Für DVGW-Chef Gerald Linke steht fest: „Nicht das Rausreißen oder die Stilllegung der Gasnetze ist das Gebot der Stunde, sondern die Ertüchtigung und der Neubau.“ Ohne das Gasverteilnetz würden in Deutschland in Zukunft die Lichter ausgehen, weil der Stromsektor nicht den nötigen Input bekomme, machte Linke bei einem Online-Pressegespräch unmissverständlich klar. Anlass war die Präsentation einer Untersuchung, die im Auftrag des DVGW unter Beteiligung von Mitgliedsunternehmen aus der Gasverteilnetzwirtschaft durchgeführt wurde.
Das Ergebnis der Analyse dürfte für hitzige Debatten sorgen und den Streit „Moleküle vs. Elektronen“ weiter befeuern: Zukünftige Netznutzungskosten für Wasserstoff, so die zentrale Aussage der Analyse sind erheblich geringer als jene Gebühren für das Stromnetz, die Nutzer an die Betreiber solcher Infrastrukturen zahlen müssten.
Strom und Wasserstoff im Vergleich
Diese Einschätzung fußt auf einem modellbasierten Szenario, in dem Netze für Wasserstoff und Strom isoliert und unabhängig voneinander betrachtet wurden. Berechnet wurden der Netzausbaubedarf bis 2045 in Deutschland und pro Bundesland für Strom und Wasserstoff sowie die daraus resultierenden Transformationskosten. Die Netznutzungskosten für Wasserstoff wurden unter der Annahme errechnet, dass zwei Drittel (9,2 Mio.) der heutigen Hausanschlüsse (13,7 Mio.) für Haushalte und den Gewerbe-Handel-Dienstleistungssektor bestehen bleiben. Die Berechnung der Netznutzungskosten für Strom erfolgte gemäß Netzentwicklungsplan 2023, in dem die heutigen Hausanschlüsse nahezu vollständig elektrifiziert bzw. mit Wärmenetzen versorgt werden.
“Der Blick auf sogenannte Vorzugsregionen, die entweder Gas- oder Stromnetzausbau erfahren, lässt eine Indikation zu, wonach die Kosten für die Nutzung von Wasserstoff im Wettbewerb zu Aufwendungen für ein rein mit Strom betriebenes Versorgungsnetz deutlich geringer wären“, erläuterte Gerald Linke.
Günstige Erzeugung, teurer Ausbau
Für die Initiative H2 vor Ort sprach Andreas Schick von einem durchaus „überraschenden Ergebnis“ der Analyse. Der Wind und die Sonne würden zwar keine Rechnung schreiben. Insofern sei der (grüne) Strom in der Erzeugung günstiger als die Erzeugung von Wasserstoff. „Aber der Stromnetzausbau ist dann richtig teuer.“
Ein Blick in die Zahlen: Basierend auf dem Antragsentwurf zum H₂-Kernnetz der Fernnetzbetreiber aus dem vergangenen Jahr ergeben sich für den Aufbau des H₂-Kernnetzes bis zum Jahr 2032 Investitionskosten in Höhe von 19,8 Milliarden Euro. Darüber hinaus fallen für die Ertüchtigung der bestehenden Gasverteilnetze für den Betrieb mit Wasserstoff weitere 4 Milliarden Euro bis 2045 an. Berücksichtigt man die Kosten für die planmäßige Instandhaltung des bestehenden Erdgasverteilnetzes, welches zukünftig größtenteils für den Betrieb mit Wasserstoff verwendet werden dürfte, fallen weitere 43 Milliarden Euro bis zum Jahr 2045 an.
Netzinvestitionen für Wasserstoff
In einem angenommenen sogenannten “DVGW-Szenario 2045” würden sich Transformationskosten für Wasserstoff wie folgt darstellen: Unter Einbeziehung der Aufwendungen, bestehend aus Kapital- und Betriebskosten für das Kern- und Verteilnetz sowie Kapitalkosten für die Restwerte umgewidmeter Assets im Kern- und Verteilnetz, würden sich jährliche Vollkosten des Wasserstoffnetzes in Höhe von rund 6 bis 9 Milliarden Euro ergeben, abhängig von den Zinsen an den Kapitalmärkten. Bei der Annahme eines Referenzzinses sind jährliche Investitionen von rund 7,3 Milliarden Euro notwendig. Für die Verbraucher würde dies Gebühren für die Wasserstoffnutzung, abstrahiert von den Kundengruppen, also beispielsweise private Haushalte, Industrie bzw. Gewerbekunden, in Höhe von ca. 1,8 Cent pro Kilowattstunde (kWh) bedeuten. Mit den beschriebenen Maßnahmen steht laut DVGW eine Infrastruktur zur Verfügung, die über 9 Millionen Haushalte und Gewerbekunden sowie die Industrie und Gaskraftwerke mit Wasserstoff versorgen kann.
Im Vergleich dazu haben Forscher die Transformationskosten für Strom ermittelt. "Die Elektrifizierung wird eine der maßgeblichen Säulen im Energiesystem sein. Neben dem Übertragungsnetz kommt den Verteilnetzen eine Schlüsselrolle zu. Für die Umsetzung der Klimaneutralität zum Jahr 2045 ist dabei nicht nur der Bereich Wärme, sondern sind auch die Bereiche Mobilität und insbesondere dezentrale Erzeugung zwingend zusammenzudenken“, so Marco Greve, Geschäftsführer von "ef.Ruhr", die als Projektpartner die Berechnungen im Bereich Strom vorgenommen haben. Zur Abschätzung des Netzausbaubedarfs im Verteilnetz wurde die zukünftige Zubauleistung auf das Betrachtungsgebiet verteilt und die notwendige Netzinfrastruktur bestimmt. Daraus ergibt sich eine Anzahl an zusätzlichen Leitungskilometern und Transformatoren, welche, entsprechend bepreist, eine indikative Abschätzung der Netzausbaukosten ermöglicht. Für Deutschland wurde so ein Netzausbaubedarf über alle Netze und Bundesländer hinweg von rund 730 Milliarden Euro ermittelt, darin enthalten sind die für das Übertragungsnetz innerhalb des Netzentwicklungsplans veröffentlichten Netzausbaukosten in Höhe von 301 Milliarden Euro. Allein im Verteilnetz würde dies einen jährlichen Investitionsbedarf von 20 Milliarden Euro bedeuten, was einer Vervierfachung der Ausgaben im Jahr 2022 entspräche.
Es wird deutlich teurer
Nach Berechnungen des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI) führt der höhere Investitionsbedarf im Jahr 2045 zu einem Anstieg der Netznutzungsentgelte über alle Verbrauchergruppen – Industrie, Gewerbe und Haushalte – hinweg. In einem Basisszenario würden die Netzentgelte für Industriekunden um 7,0 Cent/kWh, für Gewerbekunden um 15,2 Cent/kWh und für Haushaltskunden um 18,0 Cent/kWh steigen.
Andreas Schick, der auch Geschäftsführer der Netze-Gesellschaft Südwest ist, betonte, dass es nicht darum gehe, Wasserstoff gegen Strom auszuspielen. „Zur Erreichung der Klimaziele werden wir beides in erheblichem Umfang benötigen. Aber angesichts der zu erwartenden hohen Kosten ist es dringend erforderlich, keine Wege zu verschließen, sondern vorhandene Infrastruktur zu nutzen und sektorübergreifend zu denken und zu handeln.“ Was Deutschland brauche sei Technologieoffenheit – auch um Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten bzw. weitere hinzuzugewinnen.
Akzeptanz nicht verspielen
Wichtig seien gute Rahmenbedingungen auch für Wasserstoff. Niedrigere Zinssätze als beim Strom seien nicht akzeptabel. „Wir brauchen keine Wettbewerbsverzerrung!“ Zudem sei es wichtig, das Kernnetz nun so schnell wie möglich aufzubauen und nicht erst 2037, sagte er mit kritischem Blick in Richtung Ampel. Insgesamt müsse es der Politik nun darum gehen, die Akzeptanz für die Energiewende nicht zu verspielen.
Was aber, wenn die Umrüstung des Gasnetzes zwar vergleichsweise günstig ist, aber kein Wasserstoff in ausreichenden Mengen verfügbar sein wird? Gerald Linke macht sich da keine Sorgen. „Mengenmäßig gibt es keine Zweifel, dass wir den deutschen Bedarf sogar überdecken können.“ Für den DVGW-Chef steht fest: „Wir dürfen jetzt nicht in eine Rückbauorgie verfallen.“ Wasserstoff und grüne Gase seien nicht nur aus dem Blickwinkel des Klimaschutzes, sondern auch aus rein wirtschaftlichen Überlegungen mehr als nur eine Option für Industrie, Gewerbe und private Haushalte. „Der Tipping Point sind schlussendlich die Netzkosten für Wasserstoff und nicht die reinen H₂-Produktionskosten. Die Analyse zeigt, dass die Versorgung mit grünen Gasen unterm Strich enorm günstiger ist als die Versorgung mit Strom”, so die Schlussfolgerung von Linke mit Blick auf die Berechnungen. Damit die Energiewende für Unternehmen und private Verbraucher bezahlbar bleibt, führt aus Sicht des DVGW an maximaler Technologieoffenheit kein Weg vorbei.
Gasverteilnetze zur Sicherung der Grundlast im Stromnetz notwendig
Ein gutes Argument hierfür sind Gaskraftwerke im zukünftigen Betrieb mit Wasserstoff, die an das Verteilnetz angeschlossen werden müssen. Über 80 Prozent dieser Anlagen – und damit rund drei Viertel der Gesamtleistung von 62 Gigawatt – befinden sich in über einem Kilometer Entfernung vom bestehenden Fernleitungsnetz, also ausschließlich im Bereich des Gasverteilnetzes. „Jede Forderung, die sich mit dem Rückbau der Wasserstoff-kompatiblen und bilanziell bereits mehrfach abgeschriebenen Gasinfrastruktur befasst, ist fahrlässig, gefährdet Investitionsanreize und schadet dem Standort Deutschland insgesamt. Gasverteilnetze sind der größte Hebel für die Energiewende“, so das Fazit des DVGW-Chefs. (amo)



