Blick auf das Heizkraftwerk an der Flensburger Förde.

Blick auf das Heizkraftwerk an der Flensburger Förde.

Bild: © Stadtwerke Flensburg

Wie zu Jahresbeginn bereits angekündigt, haben die Stadtwerke Flensburg (Schleswig-Holstein) das vergangene Geschäftsjahr mit einem enormen Gewinnschub abgeschlossen. Am Ende betrug der Überschuss 43,1 Mio. Euro – was das mit Abstand höchste Ergebnis seit mindestens 2006 bedeutet. Ältere Geschäftsjahre liegen im digitalen Archiv des Bundesanzeigers nicht vor.

Gerechnet hatten die Verantwortlichen mit diesem Rekordergebnis zu Beginn des Jahres 2022 sicherlich nicht. Vor allem wegen eines heißen zweiten Halbjahres auf den Gas- und Stromgroßhandelsmärkten war noch im Jahr 2021 der Gewinn stark geschmolzen. Mit einem Plus von 1,9 Mio. Euro kam das vollständig kommunale Unternehmen den roten Zahlen so nah wie seit neun Jahren nicht mehr.

Brennstoffwechsel von Gas auf Kohle

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und inmitten starker Unsicherheiten über die Entwicklung der Erdgaspreise hatten die Stadtwerke noch im März 2022 die Gewinnprognose für das laufende Jahr nach unten korrigiert. Von einem erneut einstelligen Millionenbetrag über Null war die Rede.

Dass es ganz anders kommen sollte, lag vor allem an zwei Entscheidungen, wie Flensburgs neuer Stadtwerkechef Dirk Thole schilderte. Erstens: Die Flensburger setzten in ihrem Heizkraftwerk verstärkt auf Kohle statt auf Gas. Das entsprach auch der von der Bundesregierung ausgerufenen Devise, wenn möglich auf Alternativen umzusteigen, um eine drohende Gasmangellage zu verhindern. Dadurch konnten die Flensburger bereits gesichertes, aber nun nicht benötigtes Gas zu guten Preisen weiterverkaufen.

Ausstieg aus bundesweitem Gasvertrieb

Und zweitens: Das Unternehmen gab den bundesweiten Gasvertrieb auf. Heißt: Verträge mit 45.000 Kunden außerhalb Schleswig-Holsteins wurden fristgerecht gekündigt. Das für diese Gruppe bereits für die Zukunft eingekaufte Gas dürfte gewinnbringend wieder verkauft worden sein. Dieser Effekt dürfte auch dieses Jahr noch spürbar sein. Planmäßig rechnet der Versorger für das laufende Geschäftsjahr sogar mit einem Gewinn im dreistelligen Millionenbereich.

Leicht dürften diese Entscheidungen den Verantwortlichen nicht gefallen sein. Schließlich mussten sie damit zwei bittere Pillen schlucken. Denn der verstärkte Einsatz von Kohle verschlechterte die CO2-Bilanz des Unternehmens. Und wenn die positiven Sondereffekte voraussichtlich von 2024 an wegfallen, könnte sich die verloren gegangene Marge aus dem über Jahre aufgebauten bundesweiten Gasvertrieb ebenfalls bemerkbar machen. Wobei Thole auf ZfK-Nachfrage relativierte: "Hohe Margen erzielt man in so einem Geschäft nicht", sagte er mit Blick auf die große Konkurrenz. "Das sind sehr geringe Margen."

"Wir schämen uns nicht"

Auch das Ausnahmeergebnis vom vergangenen Jahr ordnete der Stadtwerkechef in einen größeren Kontext ein. "Wir schämen uns nicht" für den Gewinnschub, sagte er. Denn demgegenüber sei 2021 für sein Unternehmen "ein ganz bitteres Jahr" gewesen.

"Wir sind da auf eine Eigenkapitalquote von 32 Prozent heruntergefallen. Das ist für ein Stadtwerk nicht gut, weil wir Investitionen im dreistelligen Millionenbereich vor der Brust haben." Die Stadtwerke wollen in den nächsten Jahren unter anderem einen emissionsfreien Betriebshof (Plankosten 70 Mio. Euro) bauen und den Glasfaserausbau weiter vorantreiben (30 Mio. Euro). (Hier mehr zu den Flensburger Investitionsplänen.)

Wenn man die Geschäftsergebnisse der beiden vergangenen Jahre addiere und dann durch zwei teile, würde man auf den Durchschnittswert eines normalen Jahres kommen, sagte Thole. In den Jahren 2019 und 2020 hatten die Überschüsse bei jeweils 15 Mio. und 18 Mio. Euro gelegen.

Der Stromabsatz ging im vergangenen Jahr insbesondere durch einen neu hinzugekommenen Großkunden im Gebäudebereich um 21 Prozent nach oben. Demgegenüber sanken die Erdgas- und Fernwärmeabsätze auch witterungsbedingt um acht bis zehn Prozent. (aba)

Flensburger Bilanz im Überblick:

Umsatz: 995 Mio. Euro (2021: 701 Mio. Euro)

Überschuss: 43,1 Mio. Euro (1,9 Mio. Euro)

Stromabsatz: 2,7 TWh (2,3 TWh)

Erdgasabsatz: 1,7 TWh (1,9 TWh)

Fernwärmeabsatz: 0,9 TWh (1,0 TWh)

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