
Wenn mit Mitte 50 plötzlich der Job wackelt oder der Vorstandsposten gestrichen wird, sehen viele Führungskräfte kaum noch Perspektiven. Doch gerade in dieser Lebensphase steckt enormes Potenzial: Jahrzehntelange Erfahrung, ein gewachsenes Netzwerk – und die Chance, noch einmal ganz neu durchzustarten, sagt im Experteninterview Hans-Peter Luippold, Geschäftsführer der Plattformen Manager.de und Stellenmarkt.de und seit 25 Jahren Personalberater mit Führungserfahrung.
Berufliche Veränderung kann der Ausgangspunkt einer neuen Erfolgsgeschichte sein. Doch man müsse gut vorbereitet sein und sich früh in der Branche positionieren.
Herr Luippold, Karriereplanung im Alter beginnt viel früher, als viele glauben. Was meinen Sie damit – gerade mit Blick auf die Kommunal- und Versorgungswirtschaft?
Ganz genau, je früher, desto besser. Man sollte früh wissen, wo man am Ende seiner Karriere stehen möchte, schauen, ob man die Fähigkeiten dafür hat – und dann mit einer klaren Zielrichtung daran arbeiten. In der kommunalen Welt sieht man bei jüngeren Leuten relativ schnell, wer nach oben will und wer eher sagt: "Ich bleibe im Mittelmanagement, da bin ich gut aufgehoben." Beides ist legitim – aber es sollte bewusst entschieden sein. Wer früh das Alter mitdenkt, sich fachlich gut aufstellt, Netzwerke pflegt und Erfolge sichtbar macht, hat auch mit 50plus noch sehr gute Chancen.
"In der Privatwirtschaft dominieren oft Kennzahlen und Rendite. In der Kommunalwirtschaft braucht es zusätzlich ‘kommunale Intelligenz’".
Wie realistisch ist es konkret, mit über 50 im kommunalen Bereich nach einer Station bei einem Stadtwerk neu durchzustarten?
Sehr realistisch. In der kommunalen Wirtschaft zählt die Kombination aus Leistung und Networking – plus politische und gesellschaftliche Einbindung. Wer sich engagiert, in Gremien mitarbeitet und Verantwortung übernimmt, verbessert seine Chancen deutlich. Gerade auf Führungsebene sind Durchsetzungsstärke, Projektkompetenz und gute Verbindungen entscheidend. Wer gezeigt hat, dass er ein Stadtwerk oder ein großes Infrastrukturprojekt gegen Widerstände zum Erfolg führen kann, wird weiterempfohlen.
Wie offen ist die kommunale Versorgungsbranche für Bewerberinnen und Bewerber 50plus – im Vergleich zu börsennotierten Energieunternehmen?
In der Privatwirtschaft dominieren oft Kennzahlen und Rendite. In der Kommunalwirtschaft braucht es zusätzlich "kommunale Intelligenz": Verständnis für politische Prozesse, Bürgerinteressen und lokale Befindlichkeiten. Wer das mitbringt, hat gute Chancen – auch mit 50plus. Entscheidend ist, wie jemand seine Rolle und Leistungen in die Kommune hinein kommuniziert und wie empathisch er mit Bürgern, Mandatsträgern und Mitarbeitenden umgeht. Wer Management-Skills mit kommunaler Verantwortung verbindet, ist sehr gefragt.
"Gerade bei kritischer Daseinsvorsorge wie Strom, Wasser oder Abfallentsorgung ist diese Kombination aus Risiko-Verständnis, Fehlergeschichte und Verantwortungsbewusstsein enorm wichtig."
Was ist aus Ihrer Sicht das größte Asset eines Managers 50plus – etwas, das Jüngere so nicht haben?
Erfahrung, Erfahrung, Erfahrung – aber nicht im Sinne von "Das haben wir schon immer so gemacht", sondern als reflektierter Prozess. Ein Manager 50plus kann sagen: "Das haben wir vor zehn Jahren probiert, es ist damals aus diesen Gründen gescheitert – heute mit neuer Technologie und einem anderen Set-up können wir es besser machen."
Gerade bei kritischer Daseinsvorsorge wie Strom, Wasser oder Abfallentsorgung ist diese Kombination aus Risiko-Verständnis, Fehlergeschichte und Verantwortungsbewusstsein enorm wichtig. Und in der aktuellen Phase der Digitalisierung – Übergang von analog zu digital, Smart Grids, Glasfaser, IoT – ist es Gold wert, wenn jemand sowohl die "alte" Infrastruktur kennt als auch die neue Welt versteht und zusammenführen kann.
Typisches Vorurteil: Ältere seien weniger flexibel, schwerer "formbar" und digital schwächer. Wie berechtigt ist das?
Generationenwechsel gibt es immer, Digitalisierung beschleunigt das. Entscheidend ist aber: Wie innovativ ist die persönliche Karriereplanung? Wer sich weiterbildet, an neuen Themen dranbleibt und Best Practices verfolgt, ist mit 55 keineswegs "veraltet". Viele meiner Klienten aus der kommunalen Wirtschaft netzwerken bewusst, besuchen Fachtagungen und Weiterbildungen und fragen: "Was kommt als Nächstes?" Solche Leute sind wegen ihres Alters gefragt – nicht trotz. Das kann als Führungskraft in einem neuen Bereich als Gründer oder Berater sein und sehr erfüllend wirken. Das zeigen meine Beratungsgespräche deutlich.
Wie wichtig ist es, sich als Expertin oder Experte früh für ein bestimmtes Thema zu positionieren?
Aus meiner Sicht ist das zentral. Man sollte früh klären: Wofür stehe ich fachlich? Was kann ich, das für kommunale Unternehmen wirklich wertvoll ist? Ein Beispiel: Glasfaserausbau. Wenn eine Kommune das schneller und effizienter hinbekommen hat als andere und jemand dieses Projekt verantwortet hat, dann ist das eine klare Expertise. Diese Person kann sagen: "Ich weiß, wie wir so etwas umsetzen – technisch, organisatorisch, politisch." Das spricht sich herum.
Wer nur "seinen Job gut macht", bleibt oft unsichtbar. Wer sich hingegen als Experte für ein klar umrissenes Thema positioniert, Artikel schreibt, auf Veranstaltungen spricht und Best Practices teilt, wird als Ansprechpartner wahrgenommen. So entsteht das Bild: "Der oder die kennt sich mit diesem Thema wirklich aus."
Welche Rolle spielen soziale Netzwerke für Führungskräfte in der Kommunalwirtschaft?
Sie sind wichtig, aber mit Maß. Social Media ist ein Instrument für Selbstbranding und Kommunikation. Man sollte präsent sein, Entscheidungen und Projekte erklären und sachlich Stellung beziehen. Doch es geht nicht darum, bei TikTok als "kommunaler Promi" aufzutreten, sondern seriös zu informieren – etwa auf LinkedIn oder über Kanäle der Stadtwerke. Wichtig ist auch, zu verfolgen, was dort über die eigene Arbeit diskutiert wird, Shitstorms frühzeitig zu erkennen.
Warum ist Beratung ein realistischer zweiter Karriereweg für 50plus-Führungskräfte aus der Kommunalwirtschaft?
Stadtwerke holen gerne Berater, die kommunale Strukturen kennen. Das kann sich finanziell lohnen. Man muss aber genau prüfen: Wie ist meine Altersversorgung, welches Risiko gehe ich ein? Wer sich früh zusätzlich abgesichert hat, kann Selbstständigkeit gut als "zweite Karriere" nutzen.
"Wer nur ‘seinen Job gut macht’, bleibt oft unsichtbar."
Und profitieren auch die kommunalen Unternehmen davon – etwa im Kampf gegen den Fachkräftemangel?
Durch externe Berater können Projekte flexibel vergeben werden, ohne neue Stellen schaffen zu müssen. Das entlastet und bringt frischen Input. Auch Projektgesellschaften und PPPs – Public Private Partnerships – gewinnen an Bedeutung, weil sie das Know-how erfahrener Manager gezielt in kommunale Strukturen einbinden.
Was können Arbeitgeber tun, um das Potenzial von Mitarbeitenden 50plus besser zu nutzen?
Es braucht eine gute Arbeitsatmosphäre und eine Kultur, die Vielfalt schätzt. Ältere haben andere Lebenssituationen – Krankheit, Pflege, andere Prioritäten. Wer das ernst nimmt, kann Aufgaben, Arbeitszeiten und Verantwortung passend gestalten. Flexible Modelle gehören dazu: Teilzeit, projektbezogene Einsätze, temporäre Mehrarbeit mit Ausgleich. Wichtig ist, dass Führungskräfte im Management nah an den Menschen sind und wissen, wie sie sie einbinden können.
Zum Schluss: Was geben Sie Beschäftigten für die Zeit 50plus mit auf den Weg?
Machen Sie sich bewusst: Karriere in der Kommunalwirtschaft ist immer ein menschliches Thema. Fachliche Expertise ist Pflicht, der Umgang mit Menschen macht es dann besonders. Es geht um Demokratie, Politik, Bürgernähe und Daseinsvorsorge. Wer hier Karriere machen will, sollte früh lernen, mit Politik umzugehen – auch ohne Parteibuch muss man politisch eingebunden sein. Anders funktioniert es selten.
Die Karriere endet nicht mit 50. Wer Ziele hat, sich weiterentwickelt, Netzwerke pflegt und Erfolge kommuniziert, bringt einen Erfahrungsschatz ein, der extrem wertvoll ist. Und selbst wenn man spät aufwacht: Es ist nie zu spät, sich neu zu positionieren – in Führungsaufgaben, Projekten oder der Beratung.
Das Interview führte Boris Schlizio
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