Maik Render ist seit Januar 2021 Vorstand Markt und Technik bei der N-Ergie in Nürnberg. Zuvor war er lange Jahre Geschäftsführer der Stadtwerke Flensburg. Maik Render ist Mitglied im Vorstand des Fernwärmeverbands AGFW. Im ZfK-Interview äußert er sich auch über die geplante Transparenz-Plattform der Branche und was er sich davon erhofft.
Herr Render, der Fernwärme-Ausbau wird ein zentraler Baustein der Wärmewende sein. In dem Zusammenhang gibt es immer wieder kontroverse Diskussionen über einen Benutzungs- und Anschlusszwang, etwa in Neubauquartieren. Was ist Ihre Meinung?
Maik Render: Ich finde in diesem Zusammenhang das Thema Doppelförderung kritisch. Über die Bundesförderung für energieeffiziente Gebäude (BEG) wurden letztes Jahr ungefähr 10 Milliarden Euro für Gebäudesanierung und Wärmepumpen ausgegeben, aber nur ungefähr 0,6 Milliarden Euro für effiziente Wärmenetze.
Bei den Themen Verbraucherschutz und Bezahlbarkeit wird immer der Aspekt der Höhe der Infrastrukturinvestitionen übersehen.
Wenn ich im gleichen Straßenzug den Ausbau der Wärmenetze und der Fernwärme staatlich fördere und gleichzeitig den Einbau von Wärmepumpen, dann macht das volkswirtschaftlich keinen Sinn. Das kann auch für den Verbraucher nicht günstiger sein.
Bei den Themen Verbraucherschutz und Bezahlbarkeit wird hier immer der Aspekt der Höhe der Infrastrukturinvestitionen übersehen. Denn in der gleichen Straße werden dann Fernwärmeleitungen verlegt und das Stromnetz verstärkt. Und beide Kosten müssen letztendlich die Kunden zahlen.
Wichtig ist es auch die positiven Beispiele zu zeigen, wo es funktioniert.
Jetzt haben Sie immer noch nicht genau gesagt, ob Sie für einen Anschluss- und Benutzungszwang sind?
Ich halte nichts davon. Die Entscheidung für eine Wärmewende ist ja schon eine Grundsatzentscheidung. Wenn man die Menschen da noch in Richtung einer bestimmten Wärmequelle zwingen will, wird es noch schwieriger. Wir wollen mit dem Produkt überzeugen.
Aber wie wollen Sie denn den Kunden die Widersinnigkeit einer solchen Konstellation mit einer Doppelförderung im gleichen Straßenzug klar machen?
Wir versuchen transparent zu machen, dass Fernwärme und strombetriebene Wärmepumpen im selben Straßenzug definitiv die teurere Lösung sind, weil dafür zwei Leitungsinfrastrukturen erforderlich sind. Wichtig ist es auch positive Beispiele zu zeigen, wo es funktioniert, Dänemark zum Beispiel. Bei den Fernwärmekunden gibt es nahezu gar keine Verbraucherbeschwerden.
Wie ist denn überhaupt die rechtliche Lage? Kann der Verbraucher sich rechtlich gegen einen Anschluss- und Benutzungszwang wehren oder ist er daran rechtlich überhaupt gebunden?
Es gibt ja Städte, die über eine Satzung einen Anschluss- und Benutzungszwang für die Fernwärme definiert haben. Meines Wissens darf man aber auch in so einer Konstellation immer auch noch nicht emittierende Anlagen, wie eine Wärmepumpe, installieren lassen. Das kann man auch mit einer solchen Vorgabe nicht verhindern.
Trotzdem wäre das volkswirtschaftlich unsinnig. Wenn jemand glaubt, dass Strom langfristig günstiger ist als die Lieferung der Wärme über ein Wärmenetz, dann ist das legitim. Aber wenn daraus in einem Straßenzug eine Doppelförderung entsteht, halte ich das für falsch.
Wenn sich aber theoretisch trotzdem ganz viele für die Wärmepumpe entscheiden, auch ohne Förderung, dann müssten die Stromnetze aber dennoch ausgebaut werden und es würden zusätzliche Kosten entstehen.
Und genau das wäre volkswirtschaftlich falsch. Deswegen müssen ja jetzt auch alle Kommunen die kommunale Wärmeplanung und Transformationspläne erstellen und wir hoffen, dass die dann auch eng zwischen Stadt und Energieversorger abgestimmt werden. In Nürnberg tun wir das. Wir werden dabei genau schauen, wo welcher Ausbau Sinn macht und wo nicht.
In einem Einfamilienhausbestand ist es natürlich schwierig, flächendeckend Wärmenetze auszurollen. Entscheidend ist ja nicht der Wohnraum, sondern die bebaute Fläche. Im verdichteten Bereich mit beispielsweise Dutzenden schlecht isolierten Reihenhäusern, die 30 oder 40 Jahre alt sind, ist die Wärmepumpe weniger attraktiv als der Fernwärmeausbau. In so einem Fall können wir mit dem Produkt Fernwärme überzeugen, weil die Wärmepumpe in diesem Fall deutlich teurer ist.
Die bestehenden Preisformeln zur Berechnung der Fernwärme sind transparent.
Dennoch reißt die Diskussion über die Akzeptanz der Fernwärme nicht ab. Der Verband AGFW hat deshalb jetzt eine Initiative gestartet und will im April eine Transparenz-Plattform einführen. Was erhoffen sie sich von dieser?
Wir als Branche wollen den Vorwurf entkräften, wir seien intransparent. Die bestehenden Preisformeln zur Berechnung der Fernwärme sind transparent, das gilt für fast alle mittleren und großen Kommunen. Das war bisher schon Pflicht und wurde auch umgesetzt. Die Plattform hilft uns, das noch einmal einfach und überschaubar und gebündelt darzustellen. Über 150 Versorger machen da zum Start mit. Mehr Transparenz geht nicht.
Doch selbst wenn es transparent ist, der "Otto Normalverbraucher" kann das doch kaum nachrechnen und prüfen. Das ist doch viel zu komplex.
Wir hatten 2021 keine 200 Beschwerden im Bereich Fernwärme. Das ist auch auf die Kundenzahlen anteilig sechs Mal so wenig wie im Bereich Strom oder Gas. Der überwiegende Teil der Verbraucher will das auch gar nicht verstehen, das ist ja auch eine Realität.
Aber wieso war das Thema Transparenz im letzten Jahr zeitweilig sehr prominent in der öffentlichen Wahrnehmung?
Die Zahlen des Verbraucherschutzes sprechen dagegen, dass es viele Verbraucher umtreibt. Die Beschwerdestatistik stammt nicht von N-Ergie oder dem AGFW, sondern von den Verbraucherschützern. Wir sind seit vielen, vielen Jahren, sogar Jahrzehnten verlässlicher und fairer Partner der Kunden und das ist ja letztlich unser Ziel.
Natürlich gibt es vereinzelt schwarze Schafe – in jeder Branche.
Kritisch gesehen werden ja auch immer die monopolartigen Strukturen, die mangelnde Konkurrenz bei der Fernwärme. Da wird dann schnell gemutmaßt, derartige Strukturen würden einzelne Versorger dazu einladen, sich zu bereichern.
Natürlich gibt es vereinzelt schwarze Schafe – in jeder Branche. Beim überwiegenden Teil der Versorger handelt es sich doch um kommunale Unternehmen. Und deren Aufsichtsorgane haben doch gerade ein Interesse, dass die Fernwärmepreise in der jeweiligen Stadt fair sind.
Außerdem werden die Preise ja schon seit vielen Jahren von den Kartellämtern überprüft. Damit die Kunden eine weitere, niedrigschwellige Anlaufstelle haben, unterstützen wir als AGFW in unserer Initiative auch zusätzlich die Einrichtung einer Schiedsstelle.
Kritik gibt es ja auch immer wieder an den Preisgleitklauseln. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck erwägt deren Berechnung zu reformieren, weil er meint, da werde auch künftig noch zu viel fossile Energie in den zugrunde gelegten Indizes berücksichtigt. Müssen neue Energieträger stärker berücksichtig werden?
Das werden sie auf jeden Fall. Die aktuellen Formeln bilden fair den aktuellen Erzeugungsmix ab. Jeder, der seine Erzeugungsstruktur umbaut, muss danach auch irgendwann seine Formel wieder anpassen. In Nürnberg berücksichtigen wir etwa seit Längerem den Kohleindex nicht mehr, weil wir keine Kohle mehr verfeuern.
Andernorts spielt Kohle noch eine Rolle. Die Forderung, bereits heute kein Gas mehr abzubilden, wäre allerdings für mich noch schwer nachvollziehbar. Wenn wir jedoch kein Gas mehr einsetzen, wird das auch sowieso automatisch aus den Preisformeln entfallen.
Das Interview führten Klaus Hinkel und Hans-Peter Hoeren



