke Jena Netze)
4. Teil der Serie:
Hilkenbach: "Umgang mit dem letzten Kunden im Gasnetz ist ungelöst"
(Interview mit Markus Hilkenbach, Vorsitzender der Geschäftsführung der Wuppertaler Stadtwerke)
"Ob es Stadtwerken gelingt, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, ist völlig offen"
(Interview mit Simon Müller, Chef von Agora Energiewende, zum Thema Gasnetz-Transformation)
"Entwurf zur Gasnetz-Abschreibung ist eine notwendige Anpassung an die Realität"
(Nils Hardow, Syndikusanwalt der Stadtwerkekooperation Norddeutsche Allianz über den Entwurf zur Kanu 2-Richtlinie)



