In den ersten Monaten gab es "wahnsinnig viele neue Eindrücke" zu verarbeiten. Mathias Jakob hat sich mit offenen Armen empfangen gefühlt, allerdings weiß er auch, dass die Erwartungen an ihn sehr hoch sind. Vorgänger Klaus Burkhardt hat die Geschicke der Energieversorgung Selb-Marktredwitz (ESM) ein Vierteljahrhundert lang gelenkt. Die Fußstapfen dieses "gestandenen Managers" waren groß – und in manche Themen, etwa Wasser- und Abwasser, muss sich Jakob auch noch sukzessive tiefer einarbeiten.
Von Haus aus ist der 43-jährige gebürtige Oberpfälzer Energieelektroniker und Diplom-Wirtschaftsingenieur. Seine bisherigen Stationen: zuerst Eon, wo er im dezentralen Kundenlösungsgeschäft tätig war, dann ab 2012 das heutige Bayernwerk Natur. Dort war er als Key-Account-Manager tätig und an vielen Industrieprojekten beteiligt: Biomasseheizzentrale für die Prozesswärmeversorgung bei BMW in Dingolfing, Holzgas-KWK bei der niederbayerischen Brauerei Arco, Großbatteriespeicher-Projekte. Zudem baute Jakob eine eigene Marke auf. Die Bayernwerk Energiebringer GmbH vermietet mobile Heiz- und Kältezentralen, überwiegend auf regenerativen Energien basierend.
Ein neuer Geschäftsbereich
Natürlich prägen die mehr als 20 Jahre in der Energiewirtschaft auch seine Vorstellungen von dem, was er nun in Oberfranken machen und verändern will. Die ESM soll zum "innovativen Energiezukunftsgestalter" werden. Ein tiefgreifender Wandel, für den es Mitstreiter braucht. Anfangs führte Jakob daher viele Eins-zu-eins-Gespräche mit der Führungsmannschaft und langjährigen Mitarbeitern.
Er nennt sich einen "Teamplayer auf ganzer Linie" und findet es wichtig, bei wichtigen Themen immer viele unterschiedliche Meinungen einzuholen. So wie beim neuen Geschäftsbereich "Innovative Energielösungen & Erneuerbare Energien", der auf seine Initiative hin geschaffen worden ist.
Die Idee hatte eine breite Mehrheit gefunden und ließ sich schnell implementieren. In dem neuen Bereich geht es darum, kundennahe Energiedienstleistungen im Wohnungswirtschafts-, Gewerbe- und Industriekundensegment zu entwickeln – ein Zukunftsthema für Stadtwerke. So etwas Anspruchsvolles im Tagesgeschäft nebenher auf den Weg zu bringen, wie es früher der Fall war, sei bei der zunehmenden Dynamik im Markt und immer mehr Regulatorik nicht mehr möglich.
Neue Strategie
Seinen Führungsstil bezeichnet Jakob als "agil, aber auch kooperativ". Leitende Angestellte bekommen bei ihm einen Vertrauensvorschuss und viel Freiheit innerhalb ihres Bereiches. Im Gegenzug fordert er Eigenverantwortung ein.
Partizipation zählt auch zu den Grundzutaten seines Führungsverständnisses. So wie aktuell beim Projekt "ESM Next 2035", bei dem die neue strategische Ausrichtung des Unternehmens Gestalt annimmt. Führungskräfte, Aufsichtsrat und Mitarbeiter tragen Ansätze und Ideen bei, die dann von einer externen Firma geordnet, bewertet und neu justiert werden. Jakob involviert bewusst "viele im Haus, aber nicht alle" in den Prozess. Würde er die Strategie nur von oben herab verkünden, wäre sie zum Scheitern verurteilt.
Ein Freund schneller Entscheidungen
In den ersten Monaten war der neue Geschäftsführer auch viel im Versorgungsgebiet unterwegs. Er besuchte Rathäuser, Firmenzentralen und benachbarte Stadtwerke. Ein Netzwerk von Entscheidern und Partnern aufzubauen, sei in der heutigen sich schnell verändernden und von Unsicherheiten geprägten Geschäftswelt entscheidend, um auf Kurs zu bleiben.
Manchmal fühlt er sich wie "die Spinne im Netz", die viele energiewirtschaftliche Fäden zusammenführt. Er habe eine sehr direkte Art, auf Menschen zuzugehen und mag den offenen Diskurs, allerdings immer strikt an der Sache orientiert. "Man kann mit mir über vieles kontrovers diskutieren, allerdings bin ich ein Freund von schnellen, wohlüberlegten Entscheidungen. Heutzutage werden zu viele Themen totdiskutiert, ohne dass man wirklich vorankommt."
Sektorenkopplung ist ein Fokusthema
Was auf ihn wie auf jeden Stadtwerkechef zukommt, ist die Transformation vor allem der Wärmeversorgung. Da setzt Jakob voll auf Sektorenkopplung. Neue Solarparks – oder auch der bestehende Windpark Vielitz – sollen künftig in Wärmenetzanwendungen oder Anwendungen bei Industriekunden eingebunden werden.
Dafür sind Großwärmepumpen und Power-to-Heat-Anlagen geplant, die den Strom in grüne Wärme umwandeln. Speziell Power-to-Heat mache die Wärmeversorgung "smart und hybrid", so Jakob. Zusätzlich sollen Großbatteriespeicher den Ausnutzungsgrad grüner Energie ins Optimum bringen. Bei allen Vorhaben im PV-Bereich werden Batterien von Anfang an mitgedacht. Jakob will beide Welten – Strom und Wärme – bilanziell miteinander verknüpfen, um so stabile und vom volatilen Energiemarkt unabhängige Wärmepreise anbieten zu können.
Biomasse macht unabhängiger
An der Stelle kommt auch der Faktor Waldrestholz ins Spiel, in Form von Hackschnitzeln und Pellets für bestehende und künftige Biomasse-Energiezentralen. "Das Fichtelgebirge ist eine sehr holzreiche Region. Die Verfügbarkeit von Biomasse bedeutet für uns auch ein Stück Unabhängigkeit von Importen."
Gleiches gilt für die bestehenden Biogasanlagen, die aktuell aus der EEG-Förderung laufen. Landwirte planen, ihre Anlagen zu bündeln, eine Gasaufbereitungsanlage zu errichten und das Biomethan ins ESM-Erdgasnetz einzuspeisen. Jakob unterstützt sie dabei. Knackpunkt ist meist, einen geeigneten Netzanschlusspunkt in der Nähe der Biogasanlagen zu finden. Auch Abwärmepotenziale, "die bei uns nicht zu knapp vorhanden sind", spielen in Zukunft eine Rolle.
Eine erfolgreiche Wärmewende ohne Know-how im Unternehmen geht natürlich nicht – das Thema Fachkräfte ist für Jakob daher zentral. Im September haben wieder drei Azubis im Betrieb angefangen. Sein eigener Hintergrund als Energieelektroniker helfe ihm einzuschätzen, was junge Leute bewegt, die sich heute in technischen Berufen ausbilden lassen. Er versucht, auch mehr Frauen dafür zu begeistern und hofft, dass der neue Markenauftritt ab Februar 2026 die Arbeitgebermarke ESM schärft.
Marathon Transformation
Die Dekarbonisierung anpacken, Fachkräfte holen und halten – auf Jakob kommt viel zu. Manches könnte für seinen Geschmack schneller und zielgerichteter vorangehen. Ab und an muss er auch unangenehme Dinge ansprechen, "aber die Transformation von Stadtwerken gelingt ja auch nicht durch schönes Reden." Gleichzeitig muss der Geschäftsführer darauf achten, dass die Mannschaft gut auf die Veränderungen vorbereitet ist. Deswegen brauche es neben Bestimmtheit eine Prise Fingerspitzengefühl. Denn: Es werde kein kurzer Sprint werden, sondern eher ein Marathon.
----------------
Der Artikel ist Teil der ZfK-Serie "Neue Perspektiven". Darin porträtieren wir junge Führungskräfte, ihre Motivation und ihre Herausforderungen in der Daseinsvorsorge. Alle bisher erschienenen Folgen finden Sie hier.



