Die L-Gas-Erzeugung aus dem holländischen Groningenfeld, von der das nordwestdeutsche L-Gas-Versorgungsgebiet zu 60 Prozent abhängig ist, muss bekanntlich bis 2023 noch schneller zurückgehen als schon geplant: von 19,4 auf unter fünf statt wie bisher unter zwölf Milliarden Kubikmeter (cbm). So will es das holländische Wirtschaftsministerium als Kompromiss zwischen Erdbebengefahr und Versorgungssicherheit.
Die Marktraumumstellung von L- auf H-Gas muss also schneller vorangehen, als bisher bis 2029/30 geplant, dies- und jenseits der holländischen Grenze. Die Bundesnetzagentur fordert daher von den Ferngasnetzbetreibern (FNB) einen "Plan B" für eventuelle Verzögerungen bei dieser technischen Anpassung von fünf Millionen Verbrauchsgeräten auf höhere Brennwerte.
Eine der Maßnahmen, um die Situation zu entspannen, sind Beimischungsanlagen (Blending-Anlagen). In ihnen wird H-Gas, das nachhaltig im Überfluss vorhanden ist, aufbereitet und dem L-Gas zugesetzt. Das L-Gas wird quasi gestreckt. Eines dieser Vorhaben baut der Ferngasnetzbetreiber (FNB) Gastransport (GTG) Nord aus Oldenburg bereits direkt in der Nähe des Grenzübergabepunktes Oude Statenzijl/Bunde. Dies würde 0,8 Mrd. cbm oder 8,5 Mrd. kWh L-Gas pro Jahr einsparen. GTG Nord ist eine Tochter von EWE. Ihr in Ostfriesland vorgelagerter FNB, die holländische GTS, hat den Anschluss an eine neue H-Gas-Exportleitung für März 2020 zugesagt, so EWE.
Das zweite Projekt der GTG
In einem zweiten Projekt plant die GTG Nord 19 Kilometer weiter westlich in Leer-Mooräcker eine weitere Beimischungsanlage. Die Technologie dieser sogenannten Konvertierungs- oder Stickstoffanlage ist etabliert, aber unterscheidet sich vom Blending. Vielmehr wird Stickstoff erzeugt, der dann mit H-Gas vermengt wird. Daraus entsteht dann halbsynthetisches L-Gas.
Die Anlage sei "nach wie vor eine Option", teilt GTG Nord/EWE mit. Doch die Bundesnetzagentur habe den FNB gebeten, das Projekt nicht zum Netzentwicklungsplan (NEP) Gas 2018 anzumelden. GTG Nord hat nach eigener Aussage auch einen Investitionsantrag gestellt. Eine Genehmigung durch den Regulierer wäre eine Kostenanerkennung auch außerhalb des NEP Gas. Aber selbst wenn sie käme, würde GTG Nord die Sinnhaftigkeit des Vorhabens nach Aspekten der Versorgungssicherheit nochmal "prüfen", denn:
- die L-/H-Gas-Blending-Anlage wäre frühestens nach zwei Jahren Bauzeit fertig,
- die Niederlande bauten bis 2022 vorgelagert in Zuidbroek bei Groningen eine Stickstoffanlage (mit 7,0 Mrd. cbm Einsparpotenzial) und
- das von GTG Nord und nachgelagert von EWE Netz versorgte Ostfriesland werde ohnehin bis 2027 komplett auf H-Gas umgestellt sein.
Da "kann man die Frage aufwerfen, wie notwendig vor dem Hintergrund der Bau einer Anlage durch GTG noch ist", so ein Konzernsprecher weiter.
Blending ist regulatorisch durch – Importröhre umstritten
Die Bundesnetzagentur hat in ihrem Änderungsverlangen zum Netzentwicklungsplan (NEP) Gas vom Dezember die Blending-Anlage in Bunde nicht tangiert, wohl aber eine neue, 19 Kilometer lange Importleitung für H-Gas parallel zur umgebauten Einfuhrröhre für L-Gas ab Oude Statenzijl/Bunde. Sie würde H-Gas für die Stickstoffanlage in Leer liefern. Wird sie nicht genehmigt, ist die Konvertierungsstation ohnehin hinfällig. Der Regulierer zitiert die Konzernkollegen von GTG, EWE Netz, und die FNB-Kollegen von Gasunie mit ihren Zweifeln und macht sie sich zu Eigen. Jetzt müssen die FNB gemeinsam bis Ende Februar eine gemeinsame vergleichende Wirtschaftlichkeitsberechnung vorlegen. Andernfalls droht ein Zwangsgeld.
Ein "Plan B"
Alle fünf deutschen L-Gas-FNB sowie fünf große L-Gas-Verteilnetzbetreiber müssen der BNetzA bis Ende März die Verzögerungsrisiken bei der Marktraumumstellung darlegen sowie ein Paket von Gegenmaßnahmen vorschlagen, das in der Branche "Plan B" genannt wird. Das berichtete am Freitag das Infoportal Energate unter Berufung auf ein Schreiben vom 19. Dezember, das ihm vorliege. Demnach geht der Brief über die Vorgaben im Änderungsverlangen hinaus. Stickstoff in Leer-Mooräcker, das wäre ein denkbarer Bestandteil eines "Plan B", so GTG Nord/EWE. (al/geo)
Die Meldung wurde am 16. Januar 2019 nach Hinweisen von EWE/GTG auch in Kernaussagen korrigiert. (geo)



