Gastbeitrag von
Michael Eckl
und
Alexander Probst,
Rödl und Partner
Vielerorts sind der Gasvertrieb und die Gasnetze noch das Brot- und Buttergeschäft von Stadtwerken. Das wird sich bis 2045 ändern, bis dann will Deutschland annähernd klimaneutral sein. Die Wärmewende und die damit einhergehende Dekarbonisierung stellen die Branche vor eine immense Transformationsherausforderung.
Stilllegungen, Umwidmungen für die Nutzung von Wasserstoff, der Aufbau einer alternativen, grünen Wärmeversorgung, der Ausbau des Wärmevertriebs und die Erschließung alternativer Geschäftsfelder – all das treibt die Branche um. Gleichzeitig gibt es viele offene rechtliche und regulatorische Fragen und Unsicherheiten, auch mit Blick auf die Finanzierung und die Wahl der Abschreibungsmodalitäten. Darüber wollen wir in einer neuen Serie mit Stadtwerke-Verantwortlichen, Fachexperten und Beratern sprechen.
Haben Sie einen interessanten Input oder drängende offene Fragen? Dann sollten wir ins Gespräch kommen. Die Serie lebt von der Praxisnähe. Wir freuen uns über Ihre Meinung oder Ihre Impulse zum Thema. Schicken Sie entsprechende Vorschläge oder Rückfragen gerne an den ZfK-Redakteur Hans-Peter Hoeren unter h-hoeren@zfk.de.
In drei separaten Teilen der Serie stehen die neuen Abschreibungsmodalitäten für Gasversorger auf Grundlage der neuen Richtlinie Kanu 2.0 im Mittelpunkt. Diese Option bildet den zentralen Hebel für die Innenfinanzierungskraft der Netzbetreiber und eröffnet entsprechende Gestaltungsspielräume. Im dritten Teil geht es vor allem darum, wie Energieversorger mit zunehmend unklaren Transformationspfaden in der Gasversorgung umgehen können. Im Rahmen unserer großen Gasnetz-Serie sind bisher bereits fünf Beiträge erschienen, davon drei über die Strategien konkreter kommunaler Unternehmen.
Zwischen politischer Warteschleife und unternehmerischem Entscheidungsdruck
Die Wärmewende ist politisch eingeläutet, über die konkrete Umsetzung sowie die Zeitschiene auf dem Weg zu höheren Erneuerbaren-Anteilen in der Wärmeversorgung wird aber weiterhin heftig diskutiert – für viele Energieversorgungsunternehmen bleibt der konkrete Pfad daher weiterhin unklar. Besonders in kleinen und mittleren Gemeinden fehlen bislang belastbare Zukunftsbilder für die künftige Wärmeversorgungsstruktur.
Das liegt nicht zuletzt am gesetzlich festgelegten Zeitplan: Kommunen unter 100.000 Einwohnern müssen ihre Wärmeplanung erst bis zum 30. Juni 2028 vorlegen. In Gemeinden unter 10.000 Einwohnern gelten darüber hinaus vereinfachte Verfahren. Entscheidungen über neue Infrastrukturen – etwa Fernwärme, Wärmepumpen-Cluster oder hybride Netze – werden in vielen Fällen nicht zeitnah getroffen werden.
Zeitliche Lücke zwischen politischer Orientierung und unternehmerischem Planungsdruck
Für viele Versorger stellt sich angesichts dieser offenen Rahmenbedingungen eine drängende Frage: Wie lassen sich heute strategische Entscheidungen über die Relevanz neuer Geschäftsfelder treffen, wenn noch nicht einmal klar ist, ob – und in welchem Umfang – die Gasversorgung künftig ersetzt werden soll? Besonders brisant: Mit der Abschreibungs-Richtlinie Kanu 2.0 steht seit 2025 ein bilanzielles Instrument bereit, das genau auf diesen Umbruch reagiert – und Energieversorgungsunternehmen ermöglicht, Gasinfrastrukturen vorzeitig degressiv oder linear verkürzt abzuschreiben.
Es entsteht eine zeitliche Lücke zwischen politischer Orientierung und unternehmerischen Planungsanforderungen. Nach unserer Einschätzung sollten – trotz der Unsicherheiten – genau in dieser Phase die möglichen Handlungsoptionen sowie die Auswirkungen auf die Ertrags-, Finanz- und Vermögenslage abgeschätzt werden, um alle möglichen Szenarien einschätzen zu können.
Gasversorgung: Stabil, bewährt – und wirtschaftlich bedeutend
In vielen kommunalen und regionalen Versorgungsunternehmen stellt die Gasversorgung eine tragende wirtschaftliche Säule dar. Sowohl im Netz als auch im Vertrieb werden regelmäßig substanzielle Ergebnisbeiträge erwirtschaftet. Gleichzeitig ist die Wärmewende im eigenen Versorgungsgebiet häufig noch nicht greifbar – nicht politisch, nicht strukturell. Auch auf Kundenseite zeigen sich aktuell kaum Anzeichen für eine spürbare Abkehr von der Gasversorgung. Dezentrale Heizsysteme wie Wärmepumpen sind zwar medial präsent, dominieren aber lediglich den Neubausektor.
In zahlreichen Gebieten stellt die Gasversorgung aktuell weiterhin die wirtschaftlich attraktivste Lösung dar – insbesondere im Bestand. Auch im Preiswettbewerb zwischen den Energieträgern zeigen sich bislang keine gravierenden Belastungseffekte: Zwar steigen die CO₂-Kosten langfristig, doch werden diese derzeit häufig noch durch rückläufige Beschaffungskosten oder den Entfall sonstiger Umlagemechanismen kompensiert. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen bleiben somit – Stand heute – zumindest mittelfristig stabil.
Viele Stadtwerke und regionale Energieversorgungsunternehmen setzen weiterhin auf die Gasversorgung – aus nachvollziehbaren Gründen. Die Netzinfrastrukturen sind etabliert, das operative Geschäft läuft stabil, die regulatorischen Mechanismen bieten planbare Erlösstrukturen. Doch diese Stabilität ist kein Selbstläufer und wird langfristig auch nicht mehr gegeben sein, die Notwendigkeit der vollständigen Dekarbonisierung der Wärmeversorgung steht außer Frage.
Kanu 2.0: Bilanzieller Hebel mit strategischer Tragweite
Kanu 2.0 eröffnet Energieversorgern die Möglichkeit, bestehende Gasinfrastrukturen degressiv bis zum Jahr 2045 abzuschreiben – und sich damit regulatorisch auf einen absehbaren Ausstieg aus der Gasversorgung vorzubereiten. Das Instrument soll helfen, den regulatorischen Rahmen mit dem geplanten Transformationspfad der Gasversorgung in Einklang zu bringen.
Doch die Anwendung von Kanu 2.0 ist keine rein technische oder buchhalterische Maßnahme. Sie greift tief in die strategische Steuerung von Netz- und Ergebnisentwicklung ein. Denn je länger ein Unternehmen mit der Umstellung wartet, desto kürzer wird der Zeitraum, über den abgeschrieben werden kann. Die langfristigen Folgen dürften steigende Netzentgelte, eine rückläufige Nachfrage aufgrund einer hohen wirtschaftlichen Attraktivität von alternativen Versorgungslösungen und eine sinkende Rentabilität respektive Refinanzierbarkeit des Netzbetriebs sein.
Bei einem zeitnahen Start in die degressive Abschreibungsmethode fehlt allerdings schon mittelfristig die Basis für einen nennenswerten Ergebnisbeitrag – und damit eine wesentliche Größe für die Unternehmensfinanzierung. Der scheinbare Vorteil, langfristige Risiken zu minimieren, der mit einer zeitnahen Anwendung von Kanu 2.0 einhergeht, kann sich dadurch in wirtschaftliche Nachteile verkehren, insbesondere wenn ein konkreter Transformationspfad noch nicht absehbar ist. Es braucht daher frühzeitig eine fundierte Prognose zur künftigen Transformationsdynamik – um nicht nur zu reagieren, sondern strategisch zu steuern.
Strategie in Unsicherheit: Vorbereitung ohne Planungssicherheit
Zahlreiche Energieversorgungsunternehmen warten derzeit auf klare kommunale Wärmepläne, um die gesetzten Leitplanken in der Unternehmensausrichtung respektive bei der Planung ihrer Investitionsentscheidungen zu berücksichtigen. Doch auch ohne belastbare Szenarien ist eine abwartende Haltung riskant.
Wer heute an der Gasversorgung festhält, braucht dennoch jetzt eine klare Transformationsstrategie. Ein strategisches Abwarten muss wohlüberlegt sein, es gilt, die potentiellen Vorteile in einem mittelfristigen Zeitraum – aus der Fortführung der Gasversorgung im Status Quo – gegen die tendenziell damit verbundenen höheren Langfristrisiken abzuwägen. Effekte aus einer weiter in der Zukunft liegenden kürzeren Transformationsphase, die das Unternehmen wahrscheinlich erheblich belasten dürften, müssen in das Kalkül einbezogen werden.
Das bedeutet: Annahmen treffen, Szenarien entwickeln, Netzentwicklung durchdenken – und insbesondere die Wirkung künftiger Kundenverluste, Preiselastizitäten und technischer Alternativen im eigenen Netzgebiet analysieren. Nur so können unternehmerische Entscheidungen heute mit ausreichender Weitsicht getroffen werden – selbst bei unvollständiger Datenlage.
Fazit: Strategische Ruhe – aber kein Stillstand
Für die Umsetzung der Wärmewende gibt es keine allgemeingültige Lösung – jedes Unternehmen wird seinen eigenen, individuellen Umsetzungspfad finden müssen. Es steht außer Frage, dass der Ausstieg aus der Gasversorgung stattfinden wird. Vielerorts ist die Fortführung der Gassparte in naher Zukunft tendenziell aber noch der richtige Weg – insbesondere aufgrund der wirtschaftlichen Relevanz für die Versorgungsunternehmen. Diese Entscheidung darf jedoch nicht mit strategischem Stillstand einhergehen.
Die Anwendung von Kanu 2.0 respektive die daraus entstehenden Chancen und Risiken müssen zwingend im Transformationsprozess des Unternehmens berücksichtigt werden. Hier finden sich die Unternehmen in einem Spannungsfeld wieder: In einem von unklaren Rahmenbedingungen geprägten Umfeld besteht dennoch Entscheidungsdruck, denn je später die Umstellung der Abschreibungsmethodik stattfindet, desto größer ist ihr Einfluss auf die Transformationsgeschwindigkeit.
Mit einer Transformationsstrategie ist also nicht zwingend die sofortige Umsetzung verbunden – die Weichen für die Zukunft müssen jedoch bereits heute gestellt werden.
Diese Teile der Gasnetz-Serie sind bisher erschienen:
Kanu 2.0 als Baustein für die Finanzierung der Wärmewende
Welche Handlungsspielräume Kanu 2.0 den Stadtwerken eröffnet
Stadtwerke Husum Netz: "Warum das Unbundling in diesem Fall kontraproduktiv ist"
ESM Selb-Marktredwitz: "Für die Gasnetz-Transformation brauchen wir kreative regionale Lösungen"



