Luftaufnahme eines Umspannwerks im Stromnetz

Luftaufnahme eines Umspannwerks im Stromnetz

Bild: © Stefan/AdobeStock

Die Debatte um das geleakte Netzanschlusspaket aus dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz sorgt in der Branche für intensive Diskussionen. "Der Entwurf zeigt Licht und Schatten", sagt Simon Koopmann, CEO des Kölner Softwareunternehmens Envelio, im Gespräch mit der ZFK.

Die vielen neuen Transparenzpflichten bezüglich verfügbarer Netzanschlusskapazitäten seien zwar vielversprechend, die vorgesehene 3-Prozent-Grenze sowie die 10-jährige Laufzeit beim Redispatch-Vorbehalt bewertet der Envelio-Chef hingegen kritisch: "Das wirkt auf mich sehr statisch. In den Netzen ist die Situation hingegen hochdynamisch." Entsprechend brauche es einen deutlich datengetriebeneren Ansatz mit regelmäßiger Aktualisierung.

Starre Grenzen versus dynamische Netze

Grundsätzlich hält Koopmann mehr Transparenz über freie und ausgeschöpfte Netzkapazitäten für richtig. "Es ist sinnvoll, offenzulegen, wo im Netz Engpässe bestehen. Der Referentenentwurf sieht dazu einige Veröffentlichungspflichten vor, die in die richtige Richtung gehen."

Problematisch sei jedoch, dass die 3-Prozent-Grenze eine fixe Schwelle mit langer Geltungsdauer – bis zu zehn Jahre – in einem System setzt, dessen Belastung sich binnen weniger Jahre deutlich verändern könne. Anschlusskapazitäten seien keine statische Größe: Netzausbau, Flexibilitäten, Lastverschiebungen oder neue Einspeiser veränderten die Situation laufend.

"Wenn es bei starren Grenzen bleibt, wäre das ein potenzieller Bremsklotz." Statt fixer Schwellenwerte brauche es eine kontinuierliche, datenbasierte Bewertung der tatsächlichen Netzanschlusskapazitäten.

Transparenz als Lenkungsinstrument

Wie das aussehen kann, zeigt Envelio bereits in den USA: Dort erstellt das Unternehmen Netzkapazitätskarten, die bis auf Grundstücksebene transparent machen, wo noch Anschlussmöglichkeiten bestehen. Antragsteller erhalten so frühzeitig eine belastbare Einschätzung, ob ihr Projekt voraussichtlich realisierbar ist – und können ihre Planungen entsprechend ausrichten.

Einzelne Netzbetreiber in Deutschland gingen bereits in diese Richtung, so Koopmann. Doch das Potenzial sei noch längst nicht ausgeschöpft. Mehr Transparenz entfalte eine Lenkungswirkung und könne Anschlussprozesse beschleunigen. "Früher oder später kommt im Netzanschlussprozess ohnehin ein Ergebnis heraus. Die Frage ist nur: Bekommt der Kunde es sofort oder erst in acht Wochen?"

Mehr als die Hälfte der Anschlusspunkte

Envelio gilt als Marktführer für Digitalisierungssoftware im deutschen Verteilnetz und ist inzwischen auch international aktiv. Herzstück der Lösung ist ein digitaler Zwilling des Stromnetzes, der Netzanschluss, Netzplanung und Netzbetrieb integriert abbildet – inklusive der Anforderungen aus § 14a EnWG. Kunden sind ausschließlich Verteilnetzbetreiber – von großen Eon-Töchtern bis zu kleineren Stadtwerken.

Mit über 80 Kunden in Deutschland – insgesamt rund 90 weltweit – deckt der Softwareanbieter nach eigenen Angaben mehr als die Hälfte aller Anschlusspunkte hierzulande ab. Einige der am weitesten digitalisierten Kunden verwalten mehrere Millionen Anschlusspunkte mit der Plattform, darunter Verteilnetzbetreiber aus dem Eon-Konzern, zu dem Envelio selbst gehört.

Der Handlungsdruck steige dabei nicht nur bei großen, sondern zunehmend auch bei kleinen Netzbetreibern. "Je komplexer der Betrieb wird, desto mehr muss man zwingend automatisieren", sagt Koopmann. Die Lösung sei skalierbar – technisch wie preislich. Durch effizientere Onboarding-Prozesse lohne sich der Einsatz mittlerweile auch für kleinere Netzbetreiber.

Während große Netzbetreiber tendenziell über konkrete Rollout-Pläne für intelligente Messsysteme verfügen, gebe es bei kleinen wie großen Unternehmen sehr unterschiedliche Digitalisierungsstände. Entscheidend sei, den digitalen Zwilling nicht nur als Visualisierung zu nutzen, sondern konsequent in operative Prozesse zu integrieren – vom Netzanschluss über die Planung bis in den Betrieb.

Regulierung als Druckpunkt für Digitalisierung

Den regulatorischen Rahmen bewertet der Branchenexperte insgesamt positiv. Das Qualitätselement in der Anreizregulierung der Bundesnetzagentur setze bereits wichtige Impulse. "Das ist ein guter Ansatz und wird an vielen Stellen einen Druckpunkt für Digitalisierung setzen."

Perspektivisch könnten dynamische Netzentgelte eine weitere Entwicklungsstufe darstellen. Voraussetzung sei jedoch eine belastbare digitale Infrastruktur in den Verteilnetzen.

Für Koopmann steht fest: Die Energiewende werde im Verteilnetz entschieden. Statt statischer Schwellenwerte brauche es transparente, datenbasierte Entscheidungsgrundlagen. Nur so lasse sich der Spagat zwischen schnellerem Anschluss neuer Anlagen und einem sicheren Netzbetrieb dauerhaft bewältigen.

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