Experten der Internationalen Energie-Agentur sind skeptisch, dass Deutschland schon in naher Zukunft große Gasmengen insbesondere über die Flüssigerdgasexporteure Kanada und Katar beziehen kann.
Katar produziere bereits am Anschlag, sagte Gasmarktexperte Jean-Baptiste Dubreuil bei einer Veranstaltung des Branchenverbands Zukunft Gas. Man könne hier nur begrenzt zusätzliche Lieferungen erwarten. Erst Mitte der 2020er-Jahre würde sich dies mit der Erweiterung des weltgrößten Gasfelds North Dome ändern. Bis dahin sei ein Großteil der Gasmengen bereits über Langfristverträge gebunden.
LNG-Alternative Kanada
Auch was Kanada betreffe, dauere es noch mehrere Jahre, bis neu erschlossene Gasfelder Zusatzmengen im großen Stil an den Markt bringen könnten führte der Experte aus. Auch hier nannte Dubreuil einen Zeithorizont von 2025. Mitunter seien für Projekte noch gar keine endgültigen Investitionsentscheidungen getroffen worden.
Ende August will Bundeskanzler Olaf Scholz nach Kanada reisen, um Gespräche über mögliche LNG-Lieferungen von dort nach Deutschland zu führen. Das Ergebnis könnte ein neuer Deal zwischen den Ländern sein, der fossile Abhängigkeiten schafft und die Klimakatastrophe weiter anheizt.
LNG-Großmacht USA
Die stark gestiegene Nachfrage nach Flüssigerdgas im Zuge des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine bedienten bislang insbesondere die USA. Dies allein würde jedoch nicht ausreichen, um schon jetzt komplett russisches Erdgas zu ersetzen, warnte Dubreuil.
Weltweit geht die Internationale Energie-Agentur von einem Rückgang des Gasverbrauchs im Vorjahresvergleich von etwa einem Prozent aus. Der Gasverbrauch in Europa dürfte demnach unter den Wert des Corona-Jahrs 2020 sinken.
Bedeutung von Gasspeichern
Um gut durch den nächsten Winter zu kommen, seien hohe Gasspeicherfüllstände entscheidend, sagte Gasmarktexperte Gergely Molnar von der Internationalen Energie-Agentur.
Doch selbst mit einem Füllstand von 90 Prozent zu Beginn der Heizperiode sei in Europa das Risiko von Versorgungsstörungen groß, wenn es zu einem kompletten russischen Lieferstopp käme, warnte er. Aktuell beträgt der aggregierte Füllstand aller europäischen Gasspeicher nach Angaben des Branchendiensts AGSI+ 76 Prozent. Deutschlands Speicher waren zuletzt im Schnitt zu 78 Prozent voll.
"Steiniger Weg" für Russland
Schlechte Nachrichten hatte Molnar allerdings auch für Russland. Dem Land prognostizierte er einen "langen und steinigen Weg" weg von Europa hin zu Asien.
Russland benötige mindestens ein Jahrzehnt, um seine Gaslieferungen nach Asien auf das Niveau der Europa-Experte im vergangenen Jahr zu heben. Selbst dann könnte Russland nicht so hohe Preise von asiatischen Kunden erwarten wie derzeit von Europa.
"Möchtegern-Projekt"
Zudem gebe es eine Reihe von Projekten, die noch gar nicht endgültig vereinbart seien, erkärte Molnar. "Die Power-of-Siberia-2-Pipeline ist beispielsweise noch immer ein Möchtegern-Projekt", sagte er. (aba)



