Eine Mieterstromanlage in Potsdam

Eine Mieterstromanlage in Potsdam

Bild: © Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

Von Julian Korb

Mitte Mai hat der Bundesgerichtshof (BGH) entschieden, dass viele Mieterstromprojekte nicht von den Erleichterungen sogenannter Kundenanlagen profitieren. Die Folge: Die Wirtschaftlichkeit zahlreicher Modelle steht auf dem Prüfstand. Doch mehrere Unternehmen lassen sich davon nicht aufhalten und schmieden neue Allianzen, um den Markt zu erschließen.

So gab das Hamburger Energieunternehmen 1Komma5Grad am Donnerstag eine strategische Partnerschaft mit dem Münchener Softwareanbieter Ampeers Energy bekannt. Das Ziel: großflächige Lösungen für Mehrfamilienhäuser. "Die Optimierung des Eigenverbrauchs im Einfamilienhaus ist längst zum Standard geworden", sagt 1Komma5Grad-CEO Philipp Schröder. Mehrfamilienhäuser seien dagegen weitgehend unerschlossen. Ihr Marktpotenzial sei riesig. "Bislang hat niemand im großen Stil Projekte auf die Straße gebracht, weil die Komplexität für kleine Installationsbetriebe schlicht zu hoch ist."

Komplettlösungen für Tausende Wohneinheiten

Das Hamburger Unternehmen soll dabei für mehr als 300.000 Wohneinheiten von Ampeers Energy in Deutschland künftig Komplettlösungen aus Photovoltaik, Batteriespeichern und Wärmepumpen installieren. 1Komma5Grad unterhält nach eigenen Angaben ein landesweites Netzwerk aus rund 50 unternehmenseigenen Meisterbetrieben. Ampeers Energy wiederum soll die strategische Beratung der PV-Belegung, die Planung des Mieterstromkonzepts, sowie den Betrieb der Mieterstromanlage übernehmen. Gemeinsam können die Unternehmen nach eigenen Angaben PV-Anlagen, Planung und Installation ab 890 Euro pro installiertem Kilowatt Peak anbieten.

Nach Angaben von 1Komma5Grad soll die neue Partnerschaft den Prozess im Marktvergleich einfacher, schneller und günstiger machen. So könnten die beiden Unternehmen den Preis um mehr als ein Drittel senken und Amortisationszeiten von unter zwölf Jahren erreichen.

Ökostromtarif für Mieterstrom

Es ist nicht die einzige neue Partnerschaft im Markt: Am Mittwoch gab der Stuttgarter Platzhirsch Metergrid eine Kooperation mit dem Softwareunternehmen Rabot Energy bekannt. Ab Anfang Juli bieten beide Partner den ersten vollständig integrierten Ökostromtarif für Mieterstromprojekte an. Damit ließen sich erstmals PV- und Netzstrom nahtlos, automatisiert und digital in einem Tarifmodell kombinieren, heißt es.

Damit soll kein manueller Lieferantenwechsel mehr nötig sein und die Abstimmung mit dem Netzbetreiber soll für Kunden entfallen. Die beiden Unternehmen versprechen Mietern im Schnitt 15 Prozent geringere Stromkosten, bei 10 Prozent mehr Rendite für Vermieterinnen.

Metergrid betreibt derzeit rund 1500 Projekte mit rund 37.500 Bewohnern. Das junge Unternehmen sieht bei über 3,2 Millionen Mehrparteienhäusern in Deutschland ein hohes Wachstumspotenzial und will das eigene Projektvolumen im laufenden Jahr voraussichtlich um über 300 Prozent steigern.

Rechtliche Grauzone

Für die Bekanntgabe der neuen Partnerschaften haben die Branchenakteure einen interessanten Zeitpunkt gewählt. Denn ein Urteil des BGH zur Regulierung von Kundenanlagen hatte in den vergangenen Wochen in der Branche für enorme Verunsicherung gesorgt. Damit stünden zahlreiche Wohnungsunternehmen "vor erheblichen Herausforderungen", sagte etwa Axel Gedaschko, Präsident des Spitzenverbandes der Wohnungswirtschaft GdW. "Nach dem Urteil droht vielen Bestandsanlagen, die Strom in Mieterstrom und Quartierskonzepten verteilen, eine Neuauslegung als reguläre Verteilernetze – mit gravierenden Folgen."

Der Branchenvertreter befürchtet, dass Tausende bestehende Versorgungsanlagen durch das Urteil in eine "extreme rechtliche Grauzone" geraten. Damit drohe eine aufwendige und flächendeckende Neubewertung dieser Anlagen. In vielen Fällen würden diese Versorgungsmodelle "nun faktisch unmöglich gemacht", so Gedaschko weiter. "Schon jetzt ist spürbar, dass der Solarausbau im Wohngebäudebestand stoppt."

Der Entscheidung des höchsten deutschen Zivilgerichts war ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) mit ähnlicher Stoßrichtung vorausgegangen. "Ich gehe davon aus, dass der deutsche Gesetzgeber einfach den Begriff der Kundenanlage so anpassen wird, dass es für Mieterstromprojekte hinter einem Hausanschluss wieder funktioniert", sagte damals Metergrid-Geschäftsführer Julian Schulz der ZfK. Bei Quartierskonzepten hingegen könne es schwieriger werden, so die damalige Einschätzung.

Die genauen Entscheidungsgründe des BGH sind bislang noch nicht einsehbar. Auch deshalb halten sich Branchenstimmen noch mit konkreten Lösungsvorschlägen zurück. Bislang genannt wurden etwa klare Übergangsfristen und die Entwicklung neuer, praxisnaher Lösungen für Quartierskonzepte. Branchenbeobachter gehen tendenziell davon aus, dass dezentrale Versorgungskonzepte innerhalb von Gebäuden auch künftig möglich sind, ohne dass Netzpflichten entstehen.

Großes Potenzial bei Mieterstrom

Das Potenzial für Mieterstrom gilt als weiterhin groß. Nach dem Gebäudeenergiegesetz – auch als Heizungsgesetz bekannt – muss der Gebäudebestand in Deutschland bis 2045 klimaneutral werden. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft aus 2024 könnten mehr als 14 Millionen Haushalte wirtschaftliche Vorteile aus Mieterstrommodellen ziehen. Das entspräche gut 75 Prozent aller Mehrfamilienhäuser in Deutschland.

Trotzdem bleibt die flächendeckende Umsetzung noch aus: Regulatorische Unsicherheiten, wirtschaftliche Hürden und fehlende praktikable Umsetzungslösungen bremsen den Fortschritt. Branchenstimmen sagten der ZfK zuletzt aber, dass das Interesse von Vermietern und Wohnungseigentümern nach solchen Lösungen zuletzt spürbar zugenommen habe.

Im Markt ist daher auch viel Bewegung zu beobachten. Zuletzt sorgte der Kölner Anbieter Einhundert Energie für Aufsehen, als er das gesamte Mieterstromportfolio des Mitbewerbers Energie schluckte. Der französische Energiekonzern war zuvor mit der Marke Solarimo ein bekannter Name in der Branche.

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